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Gedanken zur Woche

Selbstverantwortlich entscheiden und leben

„Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“: Pater Hans Peters SVD von der katholischen Kirche über den Mut moralische, religiöse und gesetzliche Hürden auch mal zu überspringen, um persönliche Not zu überwinden.

Simon Jordaens (circle) Christus heilt die blutflüssige Frau

Simon Jordaens (circle) Christus heilt die blutflüssige Frau

Zwölf Jahre können lang sein, zumal wenn man sich mit so einer Krankheit herumschlägt: ich meine die blutflüssige Frau, von der im heutigen Sonntagsevangelium im fünften Kapitel bei Markus die Rede ist (Mk 5,25-34). Zwölf Jahre leidet sie an ihrer Krankheit leidet und findet keine Heilung. Von Pontius zu Pilatus ist sie gelaufen und hat ihr ganzes Vermögen bei Ärzten durchgebracht. Dabei ist diese Erkrankung ja nicht nur ein medizinisches Problem, das wäre schon schlimm genug, nein, sie ist auch ein moralisch-religiöses Problem. Nach dem mosaischen Gesetz, nachzulesen im Buch Levitikus, fünfzehntes Kapitel, ist so eine Frau unrein, und wer mit ihr in Kontakt kommt, wird selbst unrein und ist damit auch und vor allem von der Gemeinschaft mit Gott ausgeschlossen. Eine Frau mit so einem Leiden steht unter einem totalen Kontaktverbot, nicht nur gegenüber Menschen, sondern auch noch gegenüber Gott: es gibt auch einen Tod vor dem Tod.

Aber dann tut sie etwas, was sie noch nie getan hat, was eigentlich verboten ist: „wenn ich nur den Saum seines Gewandes berühre“, sagt sie sich und tut es, und wird nach dem Gesetz schuldig vor Gott. Aber geradezu mit dem Mut der Verzweiflung überspringt sie all diese moralischen und religiösen Hürden und siehe da: sie wird geheilt. Auffallend hier, dass Jesus in den eigentlichen Heilungsprozess gar nicht eingreift: „Dein Glaube hat dir geholfen“. Die Hilfe bist du selbst, dein Glaube hat dir geholfen.

„Dein Glaube hat dir geholfen“

In eigener Verantwortung das suchen, was zum Leben hilft, auch wenn es nicht ganz den Normen entspricht, diese Risiko ist die Frau eingegangen und hat gewonnen. Sie hat ihr Leben in die eigenen Hände genommen, in eigener Verantwortung, egal, was das Gesetz sagt, und siehe da: es geschieht Heilung.
In Deutschland mussten die Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg eine eigene Erfahrung machen. Überall war Hunger und Mangel, es gab Güterzüge mit Kartoffeln und Heizmaterial, nachts schlichen sich die Menschen in ihrer Not heimlich an diese Waggons heran, um sich und ihre Lieben mit dem Lebensnotwendigsten zu versorgen. Eigentlich ein krimineller Akt, aber der damalige Erzbischof von Köln, Kardinal Josef Frings, sagte ganz einfach: „Die Leute müssen doch überleben“, und rechtfertigte damit dieses nicht ganz legale Tun der Menschen. Damals bildete sich der Ausdruck „fringsen“ heraus, Ältere werden ihn noch kennen. In äußerster Notlage darf man oder muss man bisweilen um des Lebens willen Dinge tun, die nicht ganz legal sind, in eigener Verantwortung.

Das tut die Frau: wenn sie sich strikt an das Gesetz gehalten hätte – keine unrein machende Berührung – wäre sie sehr wahrscheinlich nie geheilt worden.

Lebenssituationen außerhalb von Gesetz und Regeln

Gesetze, Regeln sind notwendig, aber das Leben ist immer auch mehr als Gesetze und Regeln. Es gibt eben Situationen, die mit den normal geltenden Regeln nicht zu bewältigen sind. Ich denke zum Beispiel an Menschen im Kirchenasyl: ja, illegal – aber kann man Menschen nach den geltenden Regeln einfach abschieben und sie damit in Situationen zurückschicken, die sie überfordern und somit für sie lebensbedrohlich werden? Auch in sehr persönlichen Lebenssituationen stellen sich diese Fragen. Ich denke an Geschieden-Wiederverheiratete in der Kirche, die nach ihrem Platz im Leben der Kirche, gerade auch im sakramentalen Leben der Kirche suchen.

Alle Beispiele sind natürlich mit Vorsicht zu genießen, die Gefahr des Missbrauchs ist immer da. Aber es gibt sie doch: Lebenssituationen, die irgendwie außerhalb der Regel stehen, seien es staatliche oder kirchliche Regeln, aber wo das Leben bisweilen Antworten erfordert, die nur in eigener Verantwortung gegeben werden können, auch mit einer gewissen Diskrepanz, ja bisweilen sogar im Widerspruch zur Regel.

„Dein Glaube hat dir geholfen“ – du hast dir selbst geholfen, in eigener Verantwortung. „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“, ist vielleicht zu simpel, aber ganz verkehrt ist es nicht.

Pater Hans Peters SVD, Steyler Missionar, Goch

P. Hans Peters SVD

Zum Autor:

Pater Hans Peters SVD gehört seit 1967 dem Orden der Steyler Missionare an, in dem er in vielen verschiedenen Funktionen gewirkt hat und bis heute wirkt, unter anderem in der Jugendarbeit, als Novizenmeister und im Rektorat des Missionshauses St. Michael in Steyl (Niederlande). Seit 2008 arbeitet der gefragte Seelsorger und Lebensberater als Wallfahrtsseelsorger in Goch am Niederrhein. Seit 1994 schreibt er regelmäßig für die christliche Familienzeitschrift „Stadt Gottes“.
Redaktionelle Verantwortung: Dr. Silvia Becker, Katholische Hörfunkbeauftragte, und Alfred Herrmann