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Afrika

Selbstmordattentäterinnen verbreiten Angst und Schrecken

In Nigeria bekommen Angriffe der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram eine neue erschütternde Dimension: Selbstmordattentäter sind zunehmend minderjährig und weiblich. Die Menschen fühlen sich kaum noch sicher.

Die Selbstmordanschläge vom Wochenende halten die nigerianische Öffentlichkeit in Atem: Im Bundesstaat Yobe rissen am Sonntag (11.01.2015) zwei Selbstmordattentäterinnen vier Menschen mit in den Tod und verletzten 21 weitere. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen und von Krankenhausmitarbeitern sprengten sich die Mädchen auf einem gut besuchten Markt in der Stadt Potiskum in die Luft. Eine der Attentäterinnen war laut Sicherheitskräften erst 15 Jahre alt, die zweite soll 20 Jahre alt gewesen sein. Einen Tag zuvor hatte sich ein zehnjähriges Mädchen in der Stadt Maiduguri in der Nachbarprovinz Borno in die Luft gesprengt und dabei 19 Menschen getötet.

"Ich bezweifele stark, dass sie wirklich wusste, was an ihrem Körper befestigt war", sagte Ashiru Mustapha, ein Mitglied einer örtlichen Bürgerwehr, über die zehnjährige Attentäterin. Der Sprengsatz sei detoniert, als das Mädchen am Zugang zu dem geschäftigen Markt durchsucht wurde.

"Die Angriffe haben die Menschen noch mehr verängstigt", erklärt der Nigeria-Korrespondent der DW, Al-Amin Muhammad. "Die Menschen fühlen sich kaum noch irgendwo sicher."

Wer sind die Mädchen?

Es sei sehr schwierig, an gesicherte Informationen über die Hintergründe der Selbstmordattentäterinnen zu kommen, sagt Elizabeth Pearson, Doktorandin am Londoner King's College. Pearson forscht zum Thema Radikalisierung und Verteidigung und ist Mitglied im Nigeria Security Network.

Elizabeth Pearson (Foto: Nigeria Security Network, John Clark)

Selbstmordattentäterinnen sind Publicity für Boko Haram, so Pearson

Im Dezember 2014 konnte ein Attentat eines 13-jährigen Mädchens verhindert werden. Ihre Aussagen gegenüber der Polizei waren sehr aufschlussreich, so Pearson. "Das Mädchen erzählte, ihre Eltern seien Boko-Haram-Anhänger und hätten sie gezwungen, den Anschlag auszuüben. Sie habe sich geweigert und sei weggelaufen. Sollte ihre Geschichte stimmen, würde das bedeuten, dass Boko-Haram-Sympathisanten dazu bewegt werden, ihre Kinder für solche Attentate herzugeben."

Andere Hinweise aus den Anschlägen auf die nordnigerianische Stadt Kano im vergangenen Jahr lassen darauf schließen, dass Boko Haram Straßenkinder rekrutiere, sagt Pearson. "Sie können vermutlich sehr leicht überredet werden, Anschläge zu begehen, ohne dass sie eine genaue Vorstellung davon haben, was sie dort eigentlich tun." Andere Familien werden möglicherweise dafür bezahlt, dass sie ihre Kinder für Anschläge Boko Haram überlassen, so Pearson. Bei den ganz jungen Attentäterinnen sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie gezwungen werden. In manchen Fällen würden sie von Männern begleitet, die sicherstellen, dass sie die auch Tat ausüben.

Bittere Ironie dabei: Frauen und Mädchen sind weniger verdächtig als Männer - sie können sich unauffälliger in den Märkten bewegen, sie passieren leichter die Sicherheitskontrollen. "Doch die Menschen werden immer misstrauischer, auch jungen Frauen gegengenüber", sagt DW-Korrespondent Al-Amin Muhammad.

"Wir sind es gewohnt, Frauen freundlich und zuvorkommend zu begegnen. Wir waren es bisher nicht gewohnt, dass Frauen in unseren Ländern Terroranschläge begehen", sagte der nigerianische Sicherheitsexperte Yelwaji Babbaj der DW. "Es ist für uns eine neue Erkenntnis, dass auch Frauen zu solchen Methoden greifen."

Mädchen, die sich töten - ein Symbol der Stärke von Boko Haram

Nigeria Selbstmordanschlag 28.07.2014 (Foto: source said. REUTERS/Stringer)

Im Juli 2014 sprengten sich zwei Selbstmord-Attentäterinnen auf einem Markt in Kano in die Luft

Frauen als Attentäterinnen? Für islamistische Gruppen sei das eher unüblich, sagt Pearson: "Männer kämpfen, Frauen dürfen unterstützen und glauben." Es habe Fälle von eher säkularen Terrorgruppen gegeben, die Frauen in letzter Verzweiflung rekrutiert haben, da es ihnen an männlichen Mitstreitern mangelte. Doch Boko Haram nutze die weiblichen Attentäterinnen als ein Symbol der Stärke, so Pearson in einem ihrer jüngsten Artikel. Denn: die Terrorgruppe kalkuliert die enorme Publicity, die zehnjährige Selbstmordattentäterinnen haben werden. "Das ist schockierend, es macht noch mehr Angst, es zeigt die Brutalität und Kaltblütigkeit der Gruppe."

Die ersten Anschläge von jungen Frauen hat es in Nigeria im Juni 2014 gegeben - nur wenige Monate nach der Entführung der Mädchen von Chibok. Prompt hätten die Medien spekuliert, es könne sich bei den Attentäterinnen um Mädchen aus Chibok handeln, beobachtete Pearson. "Ich bin sicher, das gehört ganz bewusst zur Strategie von Boko Haram. Sie wussten, die Medienberichterstattung wird ihre Popularität und gleichzeitig die Angst steigern." Beweise, dass es sich bei den Attentäterinnen tatsächlich um Chibok-Mädchen handele, gebe es allerdings nicht, betont Pearson.

Machtloses Militär?

Anschläge von blutjungen Mädchen lassen die Machtlosigkeit der nigerianischen Sicherheitskräfte noch deutlicher zutage treten. "Das Gefühl, Boko Haram bestimmt das Geschehen und sie können machen, was sie wollen, kommt der Gruppe letztendlich zugute", so Pearson.

Sicherheitskräfte in Nigeria (Foto: PIUS UTOMI EKPEI/AFP/Getty Images)

Viele Nigerianer haben kein Vertrauen mehr in die Sicherheitskräfte

Nigerias Präsident Goodluck Jonathan hat inzwischen zwar Fehler der Armee im Kampf gegen die Terrorgruppe Boko Haram eingeräumt. Aber die Nigerianer wollen endlich Taten sehen, sagt Elisa Danladi, Frauenrechtlerin der Initiative for African Women in Gombe, Nordostnigeria.

"Sie sollen endlich kommen und intervenieren. Aber wir stoßen nur auf taube Ohren. Das ist eine unhaltbare Situation. Wir Frauen aus Nigeria fordern zum wiederholten Male die nigerianische Regierung auf, uns und unsere Töchter zu schützen."

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