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Politik

Selbstmordanschläge vor Waffenfabrik in Pakistan

Fast 60 Menschen sind bei zwei Selbstmordanschlägen auf eine Waffenfabrik in Wah getötet worden. Zu der Tat bekannten sich die radikal-islamischen Taliban.

Ausgebreitete Schuhe zur Identifikation der Toten (ap)

Identifikation der Toten über ihre Schuhe

Die Attentäter zündeten am Donnerstag (21.08.2008) ihre Bomben an zwei Werkstoren des schwer bewachten Industrie-Komplexes, als die Arbeiter zum Schichtwechsel gerade das Fabrikgelände verlassen wollten. Zunächst explodierte ein Sprengsatz vor dem Haupteingangstor, kurz darauf 500 Meter entfernt an einem anderen Ausgang. Nach Angaben des örtlichen Krankenhauses wurden mindestens 59 Arbeiter von den Explosionen getötet, mindestens 90 weitere wurden verletzt. Soldaten riegelten den Zugang zu dem Tatort ab.

Ein Augenzeuge: "Es gab zwei laute Explosionen und ganz viel Rauch. Ich rannte zum Tatort. Überall lagen Leichen herum, blutverschmierte Verletzte schrien um Hilfe."

Wah ist das Zentrum der pakistanischen Rüstungsindustrie. Dort arbeiten etwa 40.000 Menschen in 20 Fabriken, in denen Waffen und Munition prdouziert werden. Nur wer in der Stadt etwa 35 Kilometer nördlich der Hauptstadt Islamabad wohnt oder eine Zugangsberechtigung besitzt, darf den Komplex betreten oder dort hineinfahren.

Trainingslager islamistischer Extremisten im afghanisch-pakistanischen grenzgebiet (Archivfoto 2001) Quelle: ap

Trainingslager islamistischer Extremisten im afghanisch-pakistanischen grenzgebiet (Archivfoto 2001)

Taliban bekennen sich

Die radikal-islamischen Taliban übernahmen die Verantwortung für den Doppelanschlag. Maulvi Omar, der Sprecher der militanten Dachorganisation Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP), sagte dem pakistanischen Nachrichtenkanal Geo, damit würden Angriffe der pakistanischen Armee in Badschaur und im Swat-Tal vergolten. "Wir haben weitere Selbstmordattentäter, die bereit sind, entsprechende Anschläge auch in anderen Städten des Landes zu verüben". Am Montag (18.08.2008) hatten sie der Regierung ein 24-Stunden-Ultimatum zur Beendigung der Offensive gesetzt.

Menschenmenge schaut auf einen Bombenkrater in einer Brücke im Swat-Tal. (ap)

Anschlag auf eine Brücke im Swat-Tal

Im Juli hatte die Armee ihre Offensive im Swat-Tal gestartet, vor zwei Wochen dann in Badschaur. Dabei wurden zahlreiche Extremisten getötet. Beide Gebiete nahe der afghanischen Grenze gelten als Hochburgen und Rückzugsgebiete von Taliban und El Kaida.

Regierung: Kampf gegen Extremisten geht weiter

Die Regierungskoalition aus Pakistanischer Volkspartei (PPP) und der Pakistanischen Muslim-Liga Nawaz (PML-N) verurteilte die Tat. PPP-Chef Asif Ali Zardari kündigte an, solche Anschläge würden nicht dazu führen, dass man im Kampf gegen den Extremismus nachlasse. Seine Frau, die frühere PPP-Chefin und Ministerpräsidentin Benazir Bhutto, war bei einem Selbstmordanschlag während einer Wahlkampfveranstaltung in Rawalpindi Ende Dezember 2007 getötet worden.

Zardari und Sharif auf einem Sofa: Treffen der beiden Anfang August in Islamabad (ap)

Die Regierungskoalition wackelt: Zardai und Sharif bei Gesprächen in Islamabad Anfang August

Im März, einen Monat nach ihrem Machtantritt, führten Zardari und Muslim-Liga-Chef Nawaz Sharif Gespräche über eine Waffenruhe mit den Extremisten. Die Zahl der Selbstmordanschläge ging daraufhin leicht zurück. 2007 und in den ersten Monaten 2008 wurden mehr als 4000 Menschen durch Anschläge getötet.

Koalition wackelt

Die Extremisten nutzen offenbar die instabile politische Lage im Land nach dem von der PPP und der PML-N erzwungenen Rücktritt von Präsident Pervez Musharraf aus. Die PML-N drohte im Streit über die Wiedereinsetzung von 60 Richtern am Donnerstag, die Koalition erneut zu verlassen. Ein Sprecher sagte, falls die 60 Richter, darunter der frühere Oberste Richter Iftikhar Chaudry, nicht wieder in ihre Ämter eingesetzt würden, werde "man keine andere Wahl haben, als in die Opposition zu gehen."

Plakat mit Bild Musharrafs wird abgekratzt (ap)

Die Musharraf-Plakate waren schnell beseitigt

Die Richter waren von Musharraf im vergangenen Jahr entlassen worden. Die PPP sträubt sich nach eigenen Angaben nicht grundsätzlich gegen eine Wiedereinsetzung der Richter, verbindet diese aber - wie es hieß - mit weiteren "Reformen". Beobachter gehen davon aus, dass damit unter anderem eine Immunität vor Strafverfolgung für Musharraf gemeint ist. Außerdem habe PPP-Chef Zardari selbst kein großes Interesse an der Rückkehr vor allem des Chefrichters, da dieser möglicherweise die Korruptionsermittlungen gegen ihn wieder anstoßen könnte. Zardari wird Interesse am Amt des Staatspräsidenten nachgesagt.

Seit Dienstag bemühen sich Vertreter zweier kleinerer Koalitionspartner um eine Vermittlung. Die Börsen spiegelten in den vergangenen beiden Tagen die unsichere politische Lage wieder: Nach einer anfänglichen Hausse, hervorgerufen durch den Rücktritt Musharrafs am Montag, fielen die Kurse in den vergangenen zwei Tagen um 27 Prozent. (hy)

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