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Kultur

Selbstbewusste Akrobaten

Auf Stelzen, am Trapez und mit Hola-Hoop-Reifen: Menschen mit dem Down-Syndrom können wunderbare Artisten sein. Das beweist der Berliner Circus Sonnenstich seit 15 Jahren.

Junge Akrobaten des Circus Sonnenstich auf der Bühne (Foto: Sandra Schuck)

Circus Sonnenstich

Einmal küssen sie sich. Ganz kurz und ganz ernsthaft. Das gehört zur Choreographie ihrer Boden-Akrobatik-Nummer. Und dann gleiten Hagen und Maria in die nächste Hebefigur, sie umkreisen sich, Maria schlägt ein Rad, Hagen schließt sie in die Arme. Konzentriert sind die beiden und wirken doch ganz gelöst, bewegen sich anmutig im Rhythmus des melodischen Gesangs von Julia Fiebelkorn, die zusammen mit ihrem Duo-Partner, dem Gitaristen Rodrigo Santa Maria, einige Meter neben den beiden Artisten steht. In die Weite der stickigen Turnhalle hinein singt Julia. Und Hagen und Maria drehen sich, sind ganz bei sich, machen Schritte und Rollen, sinnlich und poetisch-schön. Als sie sich schließlich verbeugen, applaudieren alle, Hagen, mit gerötetem Kopf, klatscht auch, Maria streicht sich verlegen eine Strähne ihres Haares aus dem Gesicht.

Berührende Erfolge

Sie haben geübt, für die große Gala anlässlich des 15. Geburtstags des Circus Sonnenstich im Berliner Wintergarten Varieté. Und alles hat geklappt und eine unglaubliche Wirkung entfaltet. Obwohl Hagen ausgebeulte Trainingshosen anhat und ein schlabberiges T-Shirt, obwohl Kostüme und Make-up noch fehlen. Ein zartes Lächeln huscht über Marias Gesicht. Seit zehn Jahren gehört sie zum Circus Sonnenstich. Sehr zaghaft soll sie anfangs gewesen sein. Man mag es kaum glauben, wenn man sie heute als Akrobatin erlebt – als Partnerin von Hagen, beim Kugellauf oder am Trapez.

Hagen (r.) und Maria auf der Bühne (Foto: Sandra Schuck)

Kleines Glück auf der Bühne

Der Circus Sonnenstich ist aus einer kleinen Freizeitgruppe entstanden, die Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit geboten hat, Zirkus zu machen. Die meisten von ihnen wurden mit dem Down-Syndrom geboren, zugetraut wurde ihnen zumeist nicht besonders viel. Beim regelmäßigen Training mit Michael Pigl-Andrees und seinem über die Jahre gewachsenen Team aus einfühlsamen Zirkuspädagogen, Artisten und der Regie führenden Schauspielerin Anna-Katharina Andrees aber haben die jungen Menschen erstaunliche Potentiale entfaltet und großartige Kompetenzen erworben. Heute gehören 16 Artistinnen und Artisten zwischen 19 und 26 Jahren zum Zirkus Sonnenstich - und sie tanzen Walzer auf Stelzen, bezaubern am Trapez, lassen Hula-Hoop-Reifen kreisen und zeigen die tollsten Jongliertricks mit dem Diabolo.

Das Mögliche denken

"Wir glauben an das, was möglich ist in der Zukunft, und fordern unsere Artisten in der Gegenwart heraus", sagt Michael Pigl-Andrees. Im Alltag hätten Menschen mit dem Down-Syndrom nur selten die Möglichkeit, eigene Grenzen zu erfahren. Denn sie werden ständig begleitet und beschützt. Beim Zirkus-Training aber dürfen sie Mut beweisen, sich etwas trauen und Ängste überwinden. Das Glück, das sie durchflutet, wenn wieder einmal etwas gelungen ist, ist dann mit Händen greifbar. "Seit acht Jahren bin ich beim Zirkus und da bin ich ganz glücklich, jeden Donnerstag sehe ich unsere netten Trainer", sagt Friederike. "Im Zirkus bin ich geschmeidig wie eine Katze", sagt Hagen erfreut. Und Anna meint: "Auf der Bühne fühle ich mich wie neu geboren!"

Akrobatik auf Stelzen (Foto: Sandra Schuck)

Akrobatik auf Stelzen

In den vergangenen Jahren sind im Circus Sonnenstich fünf große Produktionen entstanden, die im In- und Ausland gefeiert wurden. Das aktuelle Programm "Beziehungs-Weise" lief bereits 18 Mal in stets ausverkauften Theatern, ein Höhepunkt war der Auftritt im "Cirko" (Zentrum für neuen Zirkus) in der finnischen Hauptstadt Helsinki. Immer wieder werden die Programme auch auf Kongressen von Fachverbänden und Bundesministerien gespielt, und mehrere Artistinnen und Artisten haben bereits in Film- und Fernsehproduktionen mitgewirkt. Damit ermöglichen sie einem immer wieder neuen Publikum die Auseinandersetzung mit ihren staunenswerten Fähigkeiten. Und sie selber gewinnen weiter an Selbstbewusstsein und Selbständigkeit. Mittlerweile bieten die Akrobaten sogar Zirkus-Workshops an, unter anderem für junge Freiwillige, die im Ausland in Behinderteneinrichtungen arbeiten werden. Sie selber belegen dabei aufs Schönste, dass Menschen mit Handicaps über sich hinauswachsen, wenn man sie nur herausfordert.

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