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Kultur

Selbstbestimmt leben ohne Gott

Im unendlichen Universum ist der Mensch eine ver-nachlässigbare Größe. Wir brauchen keinen Gott, schreibt der Naturphilosoph Bernulf Kanitscheider.

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Neuland hinter der Pforte?


Ist das Universum endlich oder unendlich? Seit dem Wegfall der himmlischen Sphären im Kopernikanischen Planetenmodell ist immer wieder die Möglichkeit eines offenen Universums diskutiert worden. Erst, seit der russische Mathematiker Alexander Friedmann und der belgische Kosmologe Georges Lemaître in den 1920er Jahren die zeitabhängige Lösung der Gravitationsgleichungen entdeckt haben, steht fest: Es gibt kein statisches, unveränderliches Universum.

Sind wir die einzigen?

Aller Wahrscheinlichkeit nach leben auch wir Menschen in einem offenen Universum von unendlicher Räumlichkeit - und versuchen, tagtäglich die Rolle neu zu überdenken, die wir in einer solchen Welt spielen. Dabei sollten wir uns bewusst sein, dass es allein in unserem Hubble-Volumen, also dem sichtbaren Bereich des Universums, 10 hoch 20 bewohnbare Planeten gibt. Auf ihnen könnten ebenfalls Lebewesen sitzen, die sich Gedanken über ihre Rolle in diesem Volumen mit zirka 14 Milliarden Jahren Radius machen.

Altertum: Verstehen des Kosmos als Lebensziel

Immer wieder haben die Menschen versucht, Orientierung und Lebenssinn in objektiven Befunden der Welt - etwa der Schönheit des Kosmos - zu suchen. Anaxagoras, ein griechischen Philosophen der vorsokratischen Epoche, sah die Bestimmung des Menschen im "Schauen des Weltalls". Auch für Aristoteles ist das Ziel des Daseins und das größte Glück der Menschen das theoretische Verstehen des Kosmos. Aber diese glücksbringende und sinnstiftende Rolle des Wissens ging im Laufe der Zeit verloren.

Mittelalter: Auf das Jenseits fixiert

Im Christentum, speziell bei Augustinus, wird alles Weltwissen als eitel, als Ausdruck heidnischer Weltverlorenheit angesehen, das nur von dem eigentlichen Ziel der Lehre wegführt - nämlich Gott und die Seele zu erkennen. So wurde der Kosmos, ehemals Zentrum der Sinngebung, zur temporären Durchgangsstation des Menschen auf dem Wege in die ewige Seligkeit abgewertet. Die endliche Welt des Mittelalters war zwar geozentriert, aber die Erde und ihre Schönheiten waren keine Quelle des Lebens: Die Bestimmung des Menschen war auf die Erwartung des Jenseits reduziert.

Der Mensch: eine vernachlässigbare Größe?

Als der kleine mittelalterliche Kosmos sich öffnen musste und der unendliche Raum wieder in das Ideenreich eindrang, breitete sich Angst aus. Denn auch, wenn die Laufdauer einer intelligenten Zivilisation gegenüber dem einzelnen menschlichen Leben recht hoch ist, erscheint sie dennoch in Relation zur Unendlichkeit des Universums verschwindend gering. Dann stellt sich die Lage des Menschen so dar, wie sie Nietzsche geschildert hat:

"Eine unendliche Zeit war er nicht, eine kurze Zeit war er hier und eine Unendlichkeit wird er nicht sein. Und am Ende wird sich, wenn er verschwunden ist, nichts begeben haben."

Seit Nietzsche hat sich qualitativ und quantitativ enorm viel in der Kosmologie getan - aber an der Stellung des Menschen im Universum hat sich kaum etwas geändert. Durch Entdeckung der in alle Richtungen hin gleichförmigen Weltmodelle von Alexander Friedmann ist die kosmische Bedeutungslosigkeit des Menschen verstärkt worden: Es ist nicht nur so, dass der Menschen nicht im Zentrum des Universums wohnt, sondern es gibt in dieser homogenen Welt auch keine zentralen Orte. Die 1965 entdeckte kosmische Hintergrundstrahlung spiegelt ebenfalls die nahezu perfekte Gleichförmigkeit des Universums.

Wozu braucht es Gott?

Ist angesichts dieser Befunde der Mensch - falls er metaphysischen Sinnstiftungsoptionen nicht traut -, gezwungen, in selbstzerstörerischen Nihilismus zu verfallen? Die Berufung auf religiöse Sinngebungsinstanzen ist für die Menschen im 21. Jahrhundert meist nicht mehr nachvollziehbar. Das kritische Bewusstsein hat, zumindest in Europa, weite Kreise der Bevölkerung derart erfasst, dass für sie die Bindung an ein außerweltliches spirituelles Wesen keine sinnstiftende Option darstellt.

Die Verteidiger der traditionellen theistischen Position operieren an dieser Stelle gern mit dem Droh-Argument: "Ohne Gott ist alles sinnlos". Sie möchten die Unentbehrlichkeit ihrer übersinnlichen Sinninstanz fixieren und sich nicht in die Situation drängen lassen, dass Gott nur eine von vielen und vielleicht nicht einmal die beste Option darstellt – eben weil es in den 2000 Jahren christlicher Theologie nicht gelungen ist, hinreichende Gründe für die rationale Akzeptanz eines solchen Wesen zu bringen.

Kein Gott nirgends

Angesichts einer solchen desolaten Erkenntnissituation wäre es für einen rationalen Menschen höchst unklug, seinen Lebenssinn und seine existentielle Orientierung auf ein solches ontologisch dubioses Wesen aufzubauen. Schon vor 2300 Jahren hat der griechische Philosoph Epikur den Menschen davon abgeraten, ihre Lebensziele auf metaphysischen Illusionen aufzubauen. Vor allem wies er darauf hin, dass die Götter mit ihren Zornesausbrüchen und Strafandrohungen in finsteren Unterwelten den Menschen mehr Unglück als Glück gebracht haben. Damit hat Epikur ahnungsvoll vorweggenommen, was in christlicher Ära mit den Höllenvisionen eines Dante Alighieri ("Inferno") seinen Höhepunkt erreichte.

Epikur hatte den Menschen geraten, den Blick von der räumlichen Verlorenheit des menschlichen Wohnortes abzuwenden und auf die Gestaltung ihres endlichen Lebensintervalles zu richten. Die unermessliche Ausdehnung des Universums und die verschwindend geringe Rolle unseres Erdendaseins sollte uns nicht erschrecken – nein, unsere Aufmerksamkeit sollte auf das Gelingen des Lebens, auf die Gestaltung des kommenden Tages ausgerichtet sein. Dann verliert sich der Blick auch nicht mehr in den Weiten der eschatologischen Perspektive.

Weder die unsterblichen Götter, deren Existenz und Wesen kein Sterblicher zu ergründen vermag, noch die Weiten des Kosmos bieten dem Menschen Halt und Stütze und Orientierung. Glückbringende Werte findet man nicht vor wie Tannenzapfen im Walde. Man muss sie sich selber setzen. Auch die Philosophie kann dem Einzelnen kein fertiges Bündel von Werten schnüren. Das Glück des Menschen ist individuell.

Selbst ist der Mensch!

Man kann einige Gruppen von Werten nennen: Musik, bildende Kunst, Literatur und natürlich die Erkenntnisgewinnung. Wenn jemand sich dafür begeistern kann, vermag auch ein unendliches Weltall oder gar ein ganzes Ensemble von solchen Welten Gegenstand einer lebensfüllenden und glückbringenden Forschungs-Tätigkeit sein. Auch der soziale Einsatz – als selbstgesetzes Ziel und nicht als von Gott gesetzte Forderung – kann dem Menschen das Bewusstsein vermitteln, dass es sich "gelohnt hat" zu leben.

Bei all diesen Orientierungsalternativen ist entscheidend, dass die Sinngebung für gelungenes Leben nicht höheren Ortes gefordert wird, also nicht dem Menschen (ohne die Möglichkeit des Einspruches) aufgezwungen wird, sondern dass er den Sinn eigenverantwortlich festlegt. Wenn man den Begriff der "Würde" bemühen möchte, so bietet es sich an, die Autonomie, die Freiheit der Entscheidung, ins Zentrum der Würde des Menschen zu rücken. Gerade weil der Mensch besondere kognitive und axiologische Freiheitsgrade hat, die ihn zu individueller Sinngebung befähigen, besitzt er Würde.

Es gibt keinen Grund, angesichts der kosmologisch sicher völlig bedeutungslosen Situation des Menschen in einen apathischen Nihilismus abzugleiten. Auch wenn das "Phänomen Mensch" angesichts der Myriaden von Welten wahrscheinlich ein eher nebensächliches Durchgangsphänomen ist, so können wir doch durch kluges Lenken unserer kleinen Endlichkeit zu einer sinnvollen Lebensgestaltung gelangen.

Irregeleitet durch eine jahrhundertelange, fremdbestimmte Sinnerwartung, ist es vielen Menschen nicht mehr einsichtig, dass sie selbst Sinn, Ziel und Orientierung ihres Lebens wählen können. Die Religionen versuchen natürlich - aus reinem Selbstinteresse und zur Bestätigung ihrer Unverzichtbarkeit -, die Selbstbestimmung obsolet erscheinen zu lassen. Aber der freie Mensch sollte sich davon nicht beirren lassen. Indem er beginnt, die Wertetafeln für seine Lebensführung selber aufzustellen, praktiziert er bereits ein Stück Sinnkonstitution.

Ein Essay von Prof. Dr. Bernulf Kanitscheider

Bernulf Kanitscheider (Uni Gießen)

Professor Dr. Bernulf Kanitscheider

Professor Dr. Bernulf Kanitscheider lehrt Philosophie der Naturwissenschaften an der Universität Gießen. Er beschäftigt sich unter anderem mit den philosophischen Problemen der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik. Kanitscheider ist Mit-Herausgeber der Zeitschrift "Philosophia naturalis: Archiv für Naturphilosophie und die philosophischen Grenzgebiete der exakten Wissenschaften und Wissenschaftsgeschichte".



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