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Alltagsdeutsch – Podcast

Selbst ist der Mann

Die Deutschen lieben es, ihre vier Wände selbst zu gestalten. Da wird selbst gehämmert, gesägt, gestrichen und gefliest, was das Zeug hält. Allerdings nicht immer zur Freude der Nachbarn.

Sprecher:

Die Deutschen sind für vieles bekannt: Sie lieben Genauigkeit, essen gern deftig und brauen gutes Bier. Für andere sind sie das Volk der Dichter und Denker, betonen mehr den Geist als das Gefühl. Viele solcher Zuschreibungen sind Klischees, andere lassen sich durch Statistiken unterstützen. In den letzten Jahren haben die Deutschen eine Eigenschaft entwickelt, die durch Zahlen eindeutig belegt wird. Sie sind die größten Heimwerker Europas.

Sprecherin:

Ob feilen, sägen oder bohren: Selbst ist der Mann sagt ein Sprichwort. Und das nehmen die Bundesbürger ernst. Den größten Teil seiner Ausrüstung kauft der deutsche Heimwerker nicht mehr in der klassischen Holz- oder Eisenwarenhandlung. Bau- und Heimwerkermärkte sind an deren Stelle getreten und bieten dem engagierten Freizeitarbeiter fast alles, was er braucht. Am Samstagmorgen sind diese Märkte besonders gut besucht. Eine gute Gelegenheit, um die Spezies Heimwerker ein wenig besser kennenzulernen.

O-Töne:

"Vor 15 Jahren mein erstes Haus gemacht, eh gebaut, 'nen Zweifamilienhaus hab ich also schon sehr viel selbst gemacht. Und hab' jetzt im letzten Jahr dann noch mal eins gebaut und noch mehr selbst gemacht. Übern Daumen so, sagen wir jeden Tag drei Stunden, circa. 200 Tage rechnen, drei Stunden, 600 Stunden denk ich mal, ne. / Ich löte Wasserleitungen, verlege Stromleitungen, Elektro. Also zurzeit arbeite ich am Wochenende, na, 15 Stunden. Zurzeit nur am Wochenende, ja. Ich hab 'nen Beruf, da komm ich abends so nachhause, dass ich dann ausgelaugt bin und keine Lust mehr habe, noch zu basteln."

Sprecher:

Der erste Mann, den die Reporterin nach seiner Heimwerkertätigkeit am eigenen Heim fragt, schätzt seinen Einsatz über den Daumen auf rund 600 Stunden pro Jahr. Etwas über den Daumen peilen – wie es vollständig heißt – bedeutet, etwas grob also nur ungefähr zu schätzen und ist als Redewendung sehr gebräuchlich. Wie der zweite Befragte es in seiner Formulierung zeigt, können nicht nur Materialien ausgelaugt sein. Verliert eine Häuserfassade durch Wind und Regen mit der Zeit die Farbe, so ist die Wand vom Wetter ausgelaugt. Übertragen auf den Menschen drückt das Wort ausgelaugt die starke Erschöpfung aus. Sämtliche Energie ist wie die Farbe der Häuserwand verschwunden.

Sprecherin:

Zwei Milliarden Stunden investieren die Deutschen pro Jahr in die Heimwerkerarbeit. Natürlich ist der Grund für den Griff zum eigenen Hammer oft die Notwendigkeit der Situation. Nicht jeder kann oder will einen ausgebildeten Handwerker bezahlen. Doch gibt es auch immer mehr Freizeitarbeit als Freizeitvergnügen.

O-Töne:

"Ja, Lust und Laune, Hobby. Also, ich hab' ne Lust, was zu basteln. Einfach Schreinerarbeiten, Malerarbeiten. Alles, was im Handwerken so gibt, ne. / Also, für mich ist es mehr Hobby, alles Mögliche. Fliesen, alles Mögliche. Was so eben anfällt. Zum Beispiel Dachwohnung oder Decken machen, tapezieren, Türen einsetzen. Alles Mögliche, so. / Ja, das is ne Hobby. Ne Notwendigkeit seh' ich darin nicht. Ich mache alle Arbeiten im Haus, die anfallen. Es kann verputzen sein, es kann tapezieren sein, es kann arbeiten mit Holz oder was auch immer anfällt. Nein, das ist nicht mein Leben. Aber ich arbeite sehr gerne mit Holz, wenn es andere Arbeiten gibt, die fallen ja nicht immer an, dann mache ich auch diese Dinge. Ich mache auch noch andere Dinge, die mir Spaß machen, wenn jetzt zum Beispiel Skilaufen ansteht, dann gehe ich gerne Skilaufen."

Sprecher:

Was im Hause anfällt wird vom deutschen Heimwerker erledigt. Das, was ansteht oder anliegt, wird aber auch gemacht. Anfallen, anstehen oder anliegen: die drei Wörter bedeuten auf den ersten Blick dasselbe und niemand würde sich in einem Gespräch auf der Straße wundern, wenn man statt anfallen anstehen sagte. Bei genauerem Hinsehen beschreibt anfallen die Aufgabe, die sich oft zufällig ergibt und nicht immer vorauszusehen war. Wenn etwas ansteht, ist die Aufgabe schon da und muss gelöst werden. Anstehen kann aber auch – wie bei unserem Heimwerker – das Skilaufen. Wenn jemand von anliegen spricht, hat das am deutlichsten den Ton des Umgangssprachlichen. Allerdings gibt es auch die Formulierung "Ich habe ein Anliegen", also einen Wunsch oder eine Bitte. Dieser Satz ist zwar nicht umgangssprachlich, wirkt aber altertümlich und wird fast nur noch ironisch verwendet. Doch hören Sie noch andere Menschen, mit denen unsere Reporterin im Baumarkt gesprochen hat.

O-Ton:

"Lust und Laune und Hobby. Ich mach alles, im Prinzip. Ne, was anderes wie das Normale eben halt is, das Null-acht-Fuffzehn. Farben anders gestalten zum Beispiel. Weil wir hab'n 'ne Eiche, die guckt man sich nach zwei, drei Jahren satt und da kann man ja genauso gut draus weiß machen, mit 'ner Folie zum Beispiel. Is zwar nit das Gelbe, aber optisch erst mal andres Bild."

Sprecher:

Der Mann möchte etwas anderes als das Übliche, als das Null-acht-Fünfzehn. Null-acht-Fünfzehn war die Bezeichnung für ein bestimmtes Gewehr im deutschen Militär. Und typische Soldatenarbeit war es, dieses Gewehr stundenlang zu putzen. Die Formel Null-acht-Fünfzehn wurde zum stehenden Begriff für eine Sache oder einen Stil, der einfallslos und langweilig ist. Wie der Heimwerker uns zeigt, kann man sich nicht nur satt essen; man kann sich auch an etwas satt sehen. Der Mann hat sich an seinen eichefarbenen Möbeln satt gesehen und wird sie demnächst mit weißer Folie überkleben. Er meint, dass sei zwar nicht das Gelbe, aber doch schon mal eine optische Änderung. Das Gelbe vom Ei – wie die sehr gebräuchliche Formel vollständig heißt – ist selten zu finden. Es ist das Perfekte, das genau Richtige, das Optimum. Aber der Rest vom Ei schmeckt ja auch nicht schlecht. Und ein bisschen Folie bringt oft schon die gewünschte Farbe ins Leben.

Sprecherin:

Heimwerker gelten als ausgeglichene und freundliche Menschen. Doch bringt ihre Tätigkeit für die Nachbarn oft einen bedeutenden Nachteil mit sich: sie macht Lärm.

O-Töne:

"Heut um halb neun ging es schon los bei uns. Mein Nachbar, drdrdrdr. Mit Gewalt aus dem Bett geworfen, ne. / Es ist für die Nachbarn sehr störend, das ganze Spiel, ne ja. Das muss ich immer wieder betonen dabei. / Ja, da sind se am Schleifen, Treppen-am-Abschleifen, jetzt sind se am Dachgeschoss wieder irgendwat am Ändern."

Sprecher:

Der Mann hat unter seinen heimwerkenden Nachbarn viel zu leiden. Der Lärm nehme kein Ende meint er und unterstreicht das mit seiner Aufzählung. Da sind sie am Abschleifen, die Nachbarn, und am Ändern und fangen immer wieder neu an. Die Formulierung am Abschleifen, am Arbeiten und so weiter, also die Verwendung von "am" mit einem Tätigkeitswort gilt als unkorrekt und schlicht. Dennoch ist sie in der Umgangssprache äußerst gebräuchlich. Mit der Formel wird meistens eine andauernde Tätigkeit beschrieben. Hochsprachlich müssten unsere Beispiele lauten: die Nachbarn arbeiten viel in ihrem Haus, oder sie sind ständig bei der Arbeit, oder sie sind ständig dabei zu arbeiten.

Sprecherin:

Die langen Gänge des Baumarktes bieten für jeden etwas. In der so genannten Maschinenstraße sind es vorwiegend Männer, die Bohrmaschinen, Schleifgeräte und Kreissägen mit fachmännischen Blicken prüfen. In den anderen Bereichen, beim Gartenbedarf oder in der Fliesenabteilung finde ich aber auch viele Frauen.

O-Töne:

"Wir haben gerade das Badezimmer renoviert, sprich gestrichen, und jetzt woll'n wir so nen bisschen etwas modernisieren, sprich Schränkchen aufhängen, aber da brauchen wir glaub' ich unseren Vater, wenn unsren Mann, wenn er kommt, also wer viel kann, muss viel tun. Wir kaufen, schleppen es mit nach Hause, mein Mann guckt sich das an und dann sage ich 'Ich möchte gerne, dass du mir das da hinhängst' und er ist also nur das ausführende Organ. Möchte ich ihm gar nicht reinfuhrwerken in die Sachen, ne. Diese technischen Sachen, muss ich sagen, die kann mein Mann, ne. Also er ist nen geborener Handwerker. Aber so, wo ich die jetzt hinhängen haben möchte oder, das bestimme ich."

Sprecher:

Bei vielen Paaren herrscht immer noch klare Arbeitsteilung. Der Mann ist zuständig fürs Grobe, die Frau erledigt Gestaltung und Putzarbeiten. Ihr Mann, sagt unsere Sprecherin, ist der geborene Handwerker. Der Ausdruck betont das besondere Talent eines Menschen in einem bestimmten Bereich. Es gibt geborene Musiker, geborene Köche und eben geborene Handwerker. Und weil ihr Mann so geschickt ist, möchte sie ihrem Mann da gar nicht reinfuhrwerken. Das Fuhrwerk, das ein Pferdefuhrwerk meint, ist ein langsames und behäbiges, schwer zu lenkendes Fahrzeug. Wenn man einem anderen in seine Arbeit hineinfuhrwerkt, drückt das den ungeschickten und störenden Eingriff aus.

Sprecherin:

Im so genannten harten Bereich des Heimwerkens, beim Mauern, Sägen und Bohren, sind Frauen tatsächlich seltener zu finden, wenn auch nicht so selten wie meine Gesprächspartner es glauben. Die Vorstellung jedoch, dass der Baumarkt ein Reich der Männer ist, erweist sich durch die Statistik als Trugbild. Karl-Heinz Kröger, Marketingleiter in einem der größten deutschen Baumarktunternehmen:

Karl-Heinz Kröger:

"Ein wesentlicher Meilenstein, um Frauen in den Baumarkt zu bekommen, war Anfang der 70er Jahre die Entwicklung der Gartencenter Wir haben in den letzten Jahren eine dramatische Entwicklung. Mehr als die Hälfte unserer Kunden sind Frauen."

Sprecher:

Der Meilenstein zeigt die Entfernung zum angestrebten Ziel an, zumindest tat er das in früheren Zeiten. Die Auskunft war wichtig und sprachlich hat sich diese Wichtigkeit gehalten und übertragen. Ein Meilenstein ist in der Entwicklung einer Sache etwas ganz Besonderes. Daher spricht man auch davon, dass jemand einen Meilenstein setzt, wenn er etwas Wichtiges und Richtungsweisendes geleistet hat.

Sprecherin:

Der Einzug der Frau in den Bereich des Heimwerkens ist nicht die einzige Veränderung. Die Baumärkte haben sich mehr und mehr vergrößert. In den 70er Jahren gab es Heimwerkermärkte, die eine Größe von 800 bis 1000 Quadratmetern besaßen. Heute sind Baumärkte in Deutschland oft mehrere Fußballfelder groß. Mit den Ansprüchen der Kunden ist das Sortiment immer größer und exklusiver geworden. Und durch die Vielfalt im Baumarkt werden wiederum mehr Kunden angezogen. Die deutschen Heimwerker sind Perfektionisten. So wird in der Bundesrepublik mehr gedübelt, abgedichtet und ausgebaut als in Frankreich und England zusammen. Warum das so ist?

O-Ton:

"Es ist 'in', in seinen eigenen vier Wänden zu bleiben, und da will man da nicht nur vier weiße Wände haben, sondern man will es schön haben, und das überträgt sich nicht nur auf das Haus, sondern auch auf den Garten. Der Garten ist heute keine Nutzfläche mehr, wo Spargel oder sonst was angebaut wird, sondern da muss der Grill her und sehr aufwändig mit 'nem gemauerten Kamin. Und da is 'ne Hollywoodschaukel, Sitzecke, 'ne Markise, da ist 'nen Biotop, da steht 'nen Gartenhaus drauf, alles Mögliche."

Sprecher:

Auch wenn ein Raum mehr als vier Wände haben sollte: die Formel die eigenen vier Wände ist eine gebräuchliche Bezeichnung für die eigene Wohnung oder das eigene Haus.

Fragen zum Text

Die Redewendung Selbst ist der Mann bedeutet, dass …

1. jemand sich selbst verwirklicht.

2. jemand sich alleine zu helfen weiß.

3. jemand anderen hilft.

Von Null-acht-Fünfzehn spricht man, wenn …

1. man etwas addiert.

2. man eine Telefonnummer weitergibt.

3. man etwas als gewöhnlich bezeichnet.

Eine Arbeit fällt ….

1. ab.

2. zu.

3. vor.

Arbeitsauftrag

Informieren Sie sich darüber, wie sich das Baumarktwesen in Deutschland entwickelt hat. Vergleichen Sie die Entwicklung in einem Referat mit anderen europäischen Ländern.

Autor: Günther Birkenstock

Redaktion: Beatrice Warken

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