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Deutschland

Sektkorken, Lichtballons und Mahnungen

Hunderttausende Berliner und Besucher feiern an diesem Wochenende den Mauerfall vor 25 Jahren. Aber der ehemalige Sowjet-Präsident Gorbatschow gießt Wasser in den Wein.

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DW-Reporter Jens Thurau berichtet aus Berlin

Das am meisten fotografierte Motiv in der Hauptstadt ist schnell ausgemacht: Es ist die Installation aus 7000 leuchtenden Ballons, die den früheren Verlauf der Mauer markieren. Ein optisches Spektakel, das Berliner und Besucher gleichermaßen begeistert. "Eine grandiose Idee", findet Brigitta Wolf, die mit ihrer Familie aus Süddeutschland zu den Feierlichkeiten angereist ist. Die heute 78-Jährige hat den Bau der Mauer 1961 in Berlin miterlebt und erinnert sich noch genau an deren Fall vor 25 Jahren: "Ich habe geheult. Dann haben wir die Sektkorken knallen lassen und gefeiert."

Freude und Schmerz - wie viele ältere Menschen verbindet Brigitta Wolf beides mit der Mauer und ihrem Fall, denn ihre eigene Familie wurde durch die Teilung auseinandergerissen. Das Berlin von heute erkenne sie kaum wieder, sagt die Karlsruherin lächelnd, und ihr Sohn Michael ergänzt: "Das Beklommenheitsgefühl, das im geteilten Berlin so präsent war, ist jetzt weg."

Familie Wolf vor dem Brandenburger Tor, Foto. DW

Familie Wolf vor dem Brandenburger Tor

Zum Mitfeiern nach Berlin gekommen

Bis zum Sonntagabend wird sich die "Lichtgrenze" durch die Stadt ziehen, vom Brandenburger Tor bis hin zum ehemaligen Grenzübergang Bornholmer Straße, wo sich am Abend des 9. November 1989 der erste Schlagbaum öffnete. Zuvor hatte SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz mitgeteilt, dass DDR-Bürger ab sofort "ohne das Vorliegen von Voraussetzungen" ins Ausland reisen könnten. Die Genehmigungen würden kurzfristig erteilt. Das war der Anfang vom Ende der Mauer.

Historischer Moment: Die legendäre Pressekonferenz, die den Fall der Mauer einläutete, wird auf einer Leinwand gezeigt, Foto. DW

Historischer Moment: Die Pressekonferenz, die den Fall der Mauer einläutete, wird auf einer Leinwand gezeigt

Die berühmte Szene aus Schabowskis Pressekonferenz läuft am Brandenburger Tor immer wieder über eine große Leinwand, versehen mit englischen Untertiteln, so dass auch Besucher aus dem Ausland sie verstehen können. So wie Jenny und Ulrika aus Schweden, die als echte Berlin-Fans schon zum 20. Jubiläum des Mauerfalls in der Stadt waren. Auch diesmal haben sie ihre Hotelzimmer rechtzeitig gebucht, um "zusammen mit den Berlinern zu feiern". Als Teenager bekam sie mit, dass Menschen an der Mauer erschossen wurden - das Ende dieses Schreckens sei auch für sie ein Grund zur Freude. "Als die Mauer fiel, war ein Bild in unserer schwedischen Zeitung, auf dem sich ein Ost- und ein Westdeutscher in den Armen lagen", erzählt Ulrika. "Das sehe ich bis heute vor mir."

Gorbatschow: "Welt steht an der Schwelle zu einem neuen Kalten Krieg"

Während sich auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor schon an Morgen Hunderte Menschen unter dem strahlend blauen Berliner Himmel tummeln, hält in einem der umliegenden Gebäude der frühere sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow eine Rede, die alles andere als feierlich ist. Nach dem Ende des Kalten Krieges sei ein Vertrauen zwischen Russland und Westeuropa gewachsen. Dieses Vertrauen aber sei in den vergangenen Monaten "zusammengebrochen", warnt der Friedensnobelpreisträger

"Die Welt steht an der Schwelle zu einem neuen Kalten Krieg. Manche sagen, er hat schon begonnen", sagt Gorbatschow, dessen Politik der Perestroika die deutsche Einheit ermöglicht hat. Der 83-Jährige wirft dem Westen und insbesondere den USA vor, nach dem Ende des Kalten Kriegs Vorteile aus Russlands Schwäche gezogen und "kurzsichtig" den eigenen Willen durchgesetzt zu haben.

Als Beispiele nennt er die Nato-Osterweiterung, aber auch die Konflikte in Libyen, Syrien und im Irak. "Hier in Berlin, zum Jahrestag des Mauerfalls, muss ich feststellen, dass all dies auch negative Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland hat, die bisher vorbildlich waren." Die Erfahrungen der 1980er Jahre zeige aber, dass es immer einen Ausweg gebe, sagt Gorbatschow. Das gelte auch heute für die Ukraine-Krise. Weder "gegenseitige Anschuldigungen" noch Sanktionen würden das Problem lösen. Daher müssten beide Seiten rasch nach neuen Möglichkeiten der Verständigung suchen.

Die Gedenkstätte an der Bernauer Straße, Foto. DW

Mauerreste an der Gedenkstätte in der Bernauer Straße

Der offizielle Teil der Feierlichkeiten begann am Sonntagmorgen in der Gedenkstätte an der Bernauer Straße. Bundeskanzlerin Angela Merkel erinnerte an die Toten an der Mauer. Allein in Berlin sind 138 Menschen an der Mauer umgekommen - die meisten von ihnen wurden bei Fluchtversuchen von DDR-Grenzposten erschossen. An sie erinnert auch eine Ausstellung in der Gedenkstätte.

Auf dem Gelände befindet sich das letzte Stück der Berliner Mauer, das mitsamt den ausgedehnten Grenzanlagen erhalten geblieben ist. Wie groß das Interesse an der Geschichte der Mauer und den damit verbundenen Schicksalen ist, zeigt der Ansturm der Besucher: Mehr als fünf Millionen Touristen und Berliner haben die Gedenkstätte bisher besucht. Merkel wird die neue Dauerausstellung mit einer Rede und einem Rundgang eröffnen. Zuvor nahm sie zusammen mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit an einem Gottesdienst in der Kapelle der Versöhnung teil, die mitten im ehemaligen Todestreifen steht.

Nach einem Festakt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt und dem Bürgerfest mit Live-Musik am Brandenburger Tor enden die Feierlichkeiten am Abend - dann lassen 7000 "Ballonpaten" ihre leuchtenden Ballons in den Berliner Nachthimmel steigen und lösen die "Lichtmauer" damit symbolisch auf.

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