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Kultur

Sektenführer Warren Jeffs verhaftet

Ein unlesbares Nummernschild wurde einem der meistgesuchten Verbrecher der USA zum Verhängnis: Nach einjähriger Flucht ging der Polygamist und 60fache Vater der Polizei bei einer Verkehrskontrolle ins Netz.

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Einer der meistgesuchten Männer der USA gefasst: Sektenführer Jeffs

Warren Steed Jeffs besaß sein eigenes Reich: Es erstreckte sich über Teile von Utah, Arizona und seit einigen Jahren auch Texas. Er war der Führer der "Fundamentalistischen Kirche Jesu Christi der Heiligen Letzten Tage" (FLDS), verfügte über ein Vermögen von 110 Millionen Dollar und herrschte uneingeschränkt über 40 Ehefrauen, 60 Kindern und an die 10.000 Sektenmitglieder. Warren Jeffs stand neben Männern wie Osama Bin Laden auf der FBI-Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher der USA. Was ihm zur Last gelegt wird: sexueller Missbrauch Minderjähriger, Verheiratung minderjähriger Mädchen mit älteren Männern und Beihilfe zur Vergewaltigung - in wie vielen Fällen genau, wird erst nachzuprüfen sein. Nach fast einjähriger Flucht fasste ihn am Montag (28.8.2006) die Verkehrspolizei in Las Vegas - bei einer Routinekontrolle.

Religiöser Demagoge und Tyrann

Die FLDS ist eine radikale Abspaltung von der mormonischen Mutterkirche, die sich unter staatlichem Druck bereits 1890 von der Vielehe losgesagt hatte. Doch für die FLDS ist die Polygynie - eine Sonderform der Polygamie, die von einer starken Unterordnung der Frau geprägt ist - die Voraussetzung für die ewige Erlösung: Um diese zu erlangen, müsse ein Mann mindestens drei Ehefrauen haben. Jeffs Vater Rulon, der der Sekte über 20 Jahre lang vorstand, hinterließ 75 Witwen.

Privatstraße Kein Zugang steht auf einem Schild vor dem Anwesen des Sektenführers Warren Jeffs

Abgeschirmt von der Außenwelt: Eines von Jeffs Anwesen in Hildale, Utah

Jeffs übernahm die Leitung der Sekte nach dem Tod seines Vaters 2002. Als "Prophet" beherrschte er vollständig das Seelenleben und den Alltag seiner Anhänger: Als Kirchenoberhaupt durfte er als einziger Vermählungen durchführen und war zudem befugt, die Frauen - meist minderjährige Mädchen - ihren Ehemännern zuzuweisen. Gleichfalls konnte er Männer dadurch bestrafen, indem er ihnen die Frauen und Kinder wieder wegnahm und anderen Männern zusprach. Junge Männer wurden aufgrund von Frauenknappheit und männlicher Rivalität häufig aus der Gemeinde verbannt. Zuletzt demonstrierte Jeffs seine Macht Anfang 2004, als er neben 20 Männern selbst den Bürgermeister von Colorado City der Stadt verwies.

Systematischer Missbrauch Minderjähriger

Angeklagt wurde Jeffs erst im Juni 2005, als abtrünnige oder verstoßene Sektenmitglieder über sexuelle Übergriffe am eigenen Leib sowie mehrfache Verheiratungen Minderjähriger berichteten. Anstatt sich den Behörden zu stellen, tauchte Jeffs jedoch unter und war fortan mit einem Wohnwagen, den er auch als mobile Traukapelle benutzt haben soll, auf der Flucht. Polizeiliche Ermittlungen im Umfeld der Glaubensgemeinschaft erwiesen sich jedoch als äußerst schwer: Die Sekte ist straff durchorganisiert und basiert auf ein System umfassender Kontrolle und Bespitzelung. Selbst einige örtliche Polizisten sollen Mitglieder der FLDS sein. Zudem galt Jeffs laut FBI als bewaffnet und gefährlich und wollte sich laut eigener Aussage "niemals lebendig fangen lassen".

Festnahme von Polygamistenführer Warren Jeffs Frauen und Kinder

Glauben an ihren "Propheten": Sektenanhänger in Colorado City

Seine loyale Anhängerschaft und erhebliche finanziellen Mittel ermöglichten Jeffs schließlich seine über einjährige Flucht. Die Ermittler waren außerdem aus Angst vor einem Fiasko besonders vorsichtig vorgegangen: Eine Eskalation, wie bei der Erstürmung einer Ranch der Davidianer-Sekte in Texas im Jahre 1993, bei der 80 Menschen ums Leben kamen, wollte man unbedingt vermeiden. Dass Jeffs Festnahme so überraschend lautlos verlief, war letztlich auch einem reinen Zufall zuzuschreiben: Sein Nummernschild war bis zur Unlesbarkeit verdreckt und dadurch einer Polizeistreife bei Las Vegas aufgefallen. Da er sich nicht ausweisen konnte, wurde Jeffs den Polizisten verdächtig und wurde abgeführt. In seinem Wagen wurden 54.000 Dollar Bargeld, zahlreiche Mobiltelefone und Laptops sowie mehrere Perücken sichergestellt. Mit ihm waren eine seiner Frauen, Naomi, sowie sein Bruder Isaac unterwegs. Beide wurden verhört, aber wieder freigelassen. Jeffs wird am Donnerstag (31.8.2006) dem Bundesgericht von Utah vorgeführt. Eine weitere Anklage liegt in Arizona vor.

Kopf der Hydra oder Spitze des Eisbergs?

Ward Jeffs, ein Halbbruder Warrens, freue sich zwar über dessen Festnahme, sei jedoch sehr besorgt über einen womöglich noch gefährlicheren Nachfolger, wie er von der Agentur Associated Press zitiert wird. Ward hatte sich samt seiner Familie bereits vor acht Jahren von der FLDS losgesagt, da er Warren des sexuellen Missbrauchs seiner Söhne verdächtigte. Ein anderer Aussteiger, Ross Chatwin, sagte, die Verhaftung Warrens sei erst der Anfang vom Ende der religiösen Tyrannei: "Erst wenn sie die anderen zehn bösen Männer haben, wird das Problem gelöst sein. Laut Chatwin habe Jeffs außerdem seinen Bruder Lyle bereits als Nachfolger auserkoren. "Dieser kann für eine ganz neue Reihe von Schwierigkeiten sorgen." (lc)

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