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Deutschland

Sekt statt Bier für Gysi und Ramelow

Die Linke bejubelt den Sieg ihres Kandidaten bei der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen. Ramelow entschuldigt sich bei den Stasi-Opfern. Die Abstimmung ist nur ein Kurzkrimi. Aus Erfurt Bernd Gräßler.

Der Mann mit dem Sprengstoffhund ist pünktlich um Sieben da, um den Landtag abzusuchen. Der Hund heißt Lassa und ist ein belgischer Schäferhund. Die Räume durchsucht er routiniert. Für den politischen Sprengstoff will die CDU sorgen. Mike Mohring, der Fraktionsvorsitzende gibt schon am frühen Morgen Interviews wie am Fließband. Zwischendurch erzählt er von seinen Erlebnissen in einer Talkshow mit Linkenchef Oskar Lafontaine, der die Debatte über die Vergangenheit der Linken scheue. Mohring ist rastlos unterwegs, will noch in letzter Minute versuchen, die Wahl des ersten linken Ministerpräsidenten eines Bundeslandes zu verhindern.

Am Vorabend hatte er den Bustransfer aus seinem Wahlkreis zu einer Protestkundgebung vor dem Thüringer Landtag organisiert. Er kann "Kommunisten" nicht leiden, sagt dies auch offen und hofft, dass Bodo Ramelow in den ersten beiden Wahlgängen scheitert. Dann träte die CDU mit einem parteilosen Gegenkandidaten in die Arena, der möglicherweise das rot-rotgrüne Linksbündnis spalten könnte. Ursprünglich hatte es geheißen, Mohring selbst würde antreten und sich womöglich von der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) unterstützen lassen. Doch da wurde er von der Bundes-CDU zurückgepfiffen, die jede Berührung mit der neuen Konkurrenz von ganz Rechts vermeidet.

Ein rätselhaftes Ergebnis

Gegen 10 Uhr 20 setzt das große Zittern bei Linken, SPD und Grünen ein. Da nämlich beginnt die Auszählung der 91 Abgeordnetenstimmen. Linkenpolitiker Gregor Gysi hat sich für den spannenden Moment einen Platz in der ersten Reihe der Zuschauertribüne reservieren lassen. Die Kämpfe gegen Ramelows Wahl würden bei Linken, Sozialdemokraten und Grünen zu einem stärkeren Solidaritätsgefühl führen, macht er sich Mut. Auf seinem Platz angekommen zieht Gysi sein Smartphone aus der Tasche und spielt Solitär. Wenn es aufgeht, gewinnt Ramelow im ersten Wahlgang. Es geht natürlich auf. Und wenn es trotzdem schief geht? Dann gehe ich heute Abend mit Bodo Ramelow einen heben. Das können sie ruhig schreiben, empfiehlt er dem neugierigen Reporter.

10 Uhr 27 kommt das Ergebnis: Eine ungültige Stimme, eine Enthaltung. Die restlichen 89 verteilen sich 45 zu 44 auf Ja und Nein. Ramelow fehlt die erforderliche absolute Mehrheit von 46 Stimmen. Allgemeine Ratlosigkeit. Wer hat sich enthalten, warum ist eine Stimme ungültig, Absicht oder Versehen. Und: Geht Gysi gleich nach der Sitzung einen heben mit Bodo Ramelow?

"Aber ergriffen war ich schon"

Als der zweite Wahlgang abläuft, sitzt der Star der Linken ungewöhnlich ruhig auf seinem Zuschauerplatz. So bleibt er auch, scheinbar in sich gekehrt, als sich unten die linke Hälfte des Parlaments in die Arme fällt und minutenlang jubelt, weil der Landtagspräsident Carius soeben den ersehnten Sieg Ramelows verkündet: 46 Stimmen. "Ich bin sitzengeblieben, weil ich das vom Bundestag her kenne. Das Jubeln auf Zuschauerbänken im Bundestag ist streng verboten. Aber ergriffen war ich schon." Gefeiert wird nun nicht in einer kleinen Männer-Bierrunde, sondern im Kreise der Fraktion am Abend in Erfurt. Wo, das weiß Gysi noch nicht. "Und wenn ich es wüsste, würde ich es ihnen nicht verraten". Immerhin soviel: Es werde wohl eher Wein oder Sekt sein als Bier, dem Anlass angemessen. Doch den möchte er ohne Kamerateams trinken.

Die Hoffnung der Medien war der ganz große Showdown mit einer Kampfabstimmung im dritten Wahlgang. Doch bereits nach einer reichlichen Stunde verlässt der 58-jährige Bodo Ramelow als erster linker Ministerpräsident den Plenarsaal.

"Der historische Moment ist nicht heute"

Demonstration in Erfurt gegen Rot-rot-grüne Regierungsbildung in Thüringen (Foto: REUTERS/Kai Pfaffenbach)

Demonstration gegen das rot-rot-grüne Linksbündnis in Erfurt am Vorabend der Ministerpräsidentenwahl.

Zuvor wendet er sich in seiner Dankesrede auch an einen "väterlichen Freund". Der heißt Andreas Möller, sitzt ebenfalls auf der Zuschauertribüne und war zu DDR-Zeiten im Stasi-Gefängnissen eingesperrt. "Dir und all Deinen Kameraden kann ich nur die Bitte um Entschuldigung überbringen." Und der aus dem Westen stammende Ex-Gewerkschafter und Christ Ramelow sagt etwas, was vielleicht nicht jedem in der siegestrunkenen Linken-Fraktion schmeckt. "Der historische Moment für Thüringen ist nicht heute, sondern er war vor 25 Jahren, als die Erfurter ihre Stasi-Zentrale besetzten." Erst der Herbst 1989 habe es möglich gemacht, "dass ich heute hier stehe".

Für Mike Mohring, den Chef der CDU-Fraktion ist es kein schöner Tag. Die ungewohnten Oppositionsbänke winken - immerhin regierten die Christdemokraten seit 1990 ununterbrochen. Er tröstet sich, dass das Linksbündnis erst im zweiten Wahlgang erfolgreich war: Ein Signal, dass Ramelow nicht fünf Jahre durchhalten werde. Die fehlende Stimme in der ersten Abstimmung bleibt ein kleines Rätsel, auch für die über 300 Medienleute, die in Erfurt an diesem Tag akkreditiert sind.

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