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Politik

Seine letzten Worte

Die Arbeit eines Auslandskorrespondenten ist hart, selbst in Europa. Aber mit der Zeit entstehen Bindungen an das Gastland. Unser Korrespondent in Brüssel zieht nach fünf Jahren sein Fazit.

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Nach fünf Jahren in Brüssel, in der Herzkammer Europas, ist Schluss. Ich gehe zurück in die Zentrale nach Bonn. Das süße Korrespondentenleben, das mit Nichtstun, Pralinen, Fritten und Bier angefüllt war, geht zu Ende! Das war ein Scherz!

Die Berichterstattung über die EU und die NATO war natürlich von Mühsal und Entbehrungen geprägt. Manch Stunde habe ich vergebens auf Minister, Kommissare und andere Würdenträger gewartet. Manchen O(riginal)-Ton habe ich vergeblich geangelt, aber ich war auch Zeuge europäischer Durchbrüche bei der Verfassung, beim Haushalt, bei der Erweiterung, beim Vertrag von Lissabon. Viele hundert Beiträge und Interviews, gefühlte 500 Richtlinien und zig informelle Räte später kann ich sagen, es hat sich gelohnt.

Geliebte Nostalgie

Nur Belgien, das Land, in dem ich wohnte, ist zu kurz gekommen. Belgien ist doch mehr als Fritten, Pralinen, Manneken Pis und Bier. Belgien ist gelebte Regierungskrise, ist Leben ohne Regierung. Das funktioniert auch. Hier halten zwei Sprachgruppen ihr Königreich immer am Rande der Spaltung. Es gibt alles mindestens zwei Mal, Regierungen, Regionen, Parteien, mindestens eine flämische und eine wallonische Variante, manchmal auch noch eine deutsche oder ostbelgische, wie es politisch korrekt heißt.

Bernd Riegert

In Belgien improvisiert man gerne. Verwaltungsakte, wie das Ausstellen einer Aufenthaltsgenehmigung für den Korrespondenten aus dem exotischen Deutschland können schon einmal neun Monate dauern. Aber, was soll’s - dafür gibt es ja auch keine Kontrollen derselben. Die Post, die Bahn, die Telefongesellschaft, die Handwerker, alle haben viel Zeit, hetzen nicht und leben lieber. Geschäfte machen wie früher in Deutschland um halb sieben abends zu, auch in Brüssel. Dafür haben die beschaulichen Eck-Kneipen umso länger auf. Supermärkte sind sündhaft teuer.

Es lohnt sich, genau hinzuschauen

Belgier bremsen ausgesprochen gerne an Zebrastreifen, dafür leben Radfahrer umso gefährlicher. Die Ardennen, die alten Treidelpfade an den Kanälen, die Dünen an der Küste sind schön. Brüssels alte Viertel sind auch schön, leider ist der Fluss mit Beton zugedeckelt. Freibäder gibt es nicht, vielleicht weil es so viel regnet? Noch immer reißen Baulöwen für neue Beamtensilos alte Häuserblocks nieder. Der Jugendstil hat dennoch überlebt.

In Brüssel gibt es parallele Welten: Afrikaner, Marokkaner, Türken, EU-Beamte, Flamen und Wallonen, alle leben in ihren eigenen Vierteln. Brüssel besteht aus lauter Dörfern mit eigenen Regierungen. Die Sprachenvielfalt ist schön. Im EU-Viertel schnappe ich bei jeder Aufzugfahrt mindestens sechs Sprachen auf. Von Finnisch bis Griechisch. Von Gälisch bis Bayrisch. Fünf Jahre als Korrespondent sind wie im Fluge vergangen. Ein, zwei Gipfel ragen heraus. Europa wächst zusammen, trotz aller Krisen. Das nehme ich mit. Ich werde Belgien, Belgique, Belgium, Belgio vermissen.