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Kultur

Sein oder Nicht-Sein

Von Pfarrer Gerhard Richter, Bibra

Pfarrer Gerhard Richter

Der evangelische Pfarrer Gerhard Richter, Bibra

„Lass das sein!“ schallt eine weibliche Stimme durch den Wald. Und noch einmal: „Lass das sein!“ Bei einem meiner Waldspaziergänge werde ich Zeuge, wie eine Mutter ihren etwa sechs-jährigen Sprössling davon abhalten will, einen Ameisenhaufen zu erforschen. Der Kleine hatte am Wegrand die Wohnkolonie von großen schwarzen Waldameisen gefunden.
Mit einem Stock war er dabei die Ameisen zu verfolgen. Schon bohrte sich der Stock in den Ameisenhaufen und der Junge begann darin herumzurühren. Augenblicklich kam aufgeregtes Leben in den Erdhaufen. Die Insekten sammelten ihre Kräfte zum Gegenschlag. Die Soldaten schwärmten am Boden aus und suchten nach einem Angreifer. Schon kletterten sie zu hunderten den Stock hinauf.
Beim dritten „Lass das sein!“ warf der Junge den Stock in die Büsche und brachte sich in Richtung Mutter in Sicherheit. Dieser Rückzug ersparte ihm schmerzhafte Ameisenbisse. Unweigerlich wäre er mit dicken roten Quaddeln auf der Haut weinend nach Hause gegangen.
Eigenartig, was einen manchmal zum Nachdenken anregt.
Diesen Satz: „Lass das sein!“ habe ich selbst oft gehört. Er war die eindringliche Steigerung von Warnungen meiner Mutter, wenn ich im Begriff war irgendwo Schaden anzurichten, vielleicht eben auch anderen Schmerzen zuzufügen. Man könnte das kleine Wörtchen „sein“ auch großschreiben. Dann bezeichnet es das Leben, das Sein. „Lass das sein“ höre ich auch als: Lass das in Ruhe, lass es leben.
Es sichert dem anderen Leben mehr Respekt. Jedes Wesen hat seine Art, zu leben. Es hat seine Position in dieser Welt und ein Recht auf seine Existenz in der Nische, die es in unserer Umwelt besetzt. Jedes Tier, jede Pflanze, jeder Mensch.
Leben und leben lassen – sind die vier Worte mit denen sich dieser Respekt vor dem anderen Leben beschreiben lässt.
Leider ist das nicht immer so einfach - besonders der zweite Teil: Es fällt uns schwer, andere nach ihrem Stil leben zu lassen. Das Leben der Anderen kollidiert immer wieder mit unseren Interessen. Sie denken anders, sie fühlen anders, sie leben anders.
Die Grundlage des Lebens auf der Erde ist aber die Vielfalt. Wir Menschen lassen uns jedoch nicht gern verunsichern. Die gewohnten Ordnungen, in denen wir leben, geben uns Sicherheit – oft über Generationen. Andere nach anderen Regeln leben zu lassen, fällt uns schwer. Besonders, wenn wir ihre Gründe nicht verstehen.
Deshalb machen Fremde uns Angst. Sie stellen unsere eigene Lebensart in Frage.
Wir unterscheiden uns in der Art, wie wir unsere Kinder erziehen, in unserem Verständnis vom Zusammenleben oder unserer Art eine Arbeit ernst zu nehmen.
Das geht alles durchaus auch anders. Wer will entscheiden, was besser und was schlechter ist.
Jedoch: unser Urteil ist oft schon ausgesprochen, bevor wir es geprüft haben.
Wenn wir denken, wir können etwas besser, als andere, dann sollen sie es doch selber sehen. Unser Reden, unser Handeln muss sie überzeugen, nicht unsere Überlegenheit oder gar Gewalt. Das ist mehr als nur tolerant zu sein und im Inneren doch zu denken: „Ich bin besser.“.
Ich wünsche mir, dass wir die Achtung vor dem Leben neu lernen. Dass wir uns an seiner Vielfalt freuen können und uns mit allen verbinden, die es in dieser Vielfalt respektieren und erhalten wollen. Und denen, die es bedrohen sollten wir gemeinsam deutlich sagen: „Lass das sein.“

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