Seilbahn-Boom: Weniger Kriminalität durch die Himmels-Metro | Aktuell Amerika | DW | 21.11.2017
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Transportmittel

Seilbahn-Boom: Weniger Kriminalität durch die Himmels-Metro

Der globale Süden entdeckt das Transportmittel Seilbahn, das Menschen aus verarmten Stadträndern in die Innenstädte bringen soll. Doch Transportanbindung allein ist nicht alles, um soziale Probleme zu lösen.

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Seilbahn-Boom: Weniger Kriminalität durch Himmels-Metro?

Weiß lackierte Gondeln fliegen gemächlich durch den blauen Himmel von Medellín im Norden von Kolumbien. Darunter befinden sich kleine Gassen und Häuser, die sich an steile Hänge klammern. Seit 2004 verbindet hier eine Seilbahn die in den Bergen liegenden Vororte wie Santo Domingo Savio mit der Innenstadt. Das fast zwei Kilometer lange "Metrocable" öffnet seitdem jeden Tag noch vor dem Morgengrauen, und transportiert bis 23 Uhr stündlich bis zu 5000 Menschen. Die Fahrt kostet 2500 kolumbianische Pesos, umgerechnet weniger als 70 Cent.

Mit Bussen oder Großtaxen dauerte der Transport vor der Eröffnung der Seilbahn weit über eine Stunde. Damals nannte man Medellín die "Murder City", denn Korruption, Drogenkonsum und Gewalt waren weit verbreitet. In den umliegenden Bergen regierte die Perspektivlosigkeit, die die Menschen in die Kriminalität trieben. Mit der neuen Seilbahn sollten sie die Möglichkeiten erhalten, ihr Leben neu auszurichten und einen legalen Job zu finden. Heute ist die ehemalige Problemstadt zur Touristenattraktion geworden, und trägt den Titel der "Innovativsten Stadt der Welt", vergeben vom Wall Street Journal im Jahr 2013. Das Seilbahnnetz ist aufgrund seines Erfolges mittlerweile auf insgesamt 16 Kilometer ausgebaut worden.

Wunderseilbahn?

Doch welche Rolle spielte die Seilbahn in dem radikalen Wandel von Medellín? Julio D. Davila ist Professor am University College of London und hat lange die Zusammenhänge zwischen Mobilität, Armut und sozialer Integration erforscht. "Die Seilbahn in Medellín hat 28 Millionen Dollar gekostet, aber das Achtfache wurde für das "Upgrading" der Stadt ausgegeben".  "Upgrading" - das bedeutete für Medellín konkret die Installation von Straßenbeleuchtung und Überwachungskameras, um die Sicherheit an öffentlichen Plätzen zu verbessern. Mehr Fußgängerzonen und Parks wurden eröffnet und Geld für Bildung und Mikrokredite zur Verfügung gestellt.

Weltweiter Boom

Der Wandel von Medellín inspiriert mehr und mehr Städte in Südamerika und Afrika, die mit hoher Kriminalität zu kämpfen haben. Stabile Stahlfasern aus Österreich ziehen somit bald auch über die roten Dächer von La Paz. 30 Kilometer Seilbahn werden dort vom Hersteller Doppelmayr gerade gebaut. Praktische Argumente haben die Stadtverwaltung überzeugt. "Je nach Größe kann eine Seilbahn nach zwölf bis 24 Monaten Bau in Betrieb gehen", sagt Ekkehard Assmann, Kommunikationsleiter vom Seilbahnhersteller Doppelmayr. Sie sei deshalb für viele südamerikanische Städte in Tallage die praktischste Lösung. Außerdem müssten generell weniger Menschen für den Bau zwangsumgesiedelt werden. Laut Assmann hat es in der Vergangenheit noch keinen solchen Fall der Zwangsumsiedlung gegeben, anders als zum Beispiel beim Ausbau von Straßen.

Komplexer als gedacht

Die schillernden Kabinen für wenig Geld und Aufwand haben schon so manchen ausländischen Bürgermeister auf Besuch in Medellín zum Staunen gebracht. Schnell wurden auch in der eigenen Stadt die ersten Pfeiler in den Boden gerammt, jedoch ohne daran zu denken, dass die Seilbahn von Medellín nur deshalb zur Erfolgsgeschichte wurde, weil sie Teil einer großen sozialen Umstrukturierung war. 

Vor einem Jahr baute auch die mexikanische Regierung in Ecatepec vor den Toren von Mexiko Stadt die erste Seilbahn, um die Anbindung der Einwohner aus dem bergigen Vorort San Andrés de la Cañada zu verbessern. Moderne Gondeln transportieren dort jeden Tag bis zu 100.000 Menschen den Berg hinauf und hinunter. Umrahmt wird ihre Laufbahn heute an vielen Stellen mit Streetart. Laura Solteo kommt aus Ecatepec und doch nutzt sie die Gondel nur selten. Für ihren Weg zur Arbeit sind zwar weiterhin die herkömmlichen Verkehrsmitteln der Stadt praktischer. Doch Taxifahrer missachten Verkehrsregeln, Busse kommen zu spät oder gar nicht. Kaputte Straßen ohne Bürgersteig bringen Autofahrer und Fußgänger in Gefahr. "Die Gondel ist sehr praktisch für die nahegelegenen Anwohner, aber sie hilft den übrigen Menschen in der Stadt überhaupt nicht", sagt auch Rogrido Flores, Ingenieur aus Ecatepec. Anstatt punktuell zu verbessern, hätte sich Flores Investitionen gewünscht, die den öffentlichen Transport ganz grundsätzlich vorantreiben. "Außerdem ist die Arbeit mit der Eröffnung ja nicht getan. Die Bahn muss in Stand gehalten werden, und das ist im korrupten Mexiko ein echtes Problem", fügt er hinzu.

Seilbahn allein reicht nicht

Doch nicht nur die Instandsetzung der Bahn muss gewährleistet sein. Sie seien keine Wunderlösung für soziale Eingliederung, sagt Transport-Professorin Lucas Karen von der Universität Leeds. "Seilbahnen waren in Lateinamerika so erfolgreich, weil sie die Menschen aus ihrer Isolation geholt haben. Plötzlich konnten sie am Leben in der Stadt teilhaben und sich auf dem Arbeitsmarkt integrieren." Doch nur wenn Seilbahnen mit Investitionen in Bildung, Umschichtung des Steuersystems und größerer Infrastrukturprojekte ergänzt würden, könnten sie Kriminalität und soziale Ungerechtigkeiten verringern.

Und auch nicht jede geplante Seilbahn im globalen Süden ist für den Transport der lokalen Bevölkerung gedacht. Die in Auftrag gegebene Gondel in der nigerianischen Stadt Lagos wird bald vor allem Touristen helfen, besser auf die Ferieninsel Victoria Island zu gelangen, sagt Lucas. Dabei könnten die Anwohner einen Ausbau der Transportwege gut gebrauchen. Denn auch wenn lokale Inselpendler zukünftig von der Seilbahn profitieren könnten, müssten sie größere Güter immer noch mit der Fähre transportieren. Denn dort wie überall sind Seilbahnen zum Transport von Personen gedacht, den Handel können sie kaum antreiben. Eine weitere Seilbahn ist in der kenianischen Stadt Mombasa geplant. Dort soll sie den Likoni Channel überqueren. Und auch hier werden wahrscheinlich mehr Touristen als Bewohner davon profitieren.

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