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Asien

Seidenblumen für die Toten

In der chinesischen Provinz Sichuan ist ein Jahr nach dem schweren Erdbeben der Wiederaufbau in vollem Gang. Viele Menschen sind immer noch traumatisiert.

Kaputtes Haus in Sichuan (Foto: Xinhua)

Noch immer sind die Spuren des Bebens in Sichuan deutlich sichtbar

Mit weit ausgebreiteten Armen steht Zhang Dao Cui am Berghang und ruft ins Tal hinein: "Mein Liebling, in ein paar Tagen wirst du acht Jahre alt. Ich vermisse Dich so sehr." Ihre Stimme hallt von den Berghängen wieder, aber es kommt keine Antwort. Irgendwo unten im Tal liegen die Überreste von Zhangs Tochter, Wang Yu Qing. Begraben unter einem riesigen Haufen von Schutt und Geröll. Zum ersten Jahrestag des schweren Erdbebens in der südwestchinesischen Provinz Sichuan ist Mutter Zhang in ihre Heimatstadt Beichuan zurückgekehrt, um zu trauern.

Über 80.000 Menschen kamen ums Leben, als am 12. Mai 2008 um 14.28 Uhr Ortszeit die Erde bebte. Die Erdstöße der Stärke acht auf der Richterskala erschütterten ein Gebiet von der Größe Südkoreas. Am schwersten betroffen: die Stadt Beichuan, die völlig zerstört wurde.

Ein Geschenk zum Geburtstag

Zhang Dao Cui (Foto: Ruth Kirchner / DW)

Zhang Dao Cui trauert um ihre Tochter

Zhang Dao Cui blickt ins Tal hinab auf die Trümmer ihrer alten Heimat. Eingestürzte Wohnblocks, abgeknickete Betonstützen, riesige Geröllhalden, wo die Erdrutsche von den umliegenden Bergen Teile der Kleinstadt unter sich begruben. Auch die Schule, in der Zhangs Tochter in die erste Klasse ging. "Ich kann sie einfach nicht vergessen", sagt die 30-Jährige und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. "Sie war so ein süßes Mädchen. Zu ihrem Geburtstag werde ich ihr ein Geschenk kaufen. Ich liebe sie so sehr."

Seit dem Beben durften die Überlebenden von Beichuan bislang nur zweimal die Polizei- und Militärsperren oberhalb der Ruinenstadt passieren, um ihrer Angehörigen zu gedenken. Zum chinesischen Neujahrsfest, zum Totengedenktag im April - und jetzt zum Jahrestag. Polizisten und Soldaten der Volksbefreiungsarmee kontrollieren genau, wer die Absperrungen passieren darf. Ausländische Journalisten haben eigentlich keinen Zutritt. Zhang findet die Beschränkungen schwer erträglich. "Am liebsten würde ich jeden Tag kommen, um meine Tochter zu besuchen" sagt sie. Sie wohnt jetzt bei ihrer Mutter in einem Dorf in den Bergen. Ihre Ehe ist nach dem Tod der Tochter zerbrochen.

Spuren im Schutt

Blumen für die Opfer des Erdbebens (Foto: Ruth Kirchner / DW)

Blumen für die Opfer des Erdbebens

Vom ersten Checkpoint führt ein langer staubiger Weg ins Trümmertal. Auf halber Strecke haben Angehörige eine einfache Gedenkstätte errichtet. Kerzen flackern im warmen Sommerwind. Es riecht nach Räucherstäbchen. Zhang hat Seidenblumen mitgebracht. Unten im Stadtzentrum bewachen Soldaten die Ruinen. Keiner darf in den Schuttbergen und zwischen den schiefen und halbzerstörten Häusern herumklettern. Es ist zu gefährlich. Die zerstörte Stadt soll als Museum und Mahnmal erhalten bleiben. Ein gigantischer Trümmerhaufen und ein Massengrab.Überall in der Geisterstadt finden sich Überreste des Lebens: eine rostige Pfanne, eine Puppe, Schuhe, aufgerissene Matratzen. Im zweiten Stock eines Hauses flattert noch Wäsche an einer Leine vor der leeren Fensterhöhle. Die Hosen, die jemand vor einem Jahr hier zum Trocknen aufhing, sind grau vom Staub.

Wiederaufbau verzögert sich

Rund 15 Kilometer von der zerstörten Stadt entfernt rumpeln Lastwagen eine Stichstraße entlang. Gleich neben der Schnellstraße von Beichuan nach Mianyang soll die Zukunft Gestalt annehmen, soll Beichuan wiederaufgebaut werden. "Neues Beichuan, neuer Traum" steht auf großen Plakaten. Und: "Egal, welche Schwierigkeiten es gibt, sie können das heroische chinesische Volk nicht stoppen". Aber noch steht kein einziges Haus im neuen Beichuan, noch sind keine Fundamente gegossen. Dabei soll bis Herbst 2010 der Wiederaufbau nach den Plänen der Regierung eigentlich beendet sein - ein Jahr früher als ursprünglich geplant.

An anderen Orten in Sichuan ist man schon weiter als im neuen Beichuan. In der Nähe des Qingcheng-Berges, der jedes Jahr Tausende von Touristen anlockt, sind bereits neue Siedlungen entstanden. Überall in Sichuan sind Bagger, Betonmischer und Hundertschaften von Bauarbeitern im Einsatz, um die Infrastruktur wiederaufzubauen. Die Aufgabe ist gewaltig. Millionen von Menschen wurden im vergangenen Jahr obdachlos.

Häuser für die Obdachlosen

Die Siedlung Glueckliches Heimatland in Dujiangyan Foto: Ruth Kirchner / DW)

Die Siedlung "Glückliches Heimatland" in Dujiangyan

Allein in der schwer zerstörten Stadt Dujiangyan müssen 61.000 Häuser und Wohnungen neu geschaffen werden. Ganze Stadtteile werden im Eiltempo hochgezogen, etwa die Siedlung "Glückliches Heimatland". Noch sind die Hochhäuser eingerüstet, aber die Mauern und Dächer sind schon fertig. 3000 Familien sollen hier unterkommen, sagt Tang Tian Xue von der staatlichen Baufirma und rückt seinen roten Schutzhelm zurecht. "Das Projekt hat im September letzten Jahres begonnen, im Dezember können die ersten Leute einziehen", sagt Tang stolz. Im Mai nächsten Jahres sollen alle Wohnungen fertig sein.

Gleich nebenan eine weitere Großbaustelle. Hier entsteht ein neues Krankenhaus. Acht der geplanten elf Stockwerke stehen breits, freut sich Wei Feng vom Gesundheitsamt: "Das Krankenhaus wird nicht nur der Stadt Dujiangyan dienen, sondern der gesamten Region." In den ländlichen Regionen sieht die offzielle Bilanz zum ersten Jahrestag noch eindrucksvoller aus. Rund drei Viertel der neuen Wohnhäuser seien bereits fertig, heißt es. Doch in vielen Teilen der Erdbebenregion sieht man immer noch Trümmer. Hunderttausende von Menschen leben nach wie vor in Behelfssiedlungen - einfache provisorische Häuser, 30 Quadratmeter pro Familie.

In der Siedlung Yong Xing am Rande der Stadt Mianyang wohnen über 10.000 Überlebende aus Beichuan. In den engen Straßen zwischen den Baracken spielen Kinder und mustern neugierig alle Besucher. Vor Haus B1-10 sitzt die 48-Jährige Li Zi Xiu und isst eine Schale scharfe Sichuan-Nudeln. "Im Sommer ist es in den Häusern sehr heiß", sagt sie lachend. "Alles andere ist okay, aber im Sommer ist es hier wie in der Sauna." In ihrem Häuschen hat sie mit einem Vorhang eine Schlafecke abgeteilt. Mahlzeiten bereitet sie auf einem einfachen Gaskocher zu. Ein eigenes Badezimmer hat das Haus nicht.

Hoffnung auf den Neuanfang

Zhuang Yong Feng (Foto: Ruth Kirchner / DW)

Zhuang Yon Feng hat ihren Ehemann während des Erdbebens verloren



Li klagt nicht, dabei hatten sie und ihr Mann vor drei Jahren ihre gesamten Ersparnisse in den Bau eines eigenen Hauses in Beichuan gesteckt. Das liegt jetzt in Trümmern. Geblieben sind nur die Schulden bei der Bank. Wie sie die abbezahlen soll, weiß sie nicht, sagt Li und zuckt mit den Schultern. Die Entschädigung von rund 20.000 Yuan, die sie vom Staat bekommt, wird kaum reichen. Außerdem muss sie eines Tages auch noch für ein neues Haus im neuen Beichuan zahlen. Trotzdem bleibt sie zuversichtlich. "Ich habe gehört, dass die neuen Häuser billig sein sollen", sagt sie.

Im alten Beichuan brennen die Trauernden unterdessen Feuerwerkskörper ab. Der Lärm soll nach chinesischer Tradition den Toten Freude bringen. Den offiziellen Parolen zum Trotz geht vielen Überlebenden die Entwicklung fast ein bisschen zu schnell. Der Wiederaufbau ist gut, sagen sie, aber das Vergangene können und wollen sie nicht vergessen.

Zhang Dao Cui steht noch immer am Berghang und starrt auf die Trümmer. Die roten und weißen Seidenblumen für ihre Tochter leuchten im Nachmittagslicht. "Ich kann sie einfach nicht vergessen, ich kann nicht nach vorne schauen", sagt sie und beginnt wieder zu weinen. "Was Du einmal im Leben verloren hast, kommt nie zurück. Ich wünschte mir, meine Tochter wäre noch am Leben - dann wäre ich glücklich."

Autorin: Ruth Kirchner
Redaktion: Daniel Scheschkewitz

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