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Sehr verwinkelt

Winkel auf dem Geodreieck. Der Schulterblick gegen den toten Winkel. Die Idylle im Winkel. Winkel auf dem Sportplatz, samt unmöglichem Winkel – und der liebe Gott spielt auch eine Rolle. Im Herrgottswinkel.

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Sehr verwinkelt – die Folge als MP3

Er ist so gut wie allgegenwärtig. Allerdings fällt er nicht besonders auf, denn er macht keinerlei Aufhebens von sich. Hat er auch gar nicht nötig – und seinen Platz in einer sprachlichen Betrachtung hat er mehr als verdient. Der Winkel. Ja, der Winkel!

Winkel in der Schule und auf der Straße

Ein Auto ist im Außenspiegel eines anderen Fahrzeugs sichtbar.

Noch ist der Wagen nicht im toten Winkel

Natürlich denken wir alle zuerst an Mathematik und da an den Winkel schlechthin – nämlich den 90 Grad-Winkel. Den rechten Winkel. Einen linken gibt es merkwürdigerweise nicht, dafür aber stumpfe und spitze, die in den Matheaufgaben und -prüfungen seit undenklichen Schülergenerationen eine große Rolle spielen. Hilfsmittel zur Lösung von Winkelaufgaben war ehedem das legendäre Winkeldreieck, hölzerner Vorfahr des heutigen Geodreiecks aus Plastik.

Unser aller Verhältnis zum Winkel ist aber keineswegs nur vom mathematischen Schulunterricht bestimmt. Denken wir nur, insofern wir Autofahrer sind, an den toten Winkel, dem auch durch noch so raffinierte Außenspiegel nicht restlos beizukommen ist. Deshalb der Blick über die Schulter im stumpfen Winkel von mehr als 90 Grad, und schon sehen wir, dass der tote Winkel ziemlich belebt ist: nämlich in Form eines anderen Autos, das uns gerade überholen will, während wir doch noch an dem LKW vorbeiwollen – und so weiter …

Gott und die Welt im Winkel

Eine Wohnstube mit einem Tisch, zwei Stühlen und einem kleinen Altar mit Kreuz in der rechten Ecke.

Dieser Winkel in einer österreichischen Wohnstube hat einen Namen: Herrgottswinkel.

Lebende Winkel gibt es nicht. Aber belebte. Zum Beispiel die im Chiemgau gelegene Gemeinde Reit im Winkl. Auch wenn sie ohne das „e“ auskommt, heißt sie nicht umsonst so. Denn es ist der – in übertragener Bedeutung – Winkel gemeint, in dem das ringsum von Bergen umgebene Reit im Winkl liegt.

In vielen Häusern Oberbayerns, aber auch anderswo, findet sich – meist in der Küche über der Eckbank – der Herrgottswinkel. Das ist eine Art kleiner Hausaltar mit dem Kreuz Christi und Blumenschmuck. Man könnte auch Herrgottsecke sagen, aber „Winkel“ ist authentischer. Der Herrgottswinkel stammt nämlich aus Tirol und hat auch dort seinen Namen bekommen.

Dunkle Winkel

Idyllisch gelegene Orte, historische Stadtkerne, mittelalterliche Innenstädte verfügen im Allgemeinen über die in jedem Prospekt gepriesenen verwinkelten Gassen. Rein technisch gesehen sind sie einfach sehr eng und folgen eher einem Zickzackkurs als dass sie gerade sind. Für Touristen sind sie wahre Pilgerstätten, für Motorisierte aber, die ihr Gefährt über das holprige Pflaster kutschieren müssen, ein Alptraum.

Italien Ligurien Verwinkelte Gasse in Dolceaqua

Idyllisch: verwinkelte Gassen an Orten mit altem Stadtkern.

Am Ende solcher Gassen, im letzten Winkel, wo kaum einmal die Sonne hinkommt, hat die Sprache den Winkeladvokaten angesiedelt. Früher eine Person, die ohne Rechtsanwalt zu sein, gegen Bezahlung die Rechtsangelegenheiten anderer erledigt hat. Heute versteht man unter einem Winkeladvokaten ein gerissenes Schlitzohr. Einen – wie der Volksmund sagt – Rechtsverdreher, der trotz geringer juristischer Kenntnisse durchaus gut im Geschäft ist, dabei auch nicht vor zweifelhaften Methoden und allerlei trickreichen Winkelzügen zurückschreckt und sich dann einen Schlupfwinkel sucht, um nicht entdeckt zu werden.

Torwinkel

Winkel ganz besonderer Art befinden sich in den Fußballtoren. Es gibt ja diesen berühmten Ausspruch des früheren Bundestrainers Sepp Herberger, das Fußballspiel so zu erklären, dass „das Runde ins Eckige“ müsse. Also der Ball ins Tor. Zum Beispiel in den rechten oberen Winkel. Oder links oben.

In einen dieser von Pfosten und Latte gebildeten Winkel – übrigens einen rechten – schlägt der Ball ein. Wird er hineingehoben, zischt er hinein. Mitunter wird sogar von handwerklichem Können gesprochen, wenn der Spieler das runde Leder in den Winkel hämmert. Je nachdem.

Unmögliche Winkel gibt's nicht

Das Größte aber ist, den Ball aus spitzestem, ja unmöglichem Winkel, in den Winkel zu setzen. In der Tat. Nichts ist unmöglich. Auch der unmögliche Winkel nicht. Und mindestens eines haben Mathematik und Fußball in dem Fall gemeinsam: Exaktheit zählt.




Arbeitsauftrag
Was macht deiner Meinung nach einen idyllischen Ort außer seinen verwinkelten Gassen aus? Versuch das in mindestens zehn und maximal 15 Zeilen zu beschreiben.

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