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Afrika

Segun: "Die Achtung vor den Menschen krepiert im Gefecht mit Boko Haram"

Boko Haram hat erneut knapp 200 Menschen entführt. In ihrer Machtlosigkeit tötet die Armee Zivilisten. Im Anti-Terror-Kampf gehe jede Verantwortung verloren, sagt die Menschenrechtlerin Mausi Segun im DW-Interview.

DW: Frau Segun, Boko Haram hat erneut 185 Frauen und Kinder entführt, diesmal aus dem Ort Gumsuri im Bundesstaat Borno. Ihre Organisation Human Rights Watch hat schon in der Vergangenheit Berichte von Augenzeugen und Opfern dokumentiert. Was wissen Sie über das Schicksal der entführten Menschen?

Mausi Segun: Aus Gesprächen, die wir mit Augenzeugen vergangener Entführungen geführt haben, wissen wir, dass die Frauen gezwungen werden, für die Miliz zu arbeiten. Sie werden gezwungen, zum Islam überzutreten, anschließend müssen junge Mädchen Boko-Haram-Kämpfer heiraten, viele leiden unter sexueller Gewalt. Junge Männer hingegen werden gezwungen, sich der Gruppe als Kämpfer anzuschließen. Wenn sie sich weigern, werden sie erschossen.

Der Angriff auf Gumsuri war nicht der erste in diesem Umfang. Wie kann es sein, dass die Islamisten in so großem Stil ungehindert zuschlagen können?

Ein beachtlicher Teil des Südens vom Bundesstaat Borno, etwa die Region um Gwoza und Chibok, ist unter der Kontrolle von Boko Haram. Boko Haram hat einen Teil des Gebietes zum Kalifat erklärt. Es gibt kaum Sicherheitskräfte in der Region. Somit sind alle Einwohner den Attacken von Boko Haram ausgesetzt.

Die jüngste Massenentführung hat sich bereits am Samstag (14.12.2014) ereignet. Warum erreichen die Nachrichten über Entführungen immer erst so spät die Öffentlichkeit?

Wegen der Kontrolle von Boko Haram trauen sich nur sehr wenige Journalisten in das Gebiet. Wir sind also abhängig von den Nachrichten der Menschen, die Attacken überlebt haben und denen es gelungen ist, zu entkommen. In vielen Teilen der Bundesstaaten Borno und Adamawa hat Boko Haram die Funkmasten zerstört. Reisen in das Gebiet sind lebensgefährlich. Dadurch ist es sehr schwierig, überhaupt an Informationen zu gelangen.

Halten Sie es für möglich, dass die Armee Hinweise auf die Überfälle hat, die Information jedoch zurückhält?

Das glaube ich nicht. Viele Journalisten haben Kontakte zu Armeesprechern und konnten bisher frei über das Thema berichten. Ich bezweifle, dass die Armee die Möglichkeit hat, den Informationsfluss zu stoppen.

Nach der Entführung der Mädchen von Chibok hatte es Wochen gedauert, bis die nigerianische Regierung eine Stellungnahme abgab - wie ist das Krisenmanagement im Falle der jüngsten Entführung?

Geht es nur um die reine formale Bestätigung der Entführung, so haben das Beamte vom Bundesstaat Borno bereits erklärt. Aber wir wünschen uns natürlich eine Befreiung der Geiseln oder eine Verurteilung der Angreifer. Und das hat - soweit ich weiß - noch nicht stattgefunden. Allein die Rückeroberung von Territorium, das von Boko Haram kontrolliert wird, hat sich in der Vergangenheit als eine sehr schwierige Aufgabe für die Sicherheitskräfte herausgestellt. Und die wenigen Erfolge in den vergangenen Wochen sind vor allem der Unterstützung der lokalen Bürgerwehren zu verdanken.

Es gibt neue Vorwürfe, welche die Armee beschuldigen, das Dorf Mundu in Bauchi überfallen zu haben. Wie sehen Sie solche Menschenrechtsverletzungen seitens der Armee?

Ehrlich gesagt ist das für uns nicht sehr überraschend. Solche Dinge sind bereits in der Vergangenheit passiert, zum Beispiel in dem Dorf Baga. Dort haben Armeeangehörige bei der Verfolgung von Boko Haram-Kämpfern hunderte Dorfbewohner getötet und unzählige Häuser zerstört. Wir haben Satellitenbilder, die das bezeugen. Anstatt diese Vorwürfe und Augenzeugenberichte zu untersuchen, streiten die Regierung und Militär die Vorfälle einfach ab. Und selbst in Fällen, bei denen es die Zusage zu Ermittlungen gibt, passiert nichts. Verantwortung und Achtung vor der Zivilbevölkerung sterben im Feuergefecht zwischen Nigerias Armee und Boko Haram. Es ist eine klare Verletzung von nationalen und internationalen Menschenrechtsstandards. Hier muss es transparente Untersuchungen geben und alle verantwortlichen Offiziere müssen benannt werden.

Ein Militärgericht in Nigeria verurteilte gestern 54 Soldaten wegen Meuterei zum Tode. Sie hatten sich geweigert, einen von Boko Haram kontrollierten Ort anzugreifen. Was halten Sie von solchen Bestrafungen?

Unsere Organisation lehnt die Todesstrafe generell ab, egal gegen wen und unter welchen Umständen. Die Todesstrafe ist grausam und hält in keiner Weise von Menschenrechtsverletzungen oder Verbrechen ab. Die Armee ist in ihrem Kampf gegen Boko Haram schon so ausgedünnt und der Konflikt hat bereits Hunderttausenden das Leben gekostet. Ich sehr das als sehr bittere Ironie, dass sich das Militär in dieser Situation erlaubt, noch weitere Männer zu töten. Da läuft doch wirklich etwas gehörig schief.

Mausi Segun ist Nigeria-Expertin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Die Juristin arbeitet seit vielen Jahren zu Menschenrechtsfragen in Nigeria.

Das Interview führte Stefanie Duckstein.

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