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Kultur

Segeln, segeln und bloß nicht reden

Neun Monate lang war Tony Kolb mit dem Segelschiff Illbruck beim Volvo Ocean Race dabei. Das härteste Segelrennen überhaupt ging um die ganze Welt. Tony Kolb war Vorschiffsmann auf dem Siegerboot. Speed ist seine Maxime.

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Triumphaler Einzug in Kiel: Die Illbruck nach 32.500 Seemeilen

Ein dunkler Typ. Dunkle Haare. Dunkelbraun gebrannte Haut. Dunkle Jeans, dunkle Sonnenbrille. Weiß strahlt einzig das Polohemd. So steht Tony Kolb im Halbdunkel einer Travemünder Hotel-Lobby. Wie Baggerschaufeln hängen seine Hände an den muskulösen Unterarmen. Fleischige, harte Hände. Sie haben viel gearbeitet in den vergangenen 25 Jahren. Doch so hart wie in den neun Monaten Volvo Ocean Race war es noch nie. Die Mühen der Besatzung krönte der Sieg des deutschen Bootes am 9. Juni 2002.

Der Job als Vorschiffsmann "Segel rauf, Segel runter, Segel rauf. Und so weiter." So beschreibt Tony Kolb seinen Bordalltag auf der Illbruck. Und es gibt kein Nachlassen, keine Pause. Das Boot muss immer maximal schnell sein, sonst ist die Konkurrenz sofort da.

Schiff illbruck

German entry in to the Volvo 60 class, illbruck, follows maxi Brindabella, left, just off Sydney shortly after the start of the open ocean yacht racing classic the Sydney to Hobart, Tuesday, Dec. 26, 2000. (AP Photo/Rick Rycroft)

Also kriecht Tony Kolb aufs Vordeck der Illbruck, wann immer der Wind sich ändert, knotet alte Segel ab, zerrt sie unter Deck, knotet neue Segel an, reißt sie hoch. Das ist sein Job, am Äquator wie in den "Roaring Forties", den Sturmrevieren im südlichen Ozean zwischen dem 40. und 50. Breitengrad. Dort sind die Wellen haushoch und die Skipper der Rennyachten sind immer auf der Suche nach dem besten Wind und der kürzesten Strecke zum Etappenhafen. Der Weg führt oft genug an Eisbergen vorbei. Da musste Tony Kolb nachts mit Schutzkleidung, Sturmbrille und Atemmaske an Deck.

Der Vorschiffsmann hat immer die Drecksarbeit. Gibt es was in der Takelage zu richten, klettert er den 28 langen Mast hoch. Die Schaukelei potenziert sich, je höher er kommt. Und wenn das Boot ein Loch hat, muß Tony Kolb als Bootsbauer den Schaden beheben.

Nach 12 Stunden hat er Pause, dann springt sein Kollege Stu Bettany ein. Kolb legt sich in den feuchten Schlafsack in der feuchten Koje und versucht zu schlafen.

Gefahr ist nur ein Hindernis auf dem Weg zum Sieg

Vor Südafrika wären sie mit ihrer Illbruck fast untergegangen. Das ganze Vorschiff war schon voll Wasser. Kolb schnitzt ein Bodenbrett zurecht und flickt das Leck. Was er in dem Moment gefühlt hat? "Das war vor allem ärgerlich. Wir hatten geführt und mit dem Wasser im Schiff sind wir immer langsamer geworden. Wir dachten, die Etappe ist verloren." Angst, zu ertrinken, Endzeitgedanken gar kamen ihm nicht: "Nein, ich habe dem Team immer voll vertraut." Mehr kommt von ihm nicht. Er hat eben keine Angst, fertig. Er ist auch nicht romantisch, kein Träumer, keiner, der Bücher schreibt über den Traum Weltumseglung. Es geht darum, mit der Illbruck das Rennen zu gewinnen. Das ist der Zweck der Reise.

Segeln ist ein Job - Landgang ein Luxus

Illbruck in Sydney

German yacht Illbruck sails into Sydney Harbor in Australia to win the second leg of the Volvo Ocean Race, Tuesday Dec. 4, 2001 against a backdrop of the Sydney Opera House. (AP Photo/Rob Griffith)

Kolb, der Profi. Tony Kolb verdient sein Geld mit der Segelei, er will es zumindest. Immerhin, für die nächsten Monate hat er Jobs, wieder als Vorschiffsmann auf Regattayachten. Durch das Volvo Ocean Race ist er recht bekannt geworden. Das ist selten für einen Segler. Als nächstes will er mit dem Starbootsegler Marc Pickel zu den olympischen Spielen nach Athen aufbrechen.

Ausgerechnet mit Pickel, dem Oberrüpel, der Skandalnudel der Segelszene. Um ihn hat es immer Rummel gegeben. Doch jetzt fragen alle Kolb aus, die Mädchen tuscheln, Reporter buhlen um seine Telefonnummer. Das macht Pickel sauer. Und einen Hauptsponsor für die Olympiakampagne haben die beiden auch noch nicht. Wenn der nicht kommt, werden die beiden es nicht versuchen.

Kolb, der Junkie. "Ich genieße jetzt den Luxus, am Tisch essen zu können, ein eigenes Bett zu haben, eine eigene Wohnung. Aber nach vier Tagen muß ich wieder aufs Wasser." Das Leben da draußen ist ja auch unkomplizierter: "Es geht um Bootspeed, essen, schlafen, und Bootspeed." Noch ein fleischiger Handschlag, und er verschwindet. Froh, nicht mehr reden zu müssen.

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