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Deutschland

Seepferdchen-Alarm - Immer mehr unsichere Schwimmer

In Deutschland sind im vergangen Jahr 410 Menschen im Wasser ertrunken, weil sie nicht gut genug schwimmen konnten. Frühzeitiges Schwimmenlernen gilt als bester Schutz. Doch es gibt immer weniger Schwimmkurse.

Sven hatte Glück. Im Alter von fünf Jahren bekam er einen der heißbegehrten Plätze im Schwimmkurs der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG). Jetzt sitzt der mittlerweile Sechsjährige strahlend am Beckenrand. Er hat das Schwimmabzeichen "Seepferdchen" geschafft. Dazu musste er vom Beckenrand ins Wasser springen, in etwa 1 Meter tiefem Wasser tauchen und einen Gegenstand vom Beckenboden holen und 25 Meter weit schwimmen. Seit einem dreiviertel Jahr hat er Woche für Woche darauf hingearbeitet. Er hat geübt, seine Arme und Beine gleichmäßig im großen Bogen zu öffnen und zu schließen und dabei den Kopf über Wasser zu halten. Sein Vater sei mit ihm immer wieder im öffentlichen Schwimmbad gewesen und habe mit ihm parallel Schwimmübungen gemacht, erzählt Sven. Jetzt ist er stolz, dass er das Abzeichen "Seepferdchen" auf seiner Badehose tragen darf.

Der sechsjährige Sven sitzt stolz am Beckenrand und freut sich über sein Seepferdchen-Abzeichen Foto: Anja Fähnle (DW)

Geschafft: Sven hat das Seepferdchen-Abzeichen

Wie Sven absolvieren zwei Drittel der Sechs- bis Zehnjährigen Grundschüler bis zum Ende der 4. Klasse dieses Frühschwimmabzeichen. Allerdings heißt das nicht, dass ein Seepferdchen-Träger ein wirklich sicherer Schwimmer ist, stellt die DLRG klar. Davon kann erst die Rede sein, wenn Kinder oder Jugendliche mindestens eine der drei Prüfungen zum Deutschen Jugendschwimmabzeichen (DJSA) absolvieren. Diese gibt es in Bronze, Silber oder Gold. Für Bronze müssen die Kinder beispielsweise 200 Meter in höchstens 15 Minuten Schwimmen. Erst nach dieser bestandener Prüfung gelten sie als schwimmsicher, so die DLRG. Und das sind laut einer Studie des Meinungsforschungsinstitutes Forsa aus dem Jahr 2010 nur die Hälfte der Grundschüler.

Immer mehr Spaßbäder statt Lehrschwimmbecken

Der Präsident des DLRG, Klaus Wilkens, befürchtet, dass sich dieser Trend in den kommenden Jahren fortsetzen wird und dann immer weniger Kinder schwimmsicher sind. Denn immer mehr Hallenbäder schließen oder werden in Spaßbäder umgebaut, mit Rutschen und großem Wellnessbereich, aber ohne Lehrschwimmbecken. "In einem Jahrzehnt sind nahezu 1100 Bäder auf der Strecke geblieben", sagt der DLRG-Präsident. "Allein in den vergangenen vier Jahren wurden 209 Bäder geschlossen und 310 weitere sind von der Schließung bedroht." Für Wilkens ist das ein haltloser Zustand. Er fordert eine Kehrtwende in der Bäderpolitik. Wenn die Politik in Bildung investieren will, dann müsse sie auch einen qualifizierten Schwimmunterricht gewährleisten, so sein Appell.

Gerade an den Grundschulen wird Schwimmunterricht zunehmend zum Problem. In einer von der DLRG in Auftrag gegebenen Umfrage kam heraus, dass 20 Prozent aller deutschen Grundschulen keinen oder nur einen sehr eingeschränkten Zugang zu Schwimmbädern haben und dass es zu wenig qualifizierte Lehrkräfte gibt.

Mehrerer Vorschulkinder lernen Schwimmen Foto: (dpa)

Kopf hoch - Schwimmen üben ist anstrengend

Beispiel Euskirchen: Die nordrhein-westfälischen Kleinstadt mit ihren gut 55.000 Einwohnern hat seit sechs Jahren kein Hallenbad mehr, sondern nur noch ein kleines Lehrschwimmbecken, das sich mehrere Schulen teilen. Einige Schüler der dritten Klasse haben dadurch nur alle drei Wochen 30 Minuten Schwimmunterricht. Oft sei dann auch noch der Schwimmunterricht ausgefallen, weil der erkrankt sei, erzählt eine der Mütter. Ihrer Meinung nach hat sich der ganze Aufwand, der mit dem Schwimmunterricht verbunden war - zum Schwimmbad gehen, umziehen, kurz ins Wasser springen, wieder anziehen, zurück zur Schule gehen – nicht gelohnt. Eine andere Mutter freut sich dagegen über das Angebot. Ihr Sohn hat dadurch schwimmen gelernt und konnte im Laufe des Schuljahres die Prüfung Seepferdchen ablegen.

Ein großes gelbes Schild mit dem Aufdruck Nichtschwimmer teilt das Schwimmbecken Foto: Roland Weihrauch (dpa)

Schwimmunterricht - an Schulen zunehmend ein Problem

Nur die Hälfte der Grundschüler kann sicher schwimmen

In deutschen Großstädten gibt es in der Regel zwar genügend Schwimmbäder, aber auch dort scheint die Zahl der Grundschüler zu steigen, die sich nicht über Wasser halten können. Ein Drittel ihrer neuen Schüler könne zunächst gar nicht schwimmen, berichtet eine Kölner Grundschullehrerin der Deutschen Welle. "Es ist schlechter geworden, weil Eltern mit ihren Kindern weniger schwimmen gehen. Von zuhause aus müsste es mehr Unterstützung geben", so ihr Fazit.

Aus ihrer Erfahrung wird das Schwimmen lernen umso schwieriger, je älter die Schüler sind. Und das hat einen simplen Grund: Angst, "weil sie mehr darüber nachdenken, was alles passieren kann." Wenn die Schüler dann auch noch wenig Wassererfahrung haben, wird es für viele zu einer regelrechten Mutprobe, am Schwimmunterricht teilzunehmen. Mit den Ergebnissen des Schwimmunterrichtes ist die Kölner Grundschullehrerin in diesem Schuljahr übrigens zufrieden. Bis zu den Sommerferien haben acht Kinder aus der dritten Klasse die Prüfung Seepferdchen bestanden.

Das orangefarbene Frühschwimmabzeichen Seepferdchen angenäht auf einer Badehose, Foto DW

Angenäht: Das Seepferdchen-Abzeichen

Der stolze Seepferdchen-Träger Sven freut sich immer noch über sein erstes Schwimmabzeichen. Jetzt kann er im Schwimmbad endlich vom Drei Meter Brett springen. Den Schwimmkurs der DLRG will der Sechsjährige weiter besuchen. Sein nächstes Ziel ist das Abzeichen Bronze. Das soll dann neben das Seepferdchen Schwimmabzeichen auf seine Badehose genählt werden.

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