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Alltagsdeutsch – Podcast

Seemannsgarn

Seeleute erzählen gerne Geschichten. Sie spinnen ihr Garn. Viele Ausdrücke und Bilder aus der Seemannssprache sind zu festen Redewendungen in der deutschen Sprache geworden. Lassen Sie sich treiben. Schiff ahoi!

Sprecher:
Ob auf einem Fähr- oder Kreuzfahrtschiff oder einer luxuriösen Segel- oder Motorjacht, die meisten von uns haben schon einmal in einem Boot gesessen und kennen das so schön schummrige Schaukelgefühl, das sich einstellt, sobald der feste Boden unter den Füßen verschwindet.

Sprecherin:
Also, ziehen Sie Ihre Schwimmweste an und vergessen Sie nicht Ihren Südwester, es könnte stürmisch werden. Halt, Sie wissen nicht, was ein Südwester ist? Das ist ein Hut, der aussieht wie ein nicht sehr stabiler Feuerwehrhelm und der besonders vor heftigen, regnerischen Südwestwinden schützt – daher wahrscheinlich der Name Südwester.

Sprecher:
Womit wir schon in die Symbolik der Seefahrersprache eingestiegen wären. Und wie unter richtigen Seeleuten spinnen wir heute an dem ebenso berühmten wie berüchtigten Seemannsgarn.

Sprecherin:
Seemannsgarn ist also die seemännische Version vom Jägerlatein der Waidmänner.

Sprecher:
Wenn es um haarsträubende Abenteuer geht, nehmen es weder die Jäger noch die Seemänner mit der Wahrheit sehr genau. Wie gesagt, auf einem Schiff ist vieles anders. Das fängt nicht zuletzt bei der Sprache an. Ein Seil oder eine Kordel darf man nicht so nennen. Neptun und Poseidon mögen Sie vor solchen verbalen Ausrutschern bewahren. Tampen ist vielmehr das richtige Wort, solange es sich um ein relativ dünnes, kurzes Seil handelt. Sagt man Leine, liegt man fast immer richtig, bedenke aber, dass eine dicke Leine auch Tau genannt wird. Doch es gibt noch mehr seemännische Ausdrücke. So wird aus einem Koch ein Smutje, und der Boss heißt Kapitän oder Schiffsführer. Und damit auch Sie seemannssprachlich im täglichen Leben nicht vom Kurs abkommen, haben wir unsere furchtlose Reporterin auf eine Seefahrt geschickt.

Sprecherin:
Und ich halte jetzt mal den eingeschlagenen Kurs, indem ich Ihnen vorspiele, was den Leuten auf der Straße zu dieser Redewendung einfällt: vom Kurs abkommen.

O-Töne:
"Auf die schiefe Bahn geraten. / Das ist, also das sieht man eher negativ, weil, vielleicht wenn man ein bestimmtes Ziel hatte – ein von mir aus einen Berufswunsch – und kommt davon jetzt ganz ab, dann ist das negativ. Also wenn man dann vom Kurs abkommt, also wenn man aus den Augen verliert, was das Ziel war. / Wenn mehrere am Ruder sitzen, dann kommt man gelegentlich vom Kurs ab, denn ein einziger Steuermann ist notwendig, um geradeaus richtig Kurs zu halten. / Man sollte versuchen, sein Ziel irgendwo zu erreichen, und da muss man den Kurs halten. / Ist in der Schifffahrt schlecht, vom Kurs abzukommen, genauso gut auch eben im Leben vom Kurs abzukommen, ist genauso schlecht. Wenn er stiehlt, wenn er trinkt, wenn er alles macht, dann kommt er vom Kurs ab, ne."

Sprecherin:
Unter Umständen ist es also auch im Leben nicht ganz ungefährlich, vom Kurs abzukommen. Doch jetzt sollten Sie sich etwas entspannen. Lassen Sie sich doch einmal treiben.

Sprecher:
Wenn ein Schiff auf dem Wasser treibt, dann bedeutet das, dass es nicht mehr steuerbar ist oder niemand an Bord ist, der dazu in der Lage wäre. An Land allerdings – und im übertragenen Sinne – kann es nicht schaden, wenn man sich ab und zu einmal treiben lässt, meint die Mehrzahl der Befragten.

O-Töne:
"Wenn ich der Meinung bin, es geht mir gut, und ich lass mich treiben und denke, ich komme ans rettende Ufer, so in etwa. Auch so wie heut, wenn ich das Wetter seh', ich hab gut gegessen und hab getrunken. Wenn ich müd' bin, ich kann mich in die Parkanlage setzen und kann eben den Tag genießen. / Das sollte jeder Mensch machen, denk ich mal, dieses treiben lassen, sich treiben lassen, sich Zeit gönnen. / Also, wenn man mal 'nen guten Tag hat, lässt man sich mal treiben, so würde ich dann für mich sagen. Ja, das ist für mich was Gutes. So richtig loslassen, und so, wenn ich so mit meinem Rädchen rumfahre, und so. / Ja, wenn man zum Beispiel, ich weiß ja nicht, frisch verliebt ist vielleicht und dann lässt man sich einfach, dann lässt man alles an sich vorbeilaufen, und man findet alles schön, egal, was passiert, und dann lässt man sich halt einfach so treiben. Oder wenn man faulenzt in den Ferien, wenn man im Wasser liegt oder auf der Wiese, dann lässt man sich auch einfach so hängen, oder so, dann denkt man an nichts."

Sprecherin:
Diese junge Dame hat besonders angenehme Gründe gefunden, sich treiben zu lassen. Doch nicht alle Menschen denken so wie sie und übertragen das Bild des steuerlosen Schiffes auf das Leben.

O-Töne:
"Das Treiben lassen sollte man nicht, weil dann gerät man nämlich automatisch auf die schiefe Bahn. / Das heißt ja, Sie haben ja keinen Willen mehr, sie tun nichts in dem Sinne, ne. Sie lassen alles auf sich drauf ankommen, und das ist schlecht."

Sprecher:
Doch nicht jeder, der sich treiben lässt und dabei vom Kurs abkommt, gerät zwangsläufig auf die schiefe Bahn – oder seemännisch formuliert – er erleidet Schiffbruch. Auf dem Meer ist das Risiko zwar groß, doch im täglichen Leben benutzt man den Ausdruck Schiffbruch erleiden auch in nicht lebensbedrohlichen Situationen. So kann man zum Beispiel mit unseriösen Geschäftspartnern Schiffbruch erleiden.

O-Töne:
"Wenn man sich was vorgenommen hat und schafft das dann nicht, dann hat man Schiffbruch erlitten. Also, das ist negativ. / Ist Unglück. / Erst mal Enttäuschung, je nachdem, was man sich vorgenommen hat, wenn man das Ziel nicht erreicht, darüber ist man schwer enttäuscht, 'ne Niederlage, ne. / Wenn man irgend 'nem Unternehmen sich angeschlossen hat oder irgendwas ausprobieren will, und das hat nicht so geklappt, wie man sich das eigentlich vorstellt."

Sprecher:
An dieser Stelle passt ein kurzer Exkurs. Die meisten der hier vorgestellten Redewendungen sind aus der Seemannssprache in die Alltagssprache übernommen worden, wahrscheinlich aufgrund ihrer Bildhaftigkeit. Anders der Begriff wieder flottmachen. Nach einer Havarie, einem Unfall oder einem anderen Schaden ist ein Schiff oft nicht mehr fahrtüchtig, es muss wieder flottgemacht werden. Aber auch im Alltag greift man auf diesen Ausdruck zurück, und zwar immer dann, wenn es etwas zu reparieren gibt.

Sprecherin:
Manche Leute kaufen sich ja sogar uralte Autos, um sie an endlos langen Wochenenden wieder flottzumachen, wieder fahrtüchtig zu machen.

Sprecher:
Eine ähnliche Bedeutung hat ein anderer seemännischer Begriff. Wenn ein Seemann davon spricht, klar Schiff zu machen, dann meint er nämlich Folgendes:

O-Töne:
"Säubern, zu Hause genau das gleiche. Klar Schiff machen, Ordnung schaffen, säubern, putzen. / Wenn man zum Beispiel, was weiß ich, fünf Jahre lang das gleiche Zimmer hatte, und dann will man was ganz neues haben, dann wirft man alles raus und sagt: ich mach klar Schiff. Also, es wird alles rausgeworfen und alles neu gemacht. / Also, wenn alle in der Tinte sitzen. / Probleme aus der Welt schaffen, Probleme lösen. / Die Fronten klären. / Klar Schiff machen heißt, das Deck schrubben oder – im übertragenen Sinne – gründlich aufräumen."

Sprecher:
Will man eine solche Aufgabe bewältigen, muss man sich anstrengen. Und auch hier haben die Seemänner unserer Sprache einen schönen Ausdruck beschert: Man muss sich in die Riemen legen. Sie müssen sich allerdings einige Jahre zurückdenken, in die Zeit, als Menschen unter Deck bei stickiger Luft und hohen Temperaturen Schiffe per Menschenkraft in Bewegung setzten. Sie ruderten – oder besser – sie legten sich in die Riemen, denn Riemen ist ein anderes Wort für Ruderblatt. Heute benutzen besonders Sportreporter den Ausdruck gerne, um die Kraftanstrengung beim sportlich ambitionierten Rudern möglichst bildhaft zu beschreiben. Aber auch der unsportliche Laie kennt den Ausdruck.

O-Töne:
"Vor'm Zeugnis oder so, wenn es noch um die letzten Punkte geht, die man noch ergattern will, oder jetzt Notenverbesserung, dann legt man sich noch mal in die Riemen, um alles zu schaffen. Oder zum Beispiel bei einer Prüfung vom Tanzen oder so, dann, wenn man merkt, man war gut, aber trotzdem, man kann's noch besser, dann versucht man, sich noch mal in die Riemen zu legen, also alles rauszuholen nochmal, also die letzte Kraft auszuschöpfen. / Also, die Anstrengung, die Leistung, man will was Außergewöhnliches bringen. Die Anstrengung auf jeden Fall. / Es muss gearbeitet werden, damit es voran geht. Und so ist es auch sag' mal draußen, wenn es heißt, sich in die Riemen legen. Also, soviel, es muss etwas getan werden. / Gemeinsam für was arbeiten. / Wenn man sich in die Riemen legt, bedeutet das, dass man kräftig zulangt, dass es vorwärts geht. Das ist eine Art Kraftakt, der vor allem von demjenigen gestartet wird, um schneller vorwärts zu kommen."

Sprecherin:
Solch schweißtreibender Bewegungsdrang liegt nicht jedem, das heißt, er macht nicht jedem Spaß. Aber nicht nur auf einem Boot gibt es solche, die die Arbeit erledigen und solche, die das Sagen haben. Kurz: es gibt eine Mannschaft und einen Kapitän oder Bootsführer. Das ist derjenige, der das Ruder in der Hand hält.

Sprecher:
Man kann auch sagen, jemand sitzt am Ruder oder ist am Ruder. In der Politik gebraucht man das seemännische Bild des Führens gerne, um zu beschreiben, welche Partei gerade am Ruder ist beziehungsweise an der Macht ist.

O-Töne:
"Vielleicht das Familienoberhaupt. Das hat die Ruder fest im Griff und steuert somit als Beispiel das Boot, also praktisch das Leben, das steuert die Person halt. / Alles im Griff haben und sein Leben gut hinkriegen. / Dass man vielleicht sein Leben fest im Griff hat, also genau weiß, was man will, wo's langgeht. / Dann hat man die Kontrolle. / In einer Gruppe ganz klare Anweisung geben und sich damit zum sicheren Führer machen. / Genaue Vorstellung hat von seinem Leben, inwieweit man es machen will. / Selbständige Menschen, das heißt, ob sie nun selbständig im Berufsleben stehen oder selbständig 'ne Mutter mit Kinder, die hat das Ruder in der Hand. Oder ein Familienvater. / Einer, der weiß, wo's langgeht. Wenn er in der Lage ist, Herr der Sache zu sein und darübersteht. Er muss was können und muss auch andere befehlen können, muss genau wissen, was er tut."

Musik:
Hans Albers: "La Paloma"

"Ein Wind weht von Süd und zieht mich hinaus auf See,
mein Kind, sei nicht traurig, tut auch der Abschied weh …"

Sprecherin:
Bei einer Seefahrt, beim Schaukeln des Bootes auf den Wellen, kann man alle trübsinnigen Gedanken über Bord werfen. Wie das funktioniert?

O-Töne:

"Wenn man an irgendwas gehangen hat oder an einer Person, und die hat einen sehr verletzt, und dann, man denkt noch lange da dran, aber dann wirft man es einfach über Bord, also man wirft's praktisch aus seinem Kopf raus, so dass man nicht mehr dran denken muss. / Wenn man so allein da steht, und man hat so lästige Sachen, lästige Verwandte und lästige Leute auch, die soll man über Bord werfen, würde ich sagen, ist so mein Begriff. / Das hat eher so 'nen negativen Touch, was aufgeben. / Dinge wirft man über Bord, wenn man sich von altem Krempel, sei es ideologischem Ballast oder dergleichen, trennen will. / Seine Sorgen, Kummer und so weiter und so fort, das kann man über Bord werfen. / Wenn man irgendwelche Vorstellungen hat und die nicht richtig sind und sich dann korrigiert, dann sagt man ja schon mal, man kann irgendwas über Bord oder eine Meinung über Bord werfen."

Sprecher:
Wichtig zu wissen ist auch, dass wir alle im gleichen Boot sitzen, auch wenn wir auf dem falschen Dampfer sind. Man sagt jemandem, er sei auf dem falschen Dampfer, wenn er eine andere Meinung vertritt als man selbst. Was im gleichen Boot sitzen alles bedeuten kann, zeigen die folgenden Beispiele.

O-Töne:

"In der Schule, wenn wir in einer Klausur sitzen und einer will dem anderen vielleicht nicht helfen, dann wird man nach der Klausur vielleicht sagen, wir sitzen doch alle in einem Boot, und praktisch müssten wir uns dann helfen. / Das heißt wohl Gemeinsamkeit, in einem Boot sitzen, dass einer für den anderen einsteht, würde ich sagen, ne. Ja, das ist das wichtigste, Gemeinsamkeit entwickeln. / Wenn beispielsweise der Chef zu einem kommt und sagt, wir sitzen alle in einem Boot, ist höchste Vorsicht geboten. Denn er will im Prinzip seine Meinung zu der Sache des anderen machen, dem das eigentlich gar nicht in den Kram passt oder dessen eigenes Interesse das eigentlich nicht sein könnte. / Gemeinsam irgendwelche Probleme haben, denke ich. / Ja, das gleiche machen, in einem Boot sitzen, sagen wir mal, dass man jetzt zusammen wandert, alle möglichen Sachen. / Wir fahren langsam durch die Welt und wissen nicht, was kommt."

Sprecher:
Ehe wir für heute die Segel streichen, möchten wir Ihnen aber noch ein schönes Beispiel für diese Redewendung bieten.

O-Töne:
"Wenn ich mir was vorgenommen hab, dann tu ich die Segel setzen. Und wenn ich das Gefühl hab, ich hab irgendwas errrreicht, dann sage ich, gut, jetzt ist Schluss, jetzt werden die Segel gestricheen, jetzt genieße ich mein Erreichttes. Oder wenn ich ein arbeitsreiches Leben hatte, ich habe 40 Jahre bei Opel gearbeitet, ne, und wie ich die Gelegenheit hatte, in den Ruhestand zu gehen, dann habe ich die Segel gestrichen, und dann bin ich in den Ruhestand gegangen und hab das mehr oder minder genossen."

Sprecherin:
Schiff ahoi
, und immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel!

Musik:
Maria Kloth: "Eine Seefahrt, die ist lustig"

"Eine Seefahrt, die ist lustig,
Eine Seefahrt, die ist schön
Denn da kann man fremde Länder ..."

Fragen zum Text

Seemannsgarn spinnen bedeutet, dass …

1. jemand unwahre Geschichten erzählt.

2. jemand Schiffskordeln zusammenknüpft.

3. Seemänner in ihrer Freizeit handarbeiten.

Lässt man sich sprichwörtlich treiben, dann …

1. organisiert man sein Leben.

2. wartet man ab, was passiert.

3. legt man sich ins Wasser und träumt.

Jemand, der führt, …

1. macht klar Schiff.

2. setzt die Segel.

3. ist am Ruder.


Arbeitsauftrag

Schreiben Sie eine kurze Geschichte über eine Bootsfahrt. Verwenden Sie dabei möglichst viele Redewendungen aus dieser Alltagsdeutsch-Folge.

Autorin: Gabriele Klasen

Redaktion: Beatrice Warken


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