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Kultur

Seelsorge für Seeleute

Die weltweit über 40 Seemannsmissionen sind erste Anlaufpunkte für Seemänner, um über ihre Sorgen und Nöte zu sprechen. Zum Beispiel über die zunehmende Piraterie auf den Weltmeeren.

Die Matrosen Alexander Sizenov (l) und Antanas Katauskas stehen im Hafen von Duisburg vor ihrem Schiff (Foto vom 09.09.2009). Seit Mitte Juli 2009 sitzen sie und der Rest der Mannschaft in Duisburg fest. Reederei und Charterer haben das reparaturbedürftige Küstenmotorschiff im Stich gelassen. Am 17. Juli machten fünf Russen und ein Litauer in Duisburg fest, luden 1315 Tonnen Stahl aus Kaliningrad ab. Doch dann war Feierabend. Foto: Horst Ossinger dpa/lnw (zu dpa-Korr.: Russische Crew in Duisburg gestrandet vom 11.09.2009) +++(c) dpa - Report+++

Matrosen hoffen auf Hilfe

Im Rostocker Club Hollfast ist Seemannsdiakon Folkert Janssen für alles zuständig: Er verkauft verbilligte Telefonkarten, mit denen die meist philippinischen Seeleute für wenig Geld mit ihren Familien telefonieren können. Er wechselt Geld und sorgt dafür, dass seine Gäste im Internet chatten können. Doch seine wichtigste Aufgabe sind die Besuche an Bord.

An Deck der "Paros", einem 180 Meter großen Frachtschiff, das unter maltesischer Flagge fährt, wird der Seemannsdiakon von der Besatzung freundlich begrüßt. In den Gesprächen mit der Crew geht es oft um das Thema Piraterie. Seeleute wie Artur de la Cross machen sich Sorgen. Der Philippino fährt schon seit über 20 Jahren zur See. Aber so gefährlich wie in den vergangenen Monaten sei es noch nie gewesen – vor allem vor der somalischen Küste, erzählt de la Cross.

Die Sorgen fahren immer mit

Die Aufnahme vom 17. November zeigt somalische Piraten, die die Mannschaft des chinesischen Fischerbootes FV Tian Yu 8 bewachen. Das Schiff war am Tag zuvor gekapert worden. Frachter, Öltanker, Fischfangschiffe - Vor den Piraten an der Ostküste von Afrika ist kaum ein Schiff sicher. Die Seeräuber stammen oft aus dem Land Somalia. Sie haben in den vergangenen Tagen besonders viele Schiffe erobert. Foto: US Navy EPA/ Jason R. Zalasky (Editorial use only) ACHTUNG: Dieses Bild hat dpa im Bildfunk gesendet +++(c) dpa - Nachrichten für Kinder+++

Somalische Piraten

"Immer, wenn ich dieses Gebiet passieren muss, denke ich daran, dass die Piraten das Schiff überfallen und mich töten könnten", sagt er. Die Besatzung würde nach Piraten Ausschau halten und es gäbe auch einen Notfallplan, wie man sich bei einem Überfall verhalten solle. Doch die Sorgen fahren immer mit. Dennoch will de la Cross seinen Job als Seemann nicht aufgeben. "Das ist seit über 20 Jahren meine Arbeit. Wenn ich damit aufhöre, verdiene ich ja auch kein Geld mehr", betont er.

Artur de la Cross ist sechs bis neun Monate ununterbrochen auf einem Schiff. Seine Familie sieht er meist nur einmal im Jahr. Er weiß, dass sie sich wegen der Piraterie Sorgen macht. Zu Hause würden sie immer in den Nachrichten verfolgen, ob wieder ein Schiff gekidnappt wurde in dem Gebiet, in dem er gerade unterwegs ist. "Ich versuche sie dann anzurufen, damit sie sich keine Sorgen machen müssen", erzählt er.

Piratenopfer sind traumatisiert

*** Nur Verwending in Verbindung mit Artikel über DSM **** Pastorin Heike Proske, heute Generalsekretärin der Deutschen Seemannsmission e. V. beim Kirchentag 2009 am Stand der Seemannsmission im Europahafen Bremen.

Proske im Gespräch

Heike Proske, Generalsekretärin der Deutschen Seemannsmission, weiß aus Gesprächen mit Seemännern, dass sie ihre Familien mit ihren Sorgen und Nöten nicht so gern belasten wollen. Aber mit den Mitarbeitern der Seemannsmissionen würden die Seeleute offen reden. "Wenn erst einmal ein Kontakt entstanden ist, dann packen Seeleute schnell aus", berichtet Proske. Sie hat mit Seeleuten gesprochen, die von Piraten attackiert oder überfallen wurden.

"Die Männer sind sehr verunsichert und ängstlich", sagt sie. Bei jedem Schnellboot, das sich dem Schiff nähert, würden sie nervös reagieren, weil sie mit Piraten rechnen. Gerade für diese traumatisierten Menschen sei es wichtig, dass die rund 700 haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der weltweit 40 Seemannsmissionen für Gespräche zur Verfügung stehen.

Mehr Militär ist keine Lösung

ARCHIV - Ein Soldat der Bundesmarine blickt an Bord der Fregatte Brandenburg durch ein Fernglas auf das Meer (Archivfoto vom 03.12.2006, Illustration zum Thema EU-Einsatz gegen Piraten). Die Bundeswehr könnte bis zu 1400 Soldaten und damit weit mehr Kräfte als zunächst erwartet für den geplanten EU- Einsatz gegen Piraten am Horn von Afrika bereitstellen. Über eine entsprechende Truppenstärke werde in den zuständigen Ministerien beraten, wurde am Dienstag (25.11.2008) in Regierungskreisen in Berlin bestätigt. Entscheidungen seien aber noch nicht gefallen, hieß es. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (FAZ) hatte berichtet, dass sich die Bundeswehr mit bis zu 1400 Soldaten an der Mission «Atalanta» der Europäischen Union beteiligen könnte. Foto: Tim Brakemeier (zu dpa 4272 vom 25.11.2008) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Bundesmarine im Einsatz

Zum Schutz der Seeleute nun die militärische Präsenz auf den Meeren zu erhöhen, hält Heike Proske für den falschen Weg. "Ich bin immer gegen jede Form von Eskalation, insofern ist Militär für mich keine Lösung." Sie plädiert für politische Initiativen, damit sich die Situation in Ländern wie Somalia verbessert. Derweil versuchen die Seeleute in Rostock das Thema Piraterie erst einmal zu verdrängen.

Diakon Folkert Janssen hilft ihnen dabei. Mit seelsorgerlichen Gesprächen, aber auch mit so einfachen, praktischen Dingen wie der Bestellung eines Taxis. Ein philippinischer Seemann will für einige Stunde ins Spielcasino nach Warnemünde. Der Seemannsdiakon lacht: "Das ist der einzige, der noch ein paar Dollar übrig hat. Aber jede Abwechslung vom Bordalltag hilft, die Sorgen um die nächste Fahrt durch Piratengebiet zu verdrängen."

Autor: Michael Hollenbach

Redaktion: Sabine Damaschke

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