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Deutschland

Sechs Unwahrheiten über den Prenzlauer Berg

Über die so genannten Öko-Schwaben im wahrscheinlich trendigsten Stadtteil Deutschlands, dem Prenzlauer Berg in Berlin, ergießt sich seit Jahren ein nicht versiegender Strom ätzender Häme - völlig zu unrecht.

Themenbild Fernschreiber (Grafik: DW)

Als die Berliner Mauer noch stand, war der Stadtteil Prenzlauer Berg ein eher unansehnlicher Arbeiterbezirk. Doch weil hier auch die ostdeutsche Bohème Unterschlupf fand, entstand ein Mythos, der - neben billigen Mieten - nach der Wiedervereinigung tausende von Studenten aus Westdeutschland anzog. Die einst baufälligen Häuser sind heute renoviert, in die früher leerstehenden Ladenlokale sind schicke Cafés und Feinkostläden eingezogen und die ehemaligen Studenten arbeiten in gut bezahlten Jobs.

Diese Entwicklung zog immer mehr Akademiker in den Bezirk, trieb die ehemaligen Bewohner wegen der steigenden Mieten in andere Bezirke - und ließ hässliche Vorurteile entstehen. Eine Auswahl:

"Im Prenzlauer Berg leben nur Paare mit Kindern - und die heißen alle Gustav, Karl, Lisa oder Sophie."

In Wirklichkeit ist das Sozialprestige dieser Namen längst auf die Stufe von Kevin oder Mandy gefallen. Dass der Modeschöpfer Wolfgang Joop im unbestreitbar bürgerlichen Potsdamer Villenviertel seine Hunde Gretchen und Charlotte genannt hat, mag noch verkraftbar gewesen sein. Dass auch im ganz und gar nicht bürgerlichen Berliner Stadtteil Wedding der Nachwuchs inzwischen Anna-Sophia gerufen wird, dagegen nicht. Im Prenzlauer Berg heißen die kleineren Kinder deshalb jetzt Meta-Fides, Raunhild, Erdmann oder Sieghelm, aber auch - blame it on Obama - Tyrone und Hyacinth.

"Im Prenzlauer Berg kauft man seine Lebensmittel im Bioladen."

Auch das ist falsch: Es gibt sogar Leute, die ihren Kindern Obst aus dem normalen Supermarkt mit in den Kindergarten geben. Beliebt machen sie sich damit allerdings nicht. Denn sie zwingen die übrigen Eltern, Ausreden zu erfinden, wenn das Supermarkt-Kind zu seiner Geburtstagfeier einlädt.

"Kinder, denen die Eltern PEKIP-Kurse, Mandarin für Minis, Kinderyoga und musikalische Frühsterziehung vorenthalten, gelten als vernachlässigt."

Das mag stimmen, doch die Optimierungsprogramme bleiben wirkungslos: Auch die PEKIP-Kinder ziehen sich auf dem Spielplatz gegenseitig die Schaufeln über die Köpfchen, kleine Mädchen schieben Puppenwagen umher und kleine Jungs spielen mit Radladern und Löffelbaggern. Auch später entwickeln sich die Kinder offenbar ganz normal, wie die ältesten Nachkommen der zugezogenen West-Akademiker beweisen. So erzählte unlängst ein Achtklässler, in seiner Jahrgangsstufe kifften "bestimmt zwei Drittel". Vor einigen Jahren hatte eine Realschülerin im brandenburgischen Eberswalde den Anteil der Drogenkonsumenten in ihrer Klasse auf 80 Prozent beziffert. Wendet man die Formel zur Bereinigung jugendlicher Übertreibungen an, kommt man hier wie dort auf eine Quote von 42 Prozent.

"Die Öko-Schwaben haben sich im Prenzlauer Berg ihr soziales Biotop geschaffen."

Zunächst: Im Prenzlauer Berg wohnen keineswegs überwiegend Schwaben, vielmehr bildet die Bevölkerung einen repräsentativen Durchschnitt der gesamten westdeutschen Provinz. Auch von sozialer Segregation kann keine Rede sein, denn die scheitert an der Resilenz der Kinder: So sorgen die Kleinen für Begegnungen mit der Arbeiterklasse, indem sie ihre Eltern zwingen, an Baustellen zu verweilen und Männern an oder in Baumaschinen zuzusehen. Die Älteren wiederum knüpfen im von Drogen-Dealern bevölkerten Weinbergspark ganz ohne Zutun ihrer Eltern Kontakte zur Unterschicht.

"Der Bugaboo-Kinderwagen ist die eine inoffizielle Wappenfigur des Prenzlauer Bergs."

Das mag so gewesen sein, doch inzwischen sind gebrauchte Modelle bereits für 300 Euro zu haben. Seit das einstige Statussymbol auch von Leuten umhergeschoben wird, deren Kleidung nicht dazu passt, herrscht wieder eine bunte Vielfalt von Marken und Modellen.

"Die Bionade-Flasche ist die andere inoffizielle Wappenfigur des Prenzlauer Bergs."

Zwar wird in den Cafés und Bars Bionade verkauft und auch getrunken, doch liegt das an den noch immer zahlreich einströmenden Touristen. Denn wer je gesehen hat, mit welcher Geschwindigkeit die ortsansässigen Frauen nach der Schwangerschaft wieder auf Model-Maße einschrumpfen, der weiß: Dieses Zuckerzeug (Fünf bis sechs Würfel pro Flasche!) trinken sie gewiss nicht. Und wer je in einem Kindercafé erlebt hat, wie eine Mutter ihrem Einjährigen ein geschenktes Stück Babyzwieback aus dem Mund reißt, nachdem sie erfahren hat, dass es vielleicht Zucker enthält, der weiß: Auch die Kinder werden Bionade frühestens probieren, wenn sie alt genug sind, um alleine in den Weinbergspark zu gehen.

Autor: Dеnnis Stutе

Redaktion: Kay-Alexander Scholz