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Deutschland

Sechs Monate zum Bund - was bringt das noch?

Erst achtzehn, dann zwölf, später neun und jetzt noch sechs Monate Grundwehrdienst. In Deutschland müssen junge Männer jetzt nur noch für ein halbes Jahr zur Bundeswehr. Wie denken heutige Rekruten über die Armee?

Mit Blattwerk und Gras getarnte Wehrpflichtige liegen mit Gewehren im Gras (Foto: AP)

Zwischen Abenteuer-Urlaub und Gammeldienst

Auf dem Flur der Grundausbildungseinheit im Eifelstädtchen Mayen geht es hektisch zu. Stuben und Reviere reinigen haben die Vorgesetzten befohlen - eine für viele Soldaten nervige und eintönige Aufgabe, aber typisch für die Grundausbildung. Schlechte Laune kommt auf dem Flur trotzdem nicht auf. Die jungen Soldaten haben es fast geschafft, noch ein paar Tage Grundausbildung, dann dürfen viele in die Heimat. Für Sebastian Butzek geht es in eine Kaserne nach Speyer. In der Pfalz hat er Abitur gemacht, hier wohnen auch seine Eltern.

Zu anstrengend, zu hart

Soldaten im Grundwehrdienst rennen mit Waffen in der Hand (Foto: DPA)

Grundwehrdienst ist kein Zuckerschlecken

Obwohl in Deutschland das Grundgesetz verlangt, dass alle wehrtauglichen jungen Männer zum Dienst an der Waffe verpflichtet sind, ist Sebastian Butzek eine große Ausnahme. Nur 5 von 60 Jungs in seinem Jahrgang seien zur Bundeswehr gegangen, berichtet der zurückhaltende 18-Jährige in einer Ausbildungspause.

Auch in seiner Familie haben sie darüber diskutiert. Die Mutter war eher dagegen, der Vater - früher selbst Soldat - dafür. Sebastian Butzek hat dann entschieden: "Wenn ich schon tauglich bin, dann gehe ich auch mal hin und schaue es mir an."

Butzeks Freunde waren von der Entscheidung überrascht. Die große Mehrheit hat keine Lust auf den anstrengenden Job, den rauen Kasernenhofton und das sehr frühe Aufstehen. Doch seit Butzek bei der Bundeswehr ist, wollen viele zumindest wissen, was in der Kaserne so passiert.

Dann erzählt der junge Rekrut von Erfahrungen, die Millionen Deutsche seit der Einführung der Wehrpflicht 1957 in ähnlicher Weise gemacht haben. Er berichtet mit viel Respekt vom Umgang mit der Waffe, den langen Märschen und dem Biwak mit wenig Schlaf und vielen Alarmübungen. Körperlich anstrengend sei die Ausbildung gewesen - auch für ihn, der schon vor der Bundeswehr viel Sport getrieben hat. Wie seine Kameraden in der Stube lobt der Abiturient den Zusammenhalt. Aus der bunt zusammengewürfelten Truppe sei schnell eine eingeschworene Gemeinschaft geworden.

Im Rückblick haben schon immer viele Soldaten im Grundwehrdienst von der Kameradschaft geschwärmt. Aber vielleicht hat sie sich in den letzten Jahren sogar noch verbessert. Denn ob in Mayen, Berlin oder Hamburg - die Bundeswehr bekommt vor allem die Rekruten, die sich mehr oder weniger freiwillig für die Truppe entschieden haben. Wer gegen die Bundeswehr ist, verweigert - das geht heute deutlich problemloser als in vergangenen Jahrzehnten. Mehr als ein Drittel eines Jahrgangs wird gleich ganz ausgemustert, denn die Bundeswehr lässt schon aus finanziellen Gründen immer weniger Wehrpflichtige einrücken.

Umbau zur Berufsarmee?

Sebastian Butzek will nach dem Wehrdienst studieren, sein Stubenkamerad Patrick Meier möchte beim Bund bleiben. "Ich habe mir die Grundausbildung angeguckt und mir gedacht, das Militär bietet einem was und ist auch dann da, wenn es Probleme gibt. Einen sichereren Arbeitsplatz als bei der Bundeswehr kann man sich nicht vorstellen."

In der Vergangenheit stand diese Form der Nachwuchsgewinnung sicher nicht im Vordergrund. Es ging vor allem darum, mit einem großen Heer einen Angriff des Warschauer Paktes zurückschlagen zu können. Doch seit dem Ende des Kalten Krieges braucht Europa keine Massenheere mehr und die Bundeswehr keine Wehrpflicht, glauben immer mehr Politiker. In diesem Frühjahr und Sommer jedenfalls zählt das Thema Berufsarmee zu den großen politischen Debatten in Deutschland.

Dann nur noch Gammeldienst

Nicht nur das Feindbild hat sich im Laufe der Zeit verändert, sondern auch die Ausbildung. Wegen der kurzen Wehrdienstzeit werden die jungen Soldaten nicht mehr zu Spezialisten ausgebildet oder für den Auslandseinsatz trainiert. Im Verteidigungsfall könnten die meisten Wehrpflichtigen allenfalls als einfache Sicherungssoldaten Objekte bewachen.

Der Großteil der Mayener Soldaten wird nach der Grundausbildung wohl auf dem Geschäftszimmer landen oder als Fahrer die letzten Monate über die Runden bringen. Weil sie in den Einheiten nicht wirklich gebraucht werden, empfinden viele Rekruten die Zeit nach der Grundausbildung als Gammeldienst.

Bloß nicht umfallen

Rekruten der Bundeswehr legen ihren Eid ab (Foto: AP)

Das feierliche Gelöbnis ist für viele der Höhepunkt ihrer Armeezeit

Butzek und seine Kameraden springen von den Stühlen auf. Der Vorgesetzte kommt herein und überprüft Stube und Spind. Vor dem Spind von Thomas Bruder bleibt der Oberfeldwebel stehen. "Ein Saustall ist das", schimpft er, "fünf Minuten Zeit, das in Ordnung zu bringen." Während Bruder zwei Wasserflaschen aus dem falschen Spindfach wegräumt und damit den Saustall beseitigt, zieht der 21-Jährige Bilanz seiner ersten Monate.

Vor allem das feierliche Gelöbnis bleibt ihm in Erinnerung. Bruder stand während der Zeremonie in der ersten Reihe. Im Gegensatz zu seinen Großeltern, denen das Gelöbnis richtig gut gefallen habe, war er viel zu aufgeregt, um die Feier genießen zu können. Zum Glück habe alles geklappt. Weder er noch seine Kameraden haben während des langen Stillstehens einen Schwächeanfall bekommen. Wie man so ein Umfallen durch Tricks verhindert, hatten ihnen die Ausbilder noch kurz vorher beigebracht.

Autor: Andreas Noll
Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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