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Brasilien

"Schwulenheilung" auf dem Vormasch?

Homosexualität als Krankheit: In Brasilien dürfen Psychologen neuerdings Schwule und Lesben "therapieren". Doch auch in Deutschland sind solche "Therapieangebote" nicht illegal. Experten fordern deshalb ein Verbot.

Brasilien Sergio Viula, Ex-Pastor aus Rio de Janeiro (privat)

Sergio Viula kämpfte jahrelang gegen die eigene Sexualität, 2003 outete er sich.

Es ist ein Rückschlag für die Rechte von Homosexuellen in Brasilien: Diese Woche genehmigte Bundesrichter Waldemar de Carvalho in Brasilia die psychologische "Umwandlungstherapie" von schwulen und lesbischen Menschen. Sein Urteil gab in Teilen einer Klage von konservativen Psychologen statt, die sich durch das seit 1999 in dem Land geltende Verbot von solchen "Heilverfahren" eingeschränkt fühlten.

Der brasilianische Rat der Psychologen kündigte zwar an, umgehend in Berufung zu gehen. Dennoch empört die Entscheidung Menschen im ganzen Land. "Hinter der 'Schwulenheilung steckt eine absurde Einstellung, die es Betroffenen noch schwerer macht, sich selbst zu akzeptieren. Was in Wahrheit geheilt werden muss, ist die Homophobie in unserer Gesellschaft!" , fordert zum Beispiel die 39-jährige Tatiana Idalgo Zanforlin Vieira aus der Nähe von São Paulo gegenüber der DW. 

"Homosexualität ist Sünde"

Obwohl offiziell bislang nicht erlaubt, gibt es im Verborgenen in Brasilien durchaus Therapieangebote, mit denen die sexuelle Orientierung von Menschen verändert werden soll. Meist kommen sie aus einem religiös-fundamentalistischen Umfeld, insbesondere von den in Brasilien sehr einflussreichen evangelikalen Kirchen.

Brasilianische Pfingstkirchler Evangelikalen Messe Ekstase (AFP/Getty Images)

Die evangelikalen Freikirchen sprechen in Brasilien Massen an - und sehen Homosexualität meist als Sünde

Niemand weiß das besser als Sergio Viula, der sich heute zu seiner Homosexualität bekennt, aber sie zuvor mehr als 18 Jahre lang unterdrückt hat: Er war selbst evangelikaler Pfarrer. "Ich bin in einem sehr konservativen Umfeld aufgewachsen und war verzweifelt, als ich als Jugendlicher merkte, dass etwas mit mir 'nicht stimmt'", so der 48-Jährige. Seine ersten homosexuellen Erfahrungen hielt er aus Angst streng geheim. Dann lernte er durch einen Bekannten eine evangelikale Kirche kennen.

Nach Orientierung und Gewissheiten suchend, ließ sich Viula schnell vom Charisma der Prediger, den eingängigen Reden und den lebendigen Gottesdiensten in den Bann ziehen und lernte: Homosexualität ist eine Sünde. Heute sagt er kopfschüttelnd: "Ich war naiv, habe mich leicht manipulieren lassen - und selbst geholfen, andere zu manipulieren."

Von  Therapie zu Therapie 

Bald leistete Viula für die Evangelikalen Überzeugungsarbeit auf der Straße, drückte Homosexuellen auf Gay-Paraden Flyer in die Hand. Er ließ sich zum Pfarrer ausbilden und gründete mit zwei Kollegen 1997 die NGO "Bewegung für eine gesunde Sexualität" (MOSES). "Ziel war ganz klar, Schwulen und Lesben dazu zu bringen, heterosexuell zu werden", so Viula. Gebete, Fasten, Hypnose, Drama- und Gesprächstherapie, - all das machte Viula selbst durch und brachte auch andere dazu.

"Ich war absolut fanatisch, mein Umfeld hatte mich überzeugt, dass meine Sexualität ein Problem ist, das ich mithilfe von Jesus lösen kann." Doch nicht nur auf göttlichen Beistand wurde gesetzt: Auch Psychologen, die mit Viulas NGO zusammenarbeiteten, versuchten in Therapiesitzungen Homosexuelle, meist Schwule, zu "heilen". "Man hat es offiziell eher 'Beratung oder so etwas genannt und hängte es nicht an die große Glocke, denn eigentlich war es ja nicht erlaubt", erinnert sich Viula."Einige der Psychologen wurden aber erwischt und angeklagt."

Brasilien Sergio Viula, Ex-Pastor aus Rio de Janeiro (privat)

Der 48-jährige Viula trennte sich von seiner Frau - und lebt heute mit einem Mann zusammen

Heute bezeichnet sich Viula als Atheist und lebt offen mit seinem Partner in Rio de Janeiro. Das Schlüsselerlebnis für die Kehrtwende in Viulas Leben: Ein Aufenthalt in Singapur, wo er einen Mann kennen lernte und mit ihm die Nacht verbrachte: "Da konnte ich mich einfach nicht mehr selbst belügen. Ich habe erkannt, dass das einfach Teil meiner Persönlichkeit ist." 2003 outete er sich. Im gleichen Jahr trennte er sich auch von seiner Frau, mit der 14 Jahre verheiratet war und mit der er zwei Kinder hat. Viula ist nun überzeugt: Sogenannte Konversionstherapeuten richten bei den Hilfesuchenden Schaden an, anstatt ihnen zu helfen, und sind zudem auch unwissenschaftlich. 

Konversionstherapien: In Deutschland nicht verboten

Dirk Schulz, Genderforscher an der Universität zu Köln, sieht das ähnlich: "Die Annahme, Homosexualität heilen zu können, ist aus wissenschaftlicher Sicht höchst problematisch. Allein schon, weil sie voraussetzt, dass Homosexualität eine Krankheit oder ein Problem ist." 

Deutschland Dirk Schulz, Dozent für Gender Studies an der Universität zu Köln (Universität zu Köln)

Dirk Schulz: "Konversionstherapien sollten sehr wohl verboten werden"

Dabei hat auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität schließlich Anfang der 1990er von der Liste der psychischen Krankheiten gestrichen. Sie spricht heute von einer "falschen Pathologisierung nicht-heterosexueller Verhaltensweisen".

Doch es gibt einen kleinen Teil von - meist im religiösen Umfeld angesiedelten - Wissenschaftlern und Medizinern, die auch heute noch anders denken und Therapien anbieten, mit deren Hilfe die vermeintliche Krankheit oder Störung "geheilt" oder zumindest gelindert werden kann. Die "Schwulenheilung" ist unter anderem in den USA und in einigen lateinamerikanischen Ländern verbreitet, obwohl sie teilweise wie bislang in Brasilien offiziell verboten ist.

In der Verantwortung der Ärztekammern

Anders verhält es sich übrigens in Deutschland; derartige Therapieangebote sind hierzulande nicht illegal. Zwar spricht sich die Bundesärztekammer gegen solche Verfahren aus, aber ein gesetzliches Verbot existiert nicht. Auf eine Kleine Anfrage der Grünen hin antwortete die Bundesregierung dieses Jahr, Homosexualität sei keine Krankheit und bedürfe daher auch keiner Behandlung. Die Sanktionierung von Angeboten, die Menschen schädigen können, läge aber zunächst in der Verantwortung der Ärztekammern. 

Ein Verbot also nicht notwendig? Genderforscher Schulz findet: "Konversionstherapien sollten sehr wohl verboten werden, denn sie pervertieren etwas, was natürlich ist. Anstatt eine Person zu etwas machen zu wollen, das sie nicht ist, sollten Therapien beim Denken einer Person ansetzen und ihr helfen, sich nicht so unwohl zu fühlen."

In Brasilien ist angesichts der großen Zuwächse, die evangelikale Kirchen zu verzeichnen haben, ein Verbot von "Schwulenheilungen" wohl noch wichtiger. So ist unter anderem mit Marcelo Crivella ein evangelikaler Hardliner Bürgermeister von Rio de Janeiro geworden, der aus seiner Homophobie keinen Hehl macht.  

Der ehemalige Pfarrer und heute offen homosexuell lebende Sergio Viula ist dennoch zuversichtlich, dass die Berufung des Psychologenrats erfolgreich ist und Konversionstherapien verboten bleiben. Aber dass sich auf lange Sicht etwas in den Köpfen der Menschen ändere, dafür könne nur eine bessere Aufklärung sorgen, glaubt er. 

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