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Balkan

Schwul in Mazedonien - ein Leben im Verborgenen

Homosexuelle in dem kleinen Balkanland veranstalten jährlich ein Fest, das vor der Öffentlichkeit geheim gehalten wird - aus Angst vor der Homophobie in der Gesellschaft. Und der Staat verweigert jeden Schutz.

"In diesen paar Tagen fühle ich mich frei. Da kann ich für einen Augenblick vergessen, wo ich lebe, weil ich wirklich ich sein kann. Und ich kann mit Menschen zusammen sein, die das gleiche durchmachen und die mich verstehen, ohne dass ich es dauernd erklären muss", sagt ein 20-jähriger Teilnehmer des sogenannten Regenbogenfests in der mazedonischen Hauptstadt Skopje, das kürzlich zu Ende ging. Seinen Namen möchte er lieber nicht verraten: Zu groß ist die Angst vor Stigmatisierung und Repressionen.

Seit 2004 veranstaltet die LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) Community in Mazedonien jährlich ihr Regenbogenfest, doch im Land weiß kaum jemand davon. Es gibt keine Plakate, die dazu einladen, und in keiner Zeitung erschien ein Terminhinweis. Die wenigen Medien, die überhaupt Interesse gezeigt haben, haben auf Wunsch der Organisatoren erst nach dem Ende des Festes darüber berichtet. 50 bis 100 Menschen haben im Schnitt pro Abend das Fest besucht. Doch öffentlich darüber sprechen mag keiner.

Diskriminierung, Hass, Gewalt

In Mazedonien wurde bisher noch nie eine öffentliche Gay Pride Parade organisiert, die Homosexuellen sind ständiger Diskriminierung, Vorurteilen und oft auch offenem Hass ausgesetzt. Es gibt kein Gesetz, das die Diskriminierung eines Menschen wegen seiner sexuellen Orientierung verbietet, obwohl die EU das bereits 2010 von der konservativen Regierung verlangt hat.

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2014 überfiel eine Gruppe von 30 maskierten Tätern eine Feier der Gay Community in der Altstadt von Skopje, es gab mehrere Verletzte. Die Täter wurden nie gefasst, die Polizei hat den Vorfall in ihren Berichten gar nicht erwähnt. Auch mehrere Angriffe auf das LGBT-Zentrum in der Hauptstadt bleiben bisher unaufgeklärt.

In einer Umfrage des Zentrums zur Unterstützung der LGBT in Mazedonien gaben 66 Prozent der Befragten an, dass sie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität schon zu Opfern von Gewalt geworden sind.

"Unser Leben ist die reinste Verzweiflung"

Daher ist es kein Wunder, dass sich das Fest unter Ausschluss der Öffentlichkeit abspielt und ohne Anwesenheit der Medien. "Rund 65 Prozent der jetzigen Besucher würden nicht kommen, wenn die Medien anwesend wären. Das belegen unsere Umfragen", sagt Zoran Jordanov von der NGO "Egal" der DW.

Für viele Mitglieder der LGBT Community ist das Fest fast die einzige Möglichkeit zusammenzukommen. In Mazedonien gibt es keine Homosexuellenbars oder -clubs, die Orte, an denen diese Menschen sich frei begegnen können, sind eine Rarität. "Unser Leben ist die reinste Verzweiflung", sagt Jordanov. Der einzig sichere Raum für die Homosexuellen im Land sei das Internet. "Neben der allgemeinen Stigmatisierung und Diskriminierung in der Gesellschaft kommen eine hasserfüllte Sprache und Herabsetzung immer häufiger auch in den Medien vor. Man lasse das alles zu mit der Begründung, es sei demokratisch, eine persönliche Einstellung zu diesem Thema zu haben", sagt Jordanov.

Hoffen auf die neue Regierung

Seit 2006 regiert in Mazedonien die konservativ-nationalistische Partei  VMRO-DPMNE. Trotz aller Mahnungen der EU, zu der Mazedonien auch gerne gehören möchte: der Kampf gegen die Homophobie und gegen die Diskriminierung der Homosexuellen stand bisher nicht auf ihrer politischen Agenda. Bei den Parlamentswahlen im Dezember 2016 hat die Partei zwar ihre Mehrheit verloren, weigert sich aber, die Macht an die sozialdemokratische Opposition abzugeben.

Dennoch hofft Koco Andonovski, dass es mit einem Regierungswechsel in Mazedonien auch zur Besserung der Lage der LGBT Community kommen wird. Er ist Vorsitzender der Macedonian Association for Free Sexual Orientation (MASSO) und einer der ersten Homosexuellen im Land, die sich öffentlich dazu bekannt haben. "Bisher hatten wir eine offen homophobische Regierung, die durch ihre Politik Stigmatisierung, Angst und Unsichtbarkeit der Homosexuellen noch verstärkt hat. Wir hoffen, dass wir mit der neuen Regierung einen offenen Dialog werden führen können," sagt Andonovski. 

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Das Regenbogenfest wird seit 2008 vom mazedonischen Gesundheitsministerium finanziell unterstützt, doch nur unter der Bedingung, dass es nirgends in den Werbematerialien erwähnt wird. Die Erklärung des Ministeriums: man will nicht falsch verstanden werden. Das müsse sich ändern, die LGBT Community brauche offenen institutionellen Schutz und Unterstützung, um sichtbar zu werden, findet Andonovski. "Das würde die Akzeptanz erhöhen und die normale Sozialisierung der Homosexuallen ermöglichen", ist der mazedonische Aktivist überzeugt.