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Deutschland

Schwul im Pfarrhaus

In sächsischen Pfarrhäusern können künftig homosexuelle Pfarrerinnen und Pfarrer mit ihren Partnern leben. Die Evangelische Kirche Sachsens hat sich schwer getan mit dem Beschluss.

"So soll es nicht unter euch sein" fasste der Titel für den Thementag der Synode die letzten Monate mit einem Matthäus-Zitat zusammen. Lange schwelte unter sächsischen Protestanten ein Streit, ob homosexuelle Pfarrerinnen und Pfarrer mit ihren Partnern im Pfarrhaus leben dürfen. Am vergangenen Wochenende einigte sich die Synode auf einen Kompromiss.

Der Weg in den Sitzungssaal der Dreikönigskirche in Dresden führte die Mitglieder der sächsischen Landessynode an zwei Info-Tischen vorbei, die sich im Foyer gegenüberstanden. Auf der rechten Seite stand David Keller im dunklen Anzug und einer Lutherblume als Anstecker am Revers. Er ist Mitinitiator der "Bekenntnis-Initiative", die sich aus Protest gegen die geplante Neuerung des Pfarrdienstrechts gegründet hatte.

Zweierlei Tische

Eifrig verweist Keller Interessierte auf einen dicken Stapel Papier vor ihm; eine lange Liste mit Namen von über 7000 Einzelpersonen, fast 300 Kirchengruppen und gut einem Siebtel aller landeskirchlichen Gemeinden, die Homosexualität als "schrift- und bekenntniswidrig" ablehnen. Seine Mitstreiter halten sich heute bedeckt.

Am gegenüberliegenden Tisch wechselte sich ein bunter Haufen schwuler und lesbischer Pfarrer und VertreterInnen christlicher Gruppen ab, die sich für die Gleichberechtigung von Homosexuellen in der Kirche einsetzen. Für Ralf Michael Ittelmann vom Christlichen Schwul-Lesbischen Stammtisch in Dresden ist Christsein und Homosexualität kein Widerspruch. "In der Bibel steht nichts Definitives dazu, es ist von bestimmten Praktiken wie Knabenliebe oder Tempeldienern die Rede, nicht von homosexuellen Partnerschaften."

Ausnahme von der Regel

Eröffnung der Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) (Foto: Matthias Bein/lah)

Die Landessynode

Nach monatelangem Streit um die Novellierung des Pfarrdienstrechts fällte die Synode am Wochenende einen salomonischen Beschluss. Das "Leitbild des Zusammenlebens von Mann und Frau" soll im Pfarrdienstrecht beibehalten werden, um es den Gegnern recht zu machen, die gefordert hatten, die alte Regelung von 2001 fortzuschreiben, die das Zusammenleben von gleichgeschlechtlichen Paaren verbietet.

Im "Einzelfall" soll es homosexuellen Geistlichen zukünftig jedoch gestattet werden ins Pfarrhaus einzuziehen, sofern der Kirchenvorstand zustimmt. Am Sonntag bestätigte eine Mehrheit der Synodalen den gleichlautenden Gesetzesentwurf in erster Lesung.

"Ein jahrelanger Kampf"

Die sächsische Landeskirche war mit der ebenfalls stark konservativ geprägten Landeskirche Württembergs letztes Mitglied des Dachverbands der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), das über die Neuregelung des Pfarrerdienstrechts zu entscheiden hatte.

"Das war ein jahrelanger Kampf", meinte Pfarrer Christoph Wohlgemuth erleichtert und verglich den innerkirchlichen Prozess mit seinem eigenen Coming-Out als schwuler Pfarrer. Das hatte jedoch seinen Preis. Wer als Geistlicher in Sachsen seine Homosexualität leben wollte, blieb der Zugang zum Gemeindepfarramt versperrt. Wohlgemuth ist Seelsorger in einem Chemnitzer Krankenhaus und lebt in einer Privatwohnung, das könnte sich zukünftig ändern.

Homophobe Christen

Lesbisches Paar Kuss (Foto: courtyardpix #35895092)

Demnächst im Pfarrhaus? Lesbisches Paar

David Keller hätte es lieber gesehen, wenn die lesbischen und schwulen Pfarrer auf das Privileg, eine Gemeinde zu leiten, verzichten würden. Keller ist Promotionsstudent der theologischen Fakultät in Leipzig, dort unterstützt er einen "homophilen" Freund, der sich entschieden hat, seine Sexualität nicht zu leben. Ob man eine "homosexuelle Prägung" ausleben möchte, ist für Keller eine Frage "individueller Frömmigkeit", wobei die heterosexuelle Norm zweifelsfrei näher am Glauben sei.

Die Bibel sehe "praktizierte Homosexualität als eine schreckliche Verirrung und als eine der schweren Sünden, über die 'Gottes Zorn vom Himmel her offenbart wird'", hatte ein zorniger Pfarrer aus Chemnitz in einem Brief an sächsische Gemeinden geschrieben. Die meisten Gegner der Neuregelung des Pfarrerdienstrechts vermeiden offen homophobe Äußerungen.

Weltweite Spaltung

Keller ist freundlich und klar, alles, was er sagt, klingt moderat und vernünftig und er kennt die Vorzüge und Fallstricke einer liberalen Argumentation. Er toleriere Homosexuelle, sagt er, doch Toleranz heißt für ihn nicht mehr als "Duldsamkeit", die seiner Meinung nach ihre ethische Grenze an der Schwelle des Pfarrhauses erreicht hat. Er fordert Toleranz für konservative Christen, die sich aus der Kirche ausgeschlossen fühlen, sollten homosexuelle Paare ins Pfarrhaus einziehen.

Und er befürchtet, dass dieser Beschluss die Protestanten weltweit weiter spalten wird. Er verweist auf offene Briefe, Erklärungen und Botschaften von evangelischen Kirchen anderer Länder, die ausgebreitet vor ihm auf dem Tisch liegen. Im Konflikt um homosexuelle Laien und Geistliche treten die Gegensätze in der anglikanischen Kirche besonders drastisch zutage.

Sehr traditionelle Bibelauslegung

Homosexuelle Pfarrer, hier in New York (ddp images/AP Photo/Kathy Kmonicek)

Nicht nur in Deutschland: Homosexueller Pfarrer, hier in New York

Auf der einen Seite stehen die Kirchen der Industriestaaten des Nordens, die Anschluss an die gesellschaftliche Entwicklung suchen. Auf der anderen die Kirchen Afrikas und Asiens, auf die sich die "Bekenntnis-Initiative" wegen ihrer sehr traditionellen Bibelauslegung berufen möchte. Eines haben alle ausgewählten Dokumente gemeinsam, sie stehen der gleichgeschlechtlichen Liebe und erst recht homosexuellen Geistlichen ablehnend bis feindlich gegenüber.

Eine Kostprobe: Als der Zusammenschluss der evangelischen Kirchen in den USA beschließt, gleichgeschlechtliche Paare anzuerkennen, befürchtete die Landeskirche in Tansania in ihrer Erklärung, die Welt könnte sich in einem Zustand wiederfinden, der auch Ehen zwischen "Menschen und Tieren akzeptiert". In einer Presseerklärung der Bischöfe aus Hongkong hieß es dazu knapp, Homosexualität sei eine "Sünde".

Gewieftes Lächeln

Ein gewieftes Lächeln liegt auf Kellers Gesicht. Er weiß, vieles, was in diesen Erklärungen steht, ist für weltliche Ohren ein Graus, ein Verstoß gegen fundamentale Menschenrechte und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Dazu würde Keller sich nicht hinreißen lassen, trotzdem ist seine Botschaft klar.

Ein Synodaler wendet sich kopfschüttelnd ab. "Sowas bringt uns nicht weiter und trägt nichts zum Zusammenhalt der sächsischen Landeskirche bei", sagt er und verschwindet in den Sitzungssaal.

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