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Sport

Schwitzen für die Integration

Fast jeder Fünfte in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Doch Mitglied in einem Sportverein sind nur wenige von ihnen – vor allem Frauen nicht. Ein Projekt aus Nordrhein-Westfalen will das ändern.

Die kurdische Tanzgruppe Grupi Halparkey Dli Kurdistan aus Essen bei einem Auftritt. (Foto: LSB NRW)

Die kurdische Tanzgruppe Halparkey Dli Kurdistan

Es riecht nach Kaffee und buttrigem Streuselkuchen. Die betagten Damen haben das Seniorencafé im evangelischen Gemeindezentrum in Essen gerade verlassen. Jetzt dröhnt Musik aus einem Ghettoblaster in der Ecke: Schnell, rhythmisch, es wird getrommelt, eine Männerstimme singt und ruft. Nun kommt der Bass hinzu. Sechs Mädchen fangen an zu tanzen: In einer Reihe, die Arme mit denen des Nachbarn verschränkt. In schneller Schrittfolge bewegen sie sich nach links, nach rechts, tippen mit ihren Zehen auf den Boden, überkreuzen die Füße. Sivan Salayi steht ganz außen und hält den Zipfel eines dunkelroten Tuches in der rechten Hand. Sie malt mit ihm Wellen in die Luft – gibt den Takt zum Wechsel der Tanzschritte an. Sivan leitet die Tanzgruppe. Jeden Donnerstagabend probt die 21-Jährige mit den Mädchen kurdische Folkstänze, Halparke genannt. Denn sie ist selbst Kurdin. Vor zehn Jahren floh sie mit ihrer Familie vor dem Regime Saddam Husseins aus dem Irak nach Deutschland.

Migrantinnen sind unterrepräsentiert

Hans-Peter Schmitz, der Integrationsbeauftragte des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen. (Foto: LSB NRW)

Integrationbeauftragter im NRW-Sport: Hans-Peter Schmitz

Dass Mädchen wie Sivan im Verein Sport treiben, ist nicht gewöhnlich. Bundesweit haben gerade einmal neun Prozent der Mitglieder in Sportvereinen einen Migrationshintergrund. Die Frauenquote unter den Migranten im Sport sieht noch schlechter aus: Sie ist gerade einmal halb so hoch wie die der Männer. Und das, obwohl Sport ideal dafür geeignet wäre, Migranten in die Gesellschaft einzugliedern. Das sagt zumindest Hans-Peter Schmitz. Er ist seit 15 Jahren der ehrenamtliche Integrationsbeauftragte des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen und meint, dass Sport in Sachen Integration einen entscheidenden Vorteil hat: "Sport wird - unabhängig, woher die Menschen kommen - im Grunde nach den gleichen Regeln betrieben. Das heißt also, man kann den Sport betreiben auch wenn man noch Probleme mit der Sprache hat." Schweiß schweißt quasi zusammen. Oder anders gesagt: Sport integriert.

"spin" soll Migrantinnen in die Vereine holen

Dass Migrantinnen in Sportvereinen unterrepräsentiert sind, hat man in NRW erkannt. Doch wie spricht man die Mädchen an? Gerade junge Frauen aus streng religiösen Familien seien für die Sportvereine schlecht zu erreichen, meint Schmidt. Die Lösung des Problems heißt für ihn "spin". Im spin-Projekt leiten Trainer die Sportgruppen, die selbst eine Zuwanderungsgeschichte haben: "Wir versuchen Übungsleiter mit Zuwanderungsgeschichte einzusetzen, weil sie einen leichteren Zugang zur anderen Kultur haben." spin ist die Abkürzung für "Sport interkulturell" - eine Initiative, mit dem der Landessportbund NRW und die Stiftung Mercator junge Migrantinnen in die Vereine holen wollen. So wurde auch Sivan gefragt, ob sie nicht eine Tanzgruppe leiten wolle. Um besser auf die kulturellen Unterschiede eingehen zu können, hat die Studentin sogar eine Schulung bekommen. Durch das interkulturelle Sporttreiben sollen die Mädchen Kontakte knüpfen, die auch über den Sport hinaus bestehen bleiben.

Sivan Salayi ist Spin-Übungsleiterin in Essen. (Foto: Laura Döing)

Selbstbewusst durch Tanzen: Sivan Salayi

Dass so wenige Migrantinnen Mitglied in einem Sportverein sind, führt Sivan vor allem auf mangelndes Selbstvertrauen zurück. Sie selbst sei als Mädchen so erzogen worden, dass sie viel weniger gedurft habe als Jungen. Dadurch seien Hemmungen entstanden, die sie bis heute nicht komplett abgelegt habe: "Das bleibt immer. Man prägt sich das ein und traut sich dann vieles nicht." Durch die Auftritte mit ihrer Tanzgruppe aber habe sie gelernt, sich mehr zuzutrauen: "Früher hatte ich gar kein Selbstbewusstsein - überhaupt nicht. Ich habe mich nicht getraut auf andere Menschen zuzugehen. Durch Sport kriegt man mehr Selbstvertrauen."

Ein langwieriger Prozess

Seit 2007 läuft spin in Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Oberhausen. Die Ergebnisse des interkulturellen Schwitzens: Man habe bereits 100 Übungsleiter ausgebildet und ca. 5000 junge Sportlerinnen für den Vereinssport gewinnen können, sagt Hans-Peter Schmitz. Vollkommen zufrieden ist er dennoch nicht: "Man ist nicht an der Stelle, wo man die Hände in den Schoß legen könnte und sagen könnte: So, jetzt haben wir die Integration geschafft. Das ist ein langwieriger Prozess und kurzfristige Erfolge darf man nicht erwarten, dann ist man auch nicht enttäuscht." Langfristig wünscht er sich, dass irgendwann einmal ein Sportler mit Zuwanderungsgeschichte sein Amt übernimmt.

Auf Pumps, Ballerinas und Turnschuhen tanzen die Mädchen zur Musik aus dem Ghettoblaster, bis sie aus der Puste sind. Beim Tanztraining in Essen geht es sportlich zu. Interkulturell ist Sivan Salayis Gruppe momentan jedoch leider weniger: Die meisten Mädchen haben einen kurdischen Hintergrund. "Ich hatte auch mal eine Deutsche bei mir in der Tanzgruppe, die leider aussteigen musste wegen ihres Studiums", sagt sie. Sivan hätte auch wieder gerne einen deutsche Mittänzerin: "Wenn dann andere Kulturen versuchen, deine Kultur kennenzulernen, dann ist das ein tolles Gefühl."

Autorin: Laura Döing

Redaktion: Tobias Oelmaier