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Wirtschaft

Schwimmwesten für Milchseen

In Europa wird zu viel Milch produziert, der Preis fällt und viele Landwirte wissen nicht mehr weiter - kein Geschäftsmodell scheint die Zukunft zu sichern. Das Bundesagrarministerium lädt daher ein zum "Milchgipfel".

An diesem Montag trifft sich Agrarminister Christian Schmidt mit Landwirten, Molkereiinhabern und Handelsvertretern in Berlin, um über die Zukunft der Branche zu beraten. Wie ernst die Lage ist, zeigt der Verlauf des staatlichen Interventionsprogramms. Um Preise in Krisenzeiten nicht ins Bodenlose fallen zu lassen, hat die Europäische Union ein Sicherheitsnetz gespannt. Rutscht der Milchpreis unter die Marke von 20 Cent, schreitet der Staat ein und nimmt Molkereien Milch in Form von Milchpulver ab. Die Menge ist gedeckelt, 109.000 Tonnen müssten reichen, dachte man in Brüssel. "Bislang hat das Programm niemanden interessiert", so Eckard Heuser vom Milchindustrieverband. Schließlich ist das kein lukrativer Preis. Doch mit Jahresbeginn änderte sich die Lage schlagartig. Schon Anfang April war das Jahreskontingent voll. Die EU verdoppelte. Genutzt hat es nichts.

Seit Mittwoch ist auch dieses Menge weg. 218.000 Tonnen Milchpulver stapeln sich nun im staatlichen Auftrag, das entspricht mehr als zwei Milliarden Liter Milch oder 1,5 Prozent der europäischen Jahresproduktion. Doch die Preise fallen weiter. Das liegt in der Natur der Sache. Kühe sind anhängliche Mitarbeiter. Man kann sie weder in Teilzeit noch in den Urlaub schicken. Eine Kuh frisst und dann gibt sie Milch. Die Europäische Union ist der größte Erzeuger weltweit. Derzeit scheint es, als würde sie in ihrem selbst ermolkenen Milchsee ertrinken.

Warum gibt es in Europa so viel Milch?

Landwirte sind wie andere Unternehmer auch, sie wollen wachsen und exportieren. In den vergangenen Jahren zogen mehr und mehr Kühe in europäische Ställe. Vor allem Holland, Irland und Großbritannien stockten auf. Die Zeit schien günstig. Zum einen fiel die Milchquote weg, die die Produktion in Europa jahrzehntelang gedeckelt hat. Zum anderen winkte der Export. China, Russland, Asien und die arabischen Staaten, überall wähnte man wachsenden Milchdurst und Käsehunger. "Man lief sehenden Auges in die Überproduktion", sagt Andreas Gorn, Milchexperte des landwirtschaftlichen Statistikinstitutes AMI.

Aus den Zukunftsträumen wurde nichts. Wegen Wirtschaftskrisen und fallenden Einkommen in vielen Weltregionen sank die Nachfrage. Durch ein Handelsembargo mit Russland fiel auch dieser Markt weg. Insgesamt sind die europäischen Exporte zwar trotz der Schwierigkeiten auch im vergangenen Jahr weiter gewachsen. Allerdings nicht so stark wie die Produktion. 23, 6 Millionen Kühe stehen derzeit in Europas Ställen. Jede von ihnen gibt rund 10.000 Liter pro Jahr. Eine beständig wachsende Milchflut, die die Preise kollabieren lässt.

Warum produzieren die Bauern nicht weniger?

Eine Kuh braucht säckeweise Kraftfutter, trinkt 100 Liter Wasser am Tag, benötigt einen Stall, menschliche Betreuer, Melkstände. Der Verband der deutschen Milchbauern rechnet 40 Cent Produktionskosten für einen Liter. Der durchschnittliche Auszahlungspreis der Molkereien lag im März aber bei nur 25,8 Cent. Einzelne Molkereien sollen sogar unter 20 Cent bezahlen. Dabei ist Deutschland noch nicht einmal Schlusslicht. "In den baltischen Staaten oder Irland wird noch weniger gezahlt", so Andreas Gorn vom Statistik-Institut AMI. Und seine Prognose ist düster: "Die Preise werden weiter rückläufig sein." Wer melkt, verliert also unterm Strich Geld.

Glas milch erfreut das Leben

Wertvoll, aber zu billig

Wer reduziert, hat zumindest weniger Verlust, könnte man auf den ersten Blick meinen. Doch ganz so einfach ist es nicht. "Bauern brauchen Liquidität", erklärt Jutta Weiss vom Verband der deutschen Milchbauern, BDM. Sie müssen Futter kaufen, Pacht bezahlen, Kredite bedienen. Frisches Geld kommt aber nur rein, wenn Milch abgeliefert wird. Wer damit aufhört, ist sofort pleite. Die andern melken gegen die Zeit. Das Futter für eine Kuh kostet rund 20 Cent pro Tag. Dazu kommen ein paar Cent für Tierarzt und die Pflege des Bestandes. Eine gewisse Zeit können Landwirte also auch bei diesen Tiefpreisen durchhalten - Investitionskosten werden dabei auf die lange Bank geschoben. Es entsteht eine absurde Situation: Weil das Geld nicht reicht, versuchen die Landwirte so viel wie möglich aus den Kühen zu holen, so viel Milch wie möglich zu liefern, um an mehr frisches Geld zu kommen. Was die Milchmenge weiter erhöht und die Preise noch stärker drückt. "Ein Teufelskreis", so der Milchbauernverband. Die Landwirte sitzen in der Falle. Und nicht nur in Europa.

Wieso ist der Milchpreis global?

"Kein Erzeuger auf der Welt kann derzeit vernünftig arbeiten", so Andreas Gorn von der AMI. Die Krise ist global. "Rund 80 Prozent des Milchpreises werden durch den Weltmarktpreis gemacht", schätzt der Agrarökonom Holger Thiele, Direktor am Institut für Ernährungswirtschaft in Kiel. Das liegt an Butter, Käse und vor allem am praktischen Milchpulver. Alles Methoden, um das von Natur aus schnell verderbliche Produkt Milch haltbar und transportierbar zu machen. Vor allem Milchpulver ist dafür ideal. In Säcken verpackt, kann es jahrelang lagern und problemlos in jenen Winkel der Welt verschickt werden.

Europa spielt dabei eine wesentliche Rolle. Rund ein Drittel des weltweit gehandelten Käses und Magermilchpulvers kommt aus der EU. Einem Kekshersteller in den USA ist es egal, ob sein Milchpulver von der Molkerei nebenan, aus Neuseeland oder Europa kommt. Entscheidend ist der Preis. So kommt es , dass der Bauer in Bayern direkt mit dem Farmer in Neuseeland oder Brasilien konkurriert obwohl tausende Kilometer dazwischen liegen. Und dass die Preise purzeln, sobald in einer Ecke der Welt eine Überproduktion stattfindet.

Was kann man gegen den Preisverfall tun?

Nur in einem Punkt sind sich alle einig: Ein Zurück zum staatlich kontrollierten Milchmarkt mit einer Quote soll es in Europa nicht geben. Doch wie sonst kann man steigende Mengen und fallende Preise in den Griff bekommen? "Wir müssen an die Menge ran", das ist die zentrale Position des Verbandes deutscher Milchbauern. Wer weniger produziert, soll einen staatlichen Ausgleich für die nicht hergestellte Milch bekommen. Gleich 30 Cent sollen es sein, damit möglichst schnell möglichst viele mitmachen.

"Das funktioniert nicht. Die Märkte sind offen und sollen es auch bleiben", kontert Michael Lohse vom konkurrierenden Bauernverband. Wird in Europa weniger produziert, schwappen ganz einfach die Überkapazitäten anderer Weltregionen auf den Markt. Der Bauernverband setzt auf verbindliche Mengenabsprachen zwischen Molkereien und Produzenten. Denn bislang ist es so, dass Molkereien alle Milch abnehmen müssen, die die Landwirte liefern. Selbst dann, wenn Molkereien keine Nachfrage nach ihren Produkten mehr haben.

Die Vorstellung von sterbenden Höfen und verwaisten Dörfern treibt auch die Politik um. Im Herbst gab es aus Brüssel ein erstes Hilfsprogramm, insgesamt 500 Millionen Euro. Ein Tropfen auf den heißen Stein, meinen viele. Gerade kleinere Höfe, Familienbetriebe, werden die Krise nicht überstehen. In fünf Jahren könnte die Hälfte der Milchbauern in Deutschland verschwunden sein, warnt etwa Robert Habeck von den deutschen Grünen. Und auch der Bauernverband schlägt Alarm. "Wer will, dass es weiter Landwirte gibt, muss etwas tun. Ansonsten wandert die Branche ins Ausland, wie einst die Textilindustrie."