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Wirtschaft

Schwimmende Bergwerke

Ausgediente Schiffe reicher Industrienationen enden oft an den Stränden Südasiens. Die rostigen Ozeanriesen gefährden die Umwelt und die Gesundheit der Menschen vor Ort. Verbote werden jedoch gewinnbringend umgangen.

Rostige Schiffswracks vergiften südasiatische KüstenQuelle: AP

Rostige Schiffswracks vergiften südasiatische Küsten

Auf den Stränden der Stadt Chittagong im Süden Bangladeshs liegen rostige Schiffe und riesige Wrackteile. Rund 30.000 Männer sind dort jedes Jahr damit beschäftigt, ausrangierte Ozeanriesen zu zerlegen: barfuß, ohne Schutzhelm, Atemmaske oder Handschuhe. Immer wieder kommt es zu Unfällen durch herunterfallende Stahlteile oder durch Explosionen der austretenden Gase.

Ungeschützt sind die Arbeiter dem in den Schiffen verarbeiteten Gift ausgesetzt, sagt die Sprecherin der europäischen "Plattform Schiffsabwrackung", Ingvild Jenssen: "Die ausgedienten Schiffe, die heute auf die Strände gelangen, wurden vor rund 30 Jahren gebaut und enthalten große Mengen giftigen Materials: Schwermetalle, Ölrückstände und Asbest." In Indien und Bangladesch gebe es keine Sicherheitsvorkehrungen und die Gifte verursachten schwere Umweltverschmutzung und Schäden für die Gesundheit der Menschen, so Jenssen.

Verbote zu umgehen zahlt sich aus

EU-Flagge spiegelt sich in einem Fenster, Quelle: AP

Die EU-Verbote werden von den Mitgliedsstaaten geschickt umgangen

"Dieses Gift gehört eigentlich nicht auf unsere Strände", schimpft Muhammad Ali Shahin, Aktivist der “Plattform Schiffsabwrackung” in Bangladesh. Er fordert, dass die gefährlichen Substanzen zuerst in Europa entfernt werden, bevor man die Schiffe in seinem Land zerlegt. Doch dazu sind die Schifffahrtsgesellschaften bisher nicht bereit. Es gibt noch kein Gesetz, das sie dazu zwingen würde. Shahin ist der Meinung, dass Bangladesch den Reedereien einen großen Dienst erweist, indem es die alten "Mistschiffe" zerlegt. "Es gibt keine speziellen Maßnahmen zum Umweltschutz und es gibt keine Richtlinien."

Seit zehn Jahren ist es laut EU-Recht offiziell verboten, gefährliche Abfälle in Entwicklungsländer auszuführen. Trotzdem bringen nach wie vor viele Mitgliedsstaaten und Schiffseigner ihre mit Quecksilber, Blei, Öl und Asbest verseuchten ausrangierten Tanker nach Südasien. Sie umgehen das Ausfuhrverbot - zum Beispiel, indem sie erst offiziell beschließen, das Schiff zum Abwracken nach Bangladesch oder Indien zu schicken, wenn es die europäischen Gewässer bereits verlassen hat. Das Verfahren zahlt sich aus, denn Bangladesch bietet nicht nur niedrige Lohnkosten sondern zahlt sogar hohe Summen für den Stahl.

Bangladesch braucht Eisen

Muhammas Shahin erklärt: Bangladesch braucht Eisen – denn das Land hat keine eigenen Eisenerzvorkommen. "Daher betrachten wir das Abwracken als schwimmendes Bergwerk." Bangladesch gewinnt 80 bis 90 Prozent seines Roheisens aus der Schiffsdemontage. Deshalb sage man "Ja" zum Abwracken – die Art jedoch, wie das geschieht, sei nicht in Ordnung, sagt Shahin.

Saubere Anlagen existieren, werden aber nicht genutzt

Die Europäische Kommission hat im vergangenen Jahr damit begonnen, eine Strategie für das saubere Abwracken von Schiffen zu entwickeln. Sie legte ein Grünbuch vor, das verschiedene Maßnahmen vorschlägt. Thomas Ormond vom Umweltdirektorat der EU Kommission erläutert: "Hauptziele sind weltweit bindende Standards für ein Recycling dieser Schiffe. Wir wollen zeigen, dass Europäische Schiffe in sicheren und umweltschonenden Anlagen demontiert werden." Man wolle daher die europäischen Staaten und die großen Reedereien ermutigen, ihre Schiffe in sauberen Anlagen zu entsorgen. Solche Anlagen existieren in Europa, werden aber nicht ausreichend genutzt.

"Natürlich brauchen wir auch Anreize. Das könnte zum Beispiel technische Unterstützung sein von Ländern mit Entwicklungsprogrammen für die entsorgenden Länder. Die könnten dort die Arbeitsbedingungen verbessern und Anlagen zur Schrott-Aufbereitung aufbauen", sagt Ormond.

Wer Giftmüll verursacht, muss ihn entsorgen

Schiffwerft in Rostock-Warnemünde, Quelle: AP

Ein 'Green Passport' soll Aufschluss über giftige Substanzen in Schiffen geben

In Zukunft sollen EU-Behörden die Möglichkeit erhalten, die Ausfuhren strenger zu überwachen. Außerdem könnte ein so genannter "Green Passport", der mit den Schiffspapieren zu führen ist, genauen Aufschluss darüber geben, welche Substanzen die Schiffe enthalten. Laut EU-Kommission soll außerdem derjenige für die Beseitigung des Giftabfalls zahlen, der ihn verursacht.

Bis zum 30. September haben die die Mitgliedsstaaten, die Schiffseigner und alle Interessengruppen die Möglichkeit, per Internet ihre Sicht der Dinge darzulegen. Dieser Dialog fließt dann in ein EU-Strategiepapier mit weiteren Handlungsvorschlägen ein. Doch bis sich alle 27 Mitgliedstaaten auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt haben, wird noch viel Zeit vergehen.

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