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Ostmitteleuropa

Schwierigkeiten bei der Finanzierung

- Über die Geburtswehen der ersten deutschsprachigen Budapester Universität – Baden-Württemberg und Bayern zu finanzieller Hilfe bereit

Budapest, 13.12.2001, PESTER LLOYD, deutsch

Eine großartige ungarische Idee: 57 Jahre nach der Schließung des Prager Karolinum soll in Budapest die erste deutschsprachige Universität der Region ihre Pforten öffnen. Sie bekam den Namen des Grafen Gyula Andrássy, Ministerpräsident und Außenminister der Monarchie, einst Wortführer der Modernisierung, des Parlamentarismus und der mitteleuropäischen Zusammenarbeit. Nachdem Regierungschef Viktor Orbán im April 2000 den süddeutschen Ländern den Vorschlag vorgetragen hatte, wurde bald klar, dass zwar Baden-Württemberg und Bayern die Initiative in Wort und Tat herzlich unterstützen würden (ebenso wie später Österreich), doch Organisation und Finanzierung in der Hand des Initiators bleiben sollten.

Es wurden die nötigsten Geldmittel (bisher rund 230 Mio. Ft, 1DM = 126,4 Ft) veranschlagt und das einstige, stark renovierungsbedürftige Festetich-Palais in der Budapester Innenstadt zur Verfügung gestellt. (Die Rekonstruktionskosten belaufen sich auf fast 2 Mrd. Ft.) Das Gesetz über die postgraduale Universität wurde jedoch erst im Juni diesen Jahres angenommen, und auch nur mit den Stimmen der Regierungsparteien. Ungewöhnlich in einer solchen Angelegenheit, in der eigentlich keine politischen Differenzen existieren sollten. Über den Hintergrund informierten wir uns bei den Akteuren, um ein objektives Bild über den gegenwärtigen Stand der Dinge zu bekommen. Es ist wohl überflüssig, zu betonen, dass der "Pester Lloyd", der die Idee von Anfang an unterstützt hatte, ein besonderes Interesse am Erfolg der Initiative hat. Dazu hoffen wir auch diesmal beizutragen.

In maßgebenden Berliner Kreisen weiß man über reges Interesse zu berichten. Auch daher sei man sowohl wegen der Verzögerungen, aber auch wegen mancher Ungereimtheiten besorgt. Am Ende des Jahres seien wichtige Fragen, insbesondere die der Finanzierung, noch nicht gelöst. Das erschwere das Engagement der benötigten hochqualifizierten Kräfte, die ja ihre Tätigkeit meist für einen längeren Zeitraum im Voraus planen. Die Frage, wie dann die Gehälter, etwa eines Professors, der aus Deutschland finanziert wird, bzw. seines ungarischen Kollegen, geregelt werden, stehe noch offen. Ebenso, wie man die Studiengebühren gestalten sollte, da Studenten aus entwickelten wie auch aus armen Ländern erwartet würden. Verhältnismäßig leicht zu lösende Fragen - doch ist es auch klar, dass die Frist des DAAD für Unterstützungen für das Studienjahr 2002/2003 Ende Oktober abgelaufen ist und auch die normalen Stipendien ein Jahr Vorlauf benötigen.

Mit mehr Besorgnis sieht man in Berlin manche politisch motivierten Begleiterscheinungen bei den Vorbereitungen, so zum Beispiel die Tatsache, dass praktisch alle Mitglieder des provisorischen Kuratoriums und des Aufsichtsrats als regierungsnah anzusehen sind und sich im Kuratorium sogar eine Sekretariatsleiterin aus dem Bildungsministerium befindet. Nicht förderlich für die Sache scheint auch, dass dieselben Sozialisten, die das von der Regierung vorgelegte so genannte Statusgesetz für Auslandsungarn unterstützten, nicht für das Gesetz über die deutschsprachige Universität gewonnen werden konnten; sie wollten statt einer privaten eine staatliche Institution. Für eine solche Sache wäre eine breitere Zustimmung erwünscht gewesen, die auch in Deutschland die Chancen der Kooperation hätte erhöhen können. Ein wissenschaftliches Zentrum bedinge unabhängige Debatten und eine Vielfalt der Meinungen, hörten wir in Berlin.

Wie man aus Wien erfahren konnte, habe auch die dortige Bürokratie eine kleine Rolle bei den Verzögerungen gespielt. Immerhin soll das Nachbarland noch bis Ende des Jahres seine Kandidaten für den (ständigen) Senat und das Kuratorium benennen, damit diese Körperschaften im Januar ihre erste Sitzung abhalten können. Leider konnten wir noch immer keine Einzelheiten darüber erfahren, wie Österreich die Universität - die in deutscher Sprache und mit Schwerpunkt auf die für Wien so wichtige Region tätig sein wird - unterstützen will. Es soll Mittel für Professuren geben, wurde uns versichert; über den Umfang sei jedoch noch ebenso wenig entschieden worden wie über die Personen, wobei die neue Budapester Institution im österreichischen Hochschulwesen schon bekannt sei und man auch entsprechendes Interesse verzeichnen könne. Während die Delegierung der österreichischen Lehrkräfte Sache der autonomen Universitäten sei, soll die Finanzierung voraussichtlich durch den Staat erfolgen, wie zum Beispiel auch bei der Unterstützung des Collegium Budapest, einer schon länger bestehenden Institution.

Und aus Bern hört man: Nicht die Regierung, sondern die Universität St. Gallen soll Partner sein. Der Bund werde sich an dem Projekt nicht beteiligen, erfuhren wir aus zuverlässiger Quelle in der schweizerischen Hauptstadt. Die Schweiz soll sehr spät über die Initiative informiert worden sein. Man habe auch erfahren müssen, dass das Projekt in Ungarn nicht einhellig unterstützt werde. Die Zusammensetzung des provisorischen Kuratoriums ließ auch bei den Schweizern Bedenken gegenüber einem gewissen Einfluss der Regierung auf eine Bildungsinstitution aufkommen, die eigentlich autonom sein sollte. Dies umso mehr, da ähnliche Erscheinungen auch im Falle des Collegium Budapest und anderen Kuratorien bereits bekannt seien, wurde betont. Auch angesichts dieser Bedenken, aber vor allem, weil es sich um eine ungarische Lehrinstitution handelt, wurde in Bern beschlossen, nur eine Beraterfunktion zu übernehmen und der Andrássy-Universität vorzuschlagen, eine Partnerschaft mit der Universität St. Gallen einzugehen - dies sei die richtige Ebene für eine Zusammenarbeit. Die Verhandlungen sollen noch kein greifbares Resultat gebracht haben. Aber auch bei Schweizer Lehrkräften gebe es Interesse an einer Mitwirkung. (...)

Man wolle auf jeden Fall hochqualifizierte Kräfte engagieren und vertraue darauf, attraktive Gehälter anbieten zu können. Baden-Württemberg und Bayern seien bereit, eine jährliche Unterstützung im Wert von je einer halben Million Mark zu leisten, auch der Grundstock einer Bibliothek (wahrscheinlich aus Passau) soll zur Verfügung gestellt werden. 2002/2003 soll es zunächst nur 30 Studenten geben, im darauf folgenden Jahr sollen dann weitere hinzukommen, wobei die Frage der Stipendien mit Hilfe des DAAD und anderer Partner auch befriedigend gelöst werden könne. (...)

Im übrigen existiert die Andrássy-Universität schon (fast) virtuell: www.dsuni.hu ist in Arbeit. E-Mail: uni@bne.hu, Postadresse: H-1053 Budapest, Magyar u. 36. Und diese Woche kommt es schon zum dritten Vortrag im "virtuellen Semester". (fp)

  • Datum 24.12.2001
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