1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Afrika

Schwierige Staatsbildung im Südsudan

Nationen werden nicht geboren, sie werden erschaffen. Sollte der Südsudan unabhängig werden, muss die Regierung einen Staat schaffen, dessen Bürger sich als Teil einer Nation und nicht als Mitglied einer Ethnie sehen.

Männer mit Fahnen (Bild: Simone Schlindwein)

Viele verschiedene Ethnien müssen eine Nation bilden

Es ist fast schon dunkel in der südsudanesischen Hauptstadt Juba. Doch das Basketballfeld ist hell erleuchtet. Hunderte Zuschauer hocken gespannt auf den Stufen der Tribüne. Am Abend spielen die Black Stars gegen die Bilfam Warriors im Regionalendspiel - ein großes Ereignis.

Basketball als Nationalsport

Südsudanese spielt Basketball (Bild: Simone Schlindwein)

Basketball schweißt zusammen

Am Spielfeldrand schnürt sich Bill Dueni die Sportschuhe zu. Der 26-Jährige ist über zwei Meter groß - und wirkt zwischen seinen Mitspielern trotzdem eher klein. Die Nomadenvölker im Südsudan gelten als die größten Menschen weltweit. Zwei Meter große Menschen sind im Südsudan keine Seltenheit. Deswegen spielen viele Basketballspieler aus dem Südsudan im amerikanischen Basketballverband NBA. Bill Dueni kennt diese Spieler gut, er ist selbst in den USA aufgewachsen und erst vor wenigen Monaten in seine Heimat zurückgekehrt. Basketball sei ein wichtiger Nationalsport für sein Land, sagt er. Denn im Südsudan werde Basketball fast so sehr verehrt wie Fußball. Die Menschen lieben Basketball, die Jugendlichen vertreiben sich damit viel Zeit. Und der Sport hat eine politische Dimension: "Die Profi-Spieler aus dem Südsudan haben Basketball weltweit als Plattform benutzt, während des Krieges auf die Situation im Südsudan aufmerksam zu machen", sagt Bill Dueni.

67 Ethnien

Sport kann ein wichtiges Mittel sein, die Menschen im Südsudan zu einer Nation zusammenzuschweißen. Denn genau das ist eine der größten Herausforderungen, die der nun potenziell unabhängige Staat in Zukunft bewältigen muss. Auch wenn die Mehrheit der Südsudanesen im 20-jährigen Bürgerkrieg gemeinsam gegen den Norden gekämpft hat, gibt es auch interne Konflikte zwischen den ethnischen Gruppen. 67 Ethnien leben im Südsudan – die alle verschiedene Sprachen sprechen und verschiedene Kulturen und Lebensweisen haben. Ein gemeinsames Nationalgefühl zu schaffen, sei nicht einfach, sagt Jok Madut Jok. Der Geschichtsprofessor, der in den USA studiert und gelehrt hat, ist erst vor wenigen Wochen in seine Heimat zurückgekehrt. Jetzt ist er Unterstaatsekretär im Ministerium für Sport und Kulturerbe im Südsudan. Er ist dafür verantwortlich, Vorschläge für nationale Symbole zu machen, über die eine Volksversammlung abstimmen kann. Falls der Südsudan tatsächlich unabhängig werden sollte.

"Nationen wachsen und werden geschaffen, nicht geboren", sagt Madut. Deswegen müsse die Regierung, falls der Südsudan tatsächlich unabhängig werde, politisch darauf hinarbeiten, diese Nation zu gestalten. Dies sei sehr schwierig, "bedenken wir die ethnischen Konflikte um Rohstoffe und Macht in unserem Land", sagt er. "Wir brauchen nationale Symbole, die die Menschen mit sich tragen können. Damit die Menschen einen Teil der Nation darstellen wollen, müssen ihre Kultur, Religion und Identität auch auf nationaler Ebene vertreten sein."

Platz in der afrikanischen Völkergemeinschaft

Präsident Salva Kiir (Bild: AP)

Präsident Salva Kiir

Das ist nicht einfach in einem jungen Staat, dessen Macht- und Wirtschaftselite hauptsächlich Mitglieder von der südsudanesischen ethnischen Gruppe, der Dinka, sind. Die Dinka sind leicht zu erkennen, sie haben die typischen striemenartigen Narben auf der Stirn. Präsident Salva Kiir ist ein Dinka - sowie die Mehrzahl der Minister und Generäle der Armee. Es ist also politisch wichtig, dass nach der Unabhängigkeitserklärung eine Volksversammlung einberufen wird, in der alle Gruppen vertreten sind, die dann eine neue Regierung wählen. Die Volksversammlung muss sich über nationale Symbole, Nationalfeiertage, Denkmäler, eine neue Geschichtsschreibung oder auch über einen neuen Lehrplan für die Schulen und eine neue Amtssprache oder eine neue Währung abstimmen. Eine Nationalflagge und eine Hymne hat der Südsudan bereits. Sogar ein Popsong wurde komponiert, der überall im Radio läuft.

Die Integration in die ostafrikanische Region wird den Südsudanesen helfen. Sie fühlen sich von jeher mehr der afrikanischen Kultur zugehörig als der arabischen, die den Nordsudan kulturell, religiös und auch sprachlich prägt. Fast 30 Prozent der Südsudanesen sind Christen, viele Sprachen der Südsudanesen sind mit anderen afrikanischen Sprachen verwandt. Deswegen ist es für den Minister für Regionale Kooperation des Südsudan, Deng Alor, keine Frage, dass sich das Volk des Südsudan auch einen Platz in der afrikanischen Völkergemeinschaft suchen muss. Dies werde ähnlich wie in der Europäischen Union helfen, einen friedlichen Staat zu schaffen, der gute Beziehungen mit seinen Nachbarn pflege, anstatt Krieg zu führen. "Natürlich sind wir ein Teil Afrikas. Und wir wollen definitiv ein Teil der Ostafrikanischen Union sein. Sobald wir unabhängig und als Staat anerkannt sind, werden wir Mitgliedschaften beantragen: In der Ostafrikanischen Union, in der Afrikanischen Union und auch in anderen internationalen Organisationen wie zum Beispiel den Vereinten Nationen", sagt Deng Alor.

Südsudanesische Flagge (Bild: dpa)

Eine neue Nation braucht viel mehr als eine eigene Flagge

Sich als unabhängiger Staat einen Platz in der Welt und auf dem afrikanischen Kontinent zu sichern, wird sicher leichter werden, als die verschiedenen Volksgruppen innerhalb des neuen Landes zu einer Nation zusammenzuschweißen. Dazu ist eine transparente und demokratische Gesellschaftsstruktur nötig, und eine demokratische Regierung, die die Interessen des Volkes über die einer einzelnen Ethnie stellt. Ob sich so eine Demokratie im Südsudan schaffen lässt, hängt vor allem vom Willen der derzeitigen Regierung ab, die bereit sein muss, ihre Macht zu teilen.

Autorin: Simone Schlindwein, zur Zeit in Juba

Redaktion: Christine Harjes

Die Redaktion empfiehlt