1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Schwierige Normalisierung im ehemaligen Kriegsgebiet

Das Zusammenleben von Kroaten und serbischen Rückkehrern im Hinterland von Zadar ist auch elf Jahre nach dem Krieg immer noch belastet. Misstrauen und Vorurteile gibt es auf beiden Seiten.

default

Die Stadt Zadar gehört zu den ältesten Städten Europas

Vor elf Jahren während des Kriegs auf dem Balkan riss die "Aktion Sturm" die Kluft zwischen Kroaten und Serben im Hinterland von Zadar noch weiter auf: Im Sommer und Herbst 1995 eroberten die Kroaten unter der Führung des inzwischen vom Tribunal in Den Haag als Kriegsverbrecher angeklagten Ante Gotovina die so genannte Krajina von den Serben zurück. Dabei wurden viele Verbrechen an der serbischen Zivilbevölkerung begangen. Zuvor, während der serbischen Herrschaft in der Region, waren Verbrechen an der kroatischen Bevölkerung begangen worden.

Ante Gotovina, wird der Kriegsverbrechen in Kroatien beschuldigt

Der in Den Haag angeklagte Ante Gotovina

Hass und Blut prägten das Verhältnis zwischen Serben und Kroaten. Heute ist das Zusammenleben von Kroaten und serbischen Rückkehrern trotz einzelner Übergriffe wieder möglich und mittlerweile auch üblich. Es herrscht Ruhe: Die Straßen sind leer. Arbeit gibt es nicht, die Landwirtschaft liegt noch brach, nicht alle haben die Kriegsschäden schon erstattet bekommen. Wegen der jüngsten Zwischenfälle zwischen Serben und Kroaten sind in einigen Dörfern mehr Polizisten als Einwohner auf der Straße.

Das ist auch in Smilcic so. Das Dorf war und ist ein Ort, wo zwei Kulturen aufeinander treffen: die (kroatisch-)katholische und die (serbisch-)orthodoxe. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren in Smilcic 70 Prozent der Einwohner Kroaten. Später zogen Serben dorthin und so wurde es zu einem mehrheitlich von Serben bewohnten Dorf. Heute leben dort wieder mehrheitlich Kroaten wegen der zugezogenen Landsleute aus Bosnien-Herzegowina. Das Zusammenleben ist nicht einfach, wie eine ältere Frau erzählt. So würden die Menschen jetzt weniger miteinander reden. Früher sei der Zusammenhalt größer gewesen, wie unter Geschwistern, Freunden, Bekannten. "Heute ist das weniger geworden, sehr viel weniger, praktisch gar nicht mehr", so die alte Dame.

Kinder gehen auf getrennte Schulen

Die Dorfbewohnerin stammt aus der Familie Šaponja, die den gesamten Krieg in Smilcic verbracht hat. Alle seien gespalten, auch die Kroaten, sagen die Eheleute Šaponja. Die Einheimischen und die aus Bosnien zugezogenen Kroaten würden sich nicht mögen. So gingen ihre Kinder in getrennte Schulen in zwei verschiedenen Dörfern.

Die Šaponjas sind Serben. Auch wenn sie bis dahin ihr Haus in Smilcic praktisch nicht verlassen hatten, versteckten sie sich während der "Aktion Sturm" 1995 eine Nacht lang in Zadar und verloren auf einmal alles. Der Traktor und das Auto waren weg, das Haus wurde beschädigt. Bis heute haben sie keinen Antrag auf Entschädigung gestellt. Sie warten darauf, dass das die Jungen tun, die vorübergehend nach Serbien gegangen sind.

Die Serben oder, wie es im Hinterland von Zadar schon immer hieß, "die Orthodoxen" kehren langsam in die Region zurück. Aber es sind überwiegend ältere Leute. Die Jüngeren sagen, sie würden erst zurückkehren, wenn sich die Lage normalisiert habe, wenn die Häuser repariert und die Lebensbedingungen besser seien. Bis dahin bleiben die Jüngeren in Serbien, erzählen die älteren Eheleute Šaponja.

Unterschiede zwischen Jungen und Alten

Im Dorfcafé von Smilcic möchte indes keiner von den jungen Leuten öffentliche Interviews geben oder sich namentlich vorstellen. Sie vertreten mehrheitlich die Meinung, dass es kein Zusammenleben gibt. Die Älteren behaupten, es werde nicht darauf geachtet, wer Kroate oder Serbe sei. Die jungen Frauen erklären dagegen, man wisse sehr wohl, wer was sei. Ferner sei es ihnen auch nicht gleichgültig, ob ihr Freund orthodox oder katholisch wäre.

"Einigen passt es nicht, dass die Häuser serbischer Rückkehrer erneuert werden, und die von Kroaten nicht", ergänzt eine der Frauen. Die kroatische Bevölkerung in Smilcic hat es besonders gestört, dass das Haus des orthodoxen Geistlichen erneuert wurde. Über ihn heißt es, er sei alles andere als ein Friedensstifter gewesen.

Die älteren Leute sind noch stark von der Vergangenheit belastet. Auch zehn Jahre nach dem Krieg wirken die Erinnerungen frisch und jeder ist noch Zeitzeuge. Ein älterer kroatischer Bewohner sagt über das Zusammenleben: "Wer gute Absichten hegt, ist willkommen." Er spreche auch mit Serben, schließlich sei man zusammen in der Schule gewesen. Aber vergessen hat er nicht: "Ich sage ihnen immer: 'Schämt ihr euch nicht? Ihr habt auf uns geschossen. Du hättest mich töten können, du Narr!'" Sie hätten geschossen, weil sie mussten, sagt der alte Mann.

Im Hinterland von Zadar ist nichts vergessen. Die Kroaten sind geteilt in Einheimische und Zugezogene. Und die Serben? "Mit denen, die gemäßigt waren, spreche ich, mit denen, die Extremisten waren, möchte ich nicht sprechen", sagt eine andere kroatische Bewohnerin.

Graffitis mit nationalistischen Parolen

Eine junge Kellnerin in einem Café stammt aus dem serbischen Požega und möchte nicht über die Kommentare an ihrem Arbeitsplatz sprechen aus Furcht vor Problemen. Sie meint aber, dass die kürzlich aufgetauchten Graffiti mit nationalistischen Parolen, die eine übliche Form der Kommunikation zwischen Serben und Kroaten geworden sind, zu nichts führen. Denn dies könnte unendlich lange fortgesetzt werden.

Die jungen einheimischen Einwohner vergessen nicht, insbesondere wenn sie jemanden verloren haben. Das bedeutet nicht, dass sie nicht eines Tages doch wieder miteinander einen Kaffee trinken, ohne zu wissen, ob ihr Begleiter Serbe oder Kroate ist. Aber es braucht Zeit. Bis es ein stärkeres Miteinander gibt, müssen sie Arbeit finden und sich dem Alltag zuwenden, was im Hinterland von Zadar nicht einfach ist. Einige verkaufen Pfirsiche, die meisten sind indes arbeitslos. Doch die Lage werde langsam besser. Es müsse wieder alles in Ordnung kommen und man müsse miteinander reden. "Niemand kann allein leben", findet ein junger Mann.

Die Redaktion empfiehlt