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Fokus Osteuropa

Schwierige Lage der Bosniaken in Serbien-Montenegro

Die Situation im Sandzak ist nach wie vor problematisch, aber ruhig. So lautet die Schlussfolgerung des jüngsten Berichts der International Crisis Group (ICG) zur Lage in der Region innerhalb Serbien-Montenegros.

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Der Sandzak liegt sowohl auf serbischem als auch auf montenegrinischem Territorium

Srdjan Stojanovic, Analyst des Belgrader Büros der ICG und einer der Verfasser dieses Berichts, sagte der Deutschen Welle, Sandzak stelle keine Krisenregion dar. Es sei allerdings wegen seiner Umgebung, Kosovo und Bosnien-Herzegowina, erforderlich, die Lage weiter aufmerksam zu beobachten. In der serbischen Öffentlichkeit und auch in der Nachbarschaft wird gelegentlich die Befürchtung geäußert, dass ein so genannter Dominoeffekt entstehen könnte, das heißt, eine ernstzunehmende Krise im Kosovo auf den Sandzak überspringen könnte. Stojanovic sieht das nicht so, sondern er warnt, "diejenigen, die an eine derartige Gefahr glauben, sind meiner Meinung nach genau die Extremisten, die nicht unterscheiden, was wirklich im Interesse sowohl dieses Landes als auch des Kosovo ist."

Heikle Rolle des Klerus

Stojanovic zufolge stellt der serbisch-orthodoxe Klerus vom Kosovo einen Teil des Problems dar. "Weil Sandzak beziehungsweise die Region Raska – wie sie der orthodoxe Klerus gerne nennt – unter der Jurisdiktion von Bischof Artemije steht, zu seinem Bistum Raska-Prizren gehört, gibt es hier eine sehr seltsame Erscheinung: Geistliche, die ihre Kirche im Kosovo verloren haben und wirklich Schreckliches durchgemacht haben, werden im Sandzak eingesetzt. Dort im serbischen Mutterland fühlen sie sich sicherer, sind aber noch aus ihrer Zeit im Kosovo frustriert. Dies ist allerdings keine gute Voraussetzung für das Zusammenleben von zwei Ethnien – der bosniakischen und der serbischen. Abgesehen von ihren Bezeichnungen haben sie doch sehr viel gemeinsam – sie haben eine Kultur und ich würde sogar sagen eine gemeinsame Sprache. Dies ist mit den Beziehungen zwischen Serben und Albanern nicht vergleichbar."

Forderungen an Belgrad

Nach Einschätzung des ICG unternehme die serbische Regierung nur halbherzige Schritte, um die Bosniaken in die wichtigsten politischen Strömungen einzubinden und behandle sie nicht gleichberechtigt. Daher enthält der Bericht auch zahlreiche Empfehlungen an die serbische Regierung, wie diese Missstände behoben werden können. "Generell betrachten wir die Probleme im Sandzak eher als Probleme einer Region und als interethnisches Problem. Wenn nämlich in einer ethnisch gemischten Gesellschaft Probleme auftreten, können sie bedauerlicherweise sehr leicht instrumentalisiert und als ethnisch bezeichnet werden, auch wenn sie es im Grunde nicht sind. Daher ist es erforderlich - wie in der Vojvodina - aufmerksam und wachsam zu sein, um so vorzubeugen. Generell ist jedoch zu sagen, dass sich sowohl die Bosniaken als auch der Sandzak in einer weitaus besseren Situation befinden, als sie es vor der demokratischen Wende 2000 waren."

Forderungen an Bosniaken

Von den bosniakischen Politikern im Sandzak erwartet die ICG, dass sie ihrerseits überdenken, ob sie darauf bestehen sollten, dass Bosniakisch überall in den Schulen gelehrt wird. Sie sollten ferner nichts unternehmen, was bei der serbischen Bevölkerung im Sandzak den Eindruck erwecken könnte, eine Minderheit zu sein, die im eigenen Land bedroht sei. Den religiösen Hauptakteuren im Sandzak wird geraten, den Dialog zwischen der islamischen und orthodoxen Gemeinschaft zu vertiefen.

Vielfältigere Parteienlandschaft

Die ICG hat beobachtet, dass im Sandzak in letzter Zeit vermehrt Konflikte innerhalb der bosniakischen Gemeinschaft auftreten. Fraglich ist, ob sich diese Konflikte auch auf die Beziehungen zwischen Bosniaken und Serben auswirken können. Stojanovic zufolge besteht da keine direkte Verbindung, weil die Konflikte zwischen politischen Parteien ausgetragen würden: "Mich erinnert das lediglich an ein klassisches Abbild der serbischen politischen Verhältnisse. So rivalisieren zwei führende bosniakische politische Parteien, wie es auch bei der Demokratischen Partei Serbiens und der Demokratischen Partei in der serbischen politischen Szene der Fall ist. Im Grunde demonstriert dies nur, wie sehr sich unsere Mentalität und unsere politische Kommunikation ähneln. Gut daran ist, dass die Bosniaken nunmehr nicht nur eine große, dominante politische Partei haben, sondern zwei große Parteien sowie weitere kleine Parteien existieren. Dies wirkt sich auf die politische Reife der Bosniaken aus, die nun zwischen mehreren Optionen wählen können."

Ivica Petrovic, Belgrad
DW-RADIO/Serbisch, 11.4.2005, Fokus Ost-Südost