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Politik

Schwere Zusammenstöße in Teheran

Im Iran ist es erneut zu schweren Zusammenstößen zwischen der Polizei und Anhängern der Opposition gekommen. Nach Informationen aus Kreisen der Reformbewegung wurden in Teheran mindestens vier Demonstranten getötet.

Straßenkämpfe zwischen Demonstranten und Polizisten in Teheran (Foto: AP)

Straßenkämpfe zwischen Demonstranten und Polizisten

Mit Sprechchören wie "Tod dem Diktator" - gemeint ist der im Juni in der von Betrugsvorwürfen überschatteten Wahl im Amt bestätigte Präsident Mahmud Ahmadinedschad - gingen am Sonntag (27.12.2009) in der iranischen Hauptstadt mehrere tausend Anhänger der Oppositionsbewegung auf die Straße. Sie wurden von Zehntausenden Autofahrern unterstützt, die mit Hupkonzerten ihre Sympathie mit den Demonstranten bekundeten.

Feuer auf Demonstranten

Nach Berichten der oppositionsnahen Internetseiten "Jaras" und "Rah-e-Sabs" gaben die staatlichen Einsatzkräfte auf dem Enghelab-Platz und den angrenzenden Straßen zunächst Warnschüsse in die Luft ab und gingen mit Tränengas und Schlagstöcken gegen die Menschenmenge vor. Schließlich hätten sie direkt auf Demonstranten geschossen und mindestens vier von ihnen getötet. Unter den Getöteten sei auch ein Neffe von Oppositionsführer Mir-Hossein Mussawi, meldete die Website "Parlemannews". Der Polizeichef von Teheran, Asisollah Radschabsadeh, wies zunächst die Berichte über getötete Demonstranten als falsch zurück. Aber Bilder von zumindest einem blutüberströmten angeblich getöteten Demonstranten wurden von der Opposition ins Internet gestellt. Später bestätigte auch das iranische Staatsfernsehen den Tod mehrerer Demonstranten in Teheran. Es habe Tote und Verletzte auf beiden Seiten gegeben, hieß es ohne genauere Angaben zu den Opferzahlen.

Demonstranten mit beschädigtem Müllcontainer Quelle: Ghasedane AZADI

Demonstranten mit beschädigtem Müllcontainer

Aufgebrachte Demonstranten hätten Steine auf die Einsatzkräfte geworfen und Barrikaden errichtet, meldeten Nachrichtenagenturen unter Berufung auf Augenzeugen. Es seien Polizeifahrzeuge und Dutzende von Motorrädern in Brand gesetzt worden, wie sie von den regierungstreuen Basidsch-Milizionären verwendet würden. Auch Mülleimer wurden angezündet. Weiter zuspitzen könnte sich die Situation, wenn Meldungen zutreffen, wonach Anhänger Ahmadinedschads auf dem Weg ins Zentrum Teherans seien.

Bericht über Befehlsverweigerung bei der Polizei

Die Website "Jaras" berichtete, die Demonstrationen in Teheran würden möglicherweise bis in die Nacht hinein weitergehen. Die Opposition habe beschlossen, auf zentralen Plätzen und in Parks auszuharren. Zudem meldete "Jaras", Einsatzkräfte weigerten sich, ihre Schusswaffen gegen Demonstranten einzusetzen. "Die Polizisten weigern sich, die Befehle ihrer Vorgesetzten zu erfüllen und auf Demonstranten im Zentrum zu schießen", hieß es. "Einige versuchen, in die Luft zu schießen, wenn sie von ihren Vorgesetzten unter Druck gesetzt werden."

Polizisten stürmen vor Quelle: Ghasedane AZADI

Polizisten stürmen vor

Eine unabhängige Bestätigung dieser Meldungen ist nicht möglich, da die iranische Regierung ausländischen Journalisten verboten hat, direkt von den Demonstrationen zu berichten. Die staatlichen Medien spielen die Proteste herunter. Wie in der Vergangenheit bei ähnlichen Zusammenstößen schalteten die Behörden das Mobilfunknetz ab. Internetleitungen wurden auf eine minimale Bandbreite gedrosselt.

Bereits am Samstag war es in Teheran zu Demonstrationen gegen Ahmadinedschad gekommen. Dabei habe es immer wieder Zusammenstöße mit staatlichen Kräften gegeben, meldeten regierungskritische Internetseiten. Die Polizei habe Tränengas eingesetzt und in die Luft geschossen, um die Kundgebungen aufzulösen. Die Internetseite Rah-e-Sabs berichtete, am Sonntag habe es auch in den Städten Isfahan, Nadschafabad, Schiras und Babol gewalttätige Auseinandersetzungen gegeben.

Aschura-Fest und Tod des Großayatollahs

Anlass für die neue Demonstrationswelle gegen Präsident Ahmadinedschad ist das Aschura-Fest, das am Sonntag seinen Höhepunkt erreichte. Aschura ist der höchste Feiertag des schiitischen Islam. Mit Trauerprozessionen gedenken die Gläubigen des Todes des Mohammed-Enkels Hussein in einer Schlacht nahe der irakischen Stadt Kerbela im Jahre 680.

Zudem nutzte die Opposition die Trauer um den am vergangenen Samstag im Alter von 87 Jahren verstorbenen Großajatollah Hussein Ali Montaseri. Der Geistliche war eine Art Mentor der Reformbewegung und einer der schärfsten Kritiker Ahmadinedschads. An seiner Beisetzung am vergangenen Montag in der Stadt Ghom hatten mehrere zehntausend Menschen teilgenommen.

Autor: Michael Wehling (dpa/rtr/afp/apd)
Redaktion: Herbert Peckmann

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