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Europa

Schwere Vorwürfe gegen türkische Behörden

Bei der Fahndung nach dem Mörder des türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink setzt die Polizei in Istanbul auf die Mithilfe der Bevölkerung. Unterdessen werden Vorwürfe gegen die türkischen Behörden laut.

Kerzen vor dem Redaktionsbüro von Agos

Kerzen vor dem Redaktionsbüro von Agos

Video-Bild des mutmaßlichen Täters

Video-Bild des mutmaßlichen Täters

In Zusammenhang mit dem Mordanschlag auf Hrant Dink hofft die türkische Polizei auf Hinweise aus der Bevölkerung. Provinzgouverneur Muammer Güler verteilte am Samstag (20.1.2007) Fotos und Videoaufzeichnungen des mutmaßlichen, bislang nicht identifizierten Attentäters. Die Bilder zeigen einen jungen Mann mit Schnauzbart, der eine weiße Mütze und eine Jeansjacke trägt. Sie wurden vor und nach dem Anschlag von der Überwachungskamera eines Geschäfts aufgenommen. "Zur Zeit befindet sich niemand in Polizeigewahrsam", sagte Güler. Er dementierte damit Medienberichte, in denen von mittlerweile acht festgenommenen Verdächtigen die Rede war.

Der 52-jährige Journalist und Herausgeber der Wochenzeitung "Agos" war am Freitag auf offener Straße erschossen worden. Er war im vergangenen Jahr wegen "Beleidigung des Türkentums" rechtskräftig zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten verurteilt worden. Dink sah sich in der Türkei Anfeindungen nationalistischer Kreise ausgesetzt, weil er die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich im Ersten Weltkrieg als "Völkermord" bezeichnet hatte. Dieser Vorwurf wird von der Türkei heftig bestritten.

Solidarität mit Dink

Hrant Dink im November 2006

Hrant Dink im November 2006

Die Regierung in Ankara und die Öffentlichkeit solidarisierten sich mit dem Opfer. Die Schüsse auf den 52-Jährigen wurden "auf uns alle abgegeben", sagte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan am Samstag im Fernsehen. Er sprach von einem "Angriff auf unsere Einheit, unsere Freiheit, die Gedanken- und Meinungsfreiheit und unsere demokratische Lebensweise". Die Zeitung "Hürriyet" schrieb, der Mörder habe die türkische Nation verraten. Die Zeitung "Milliyet" titelte am Samstag: "Hrant Dink ist die Türkei" und "Sabah" bezeichnete die Ermordung des Journalisten als den "größten Verrat".

Mehrere tausend Menschen hatten am Freitagabend unter dem Slogan "Wir alle sind Hrant Dink" gegen den Mordanschlag demonstriert. In Istanbul versammelten sich rund 5000 Menschen zu einer spontanen Kundgebung auf dem Hauptplatz der Metropole. In der Hauptstadt Ankara folgten rund 700 Menschen einem Aufruf von Menschenrechtgruppen und Gewerkschaften. Auch am Samstag fanden sich zahlreiche Menschen vor dem mit Blumen und Porträts des Ermordeten geschmückten Eingang der Zeitungsredaktion ein.

Entsetzen im Ausland

Der französische Präsident Jacques Chirac verurteilte den Mord als "gräulichen" Akt. Die Türkei habe eine "seiner mutigsten und freiesten Stimmen" verloren, erklärte er. Zuvor hatten bereits die deutsche EU-Ratspräsidentschaft, die USA und Armenien die Tat kritisiert.

Solidaritäts-Demonstration in Istanbul

Solidaritäts-Demonstration in Istanbul

Unterdessen wurden schwere Vorwürfe gegen die türkischen Behörden laut. Der Direktor des Amnesty-International-Programmes für Europa und Zentralasien, Nicola Duckworth, stellte einen Zusammenhang zwischen dem Mord und der türkischen Gesetzgebung her: "In der Türkei gibt es immer noch eine Reihe von strengen Gesetzen, die die Unterdrückung der Meinungsfreiheit fördern." Diese Gesetze und Erklärungen von Regierungsmitarbeitern, Staatsbeamten und Armeeangehörigen, die eine kritische Debatte und abweichende Meinungen verurteilten, "schaffen eine Atmosphäre, in der gewalttätige Angriffe stattfinden können", erklärte Duckworth.

Auch der Direktor des Zentrums für Türkeistudien in Essen, Faruk Sen, erhob deshalb schwere Vorwürfe gegen die türkische Polizei. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Focus" sagte Sen: "Er hat noch am 10. Januar Drohbriefe erhalten, die er der Staatsanwaltschaft vorgelegt hat. Aber die hat nichts unternommen." Es sei eine Schande, "dass die türkische Polizei ihn nicht geschützt hat". Der Wissenschaftler, der mit Dink seit Jahren befreundet war, übte auch Kritik an den türkischen Gerichten. "Die Justiz hat ihn nie in Ruhe gelassen, ein Prozess folgte auf den anderen." In einer Presseerklärung forderte Sen, dass die Türkei "endlich auch für kritische Bürger ein sicherer Ort sein muss." (stu)

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