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Europa

Schwere Vorwürfe gegen Behörden von Beslan

Ein russischer Parlamentsausschuss macht die örtlichen Behörden mitverantwortlich für das Geiseldrama von Beslan. Kritiker melden Zweifel an der Objektivität an.

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Die ausgebrannte Turnhalle nach der Geiselnahme

Geiseldrama in Beslan Nordossetien September 2004

Ein Soldat einer Spezialeinheit beim Einsatz in Beslan

Der Vorwurf an die Sicherheitsbehörden von Beslan könnte kaum schwerer sein. "Der Terrorakt hätte verhindert werden können, wenn Anweisungen befolgt worden wären", sagte der Vorsitzende des parlamentarischen Untersuchungsausschusses, Alexander Torschin, am Mittwoch (28.12.2005) in Moskau. Das russische Innenministerium habe die Polizei in Nordossetien im Vorfeld des Überfalls angewiesen, am ersten Schultag auf die Sicherheit von Schulen zu achten; dies sei nicht beachtet worden. Die Staatsanwaltschaft hatte dem damaligen Krisenstab am Dienstag ein fehlerfreies Verhalten bescheinigt. Die örtlichen Sicherheitsbehörden seien zu gleichgültig und nachlässig gewesen, um Terroranschläge zu verhindern, sagte der Ausschussvorsitzende Torschin. "Diese Nachlässigkeit hat den Terroristen das größtmögliche Potenzial gegeben, ihren Angriffsplan für Beslan umzusetzen."

Viele Versäumnisse

Die Liste der "Fehler und Versäumnisse" sei lang, sagte Torschin. Unter anderem sei schon am Morgen des 1. September 2004, wenige Stunden nach Beginn der Geiselnahme, bekannt gewesen, wie viele Geiseln die Angreifer genommen hatten. Trotzdem hätten die Behörden die Zahl der Geiseln nach außen weiterhin mit 354 angegeben, einem Drittel der tatsächlichen Zahl. Dazu komme eine schlechte Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Abteilungen. Viele Polizisten hätten gar nicht gewusst, wie sie sich bei einer Geiselnahme verhalten sollten.

Einen Tag vor der Veröffentlichung des Parlamentsberichts hatte die russische Staatsanwaltschaft den Mitgliedern des damaligen Krisenstabs ein fehlerfreies Verhalten bescheinigt. Fachleute hätten die gewaltsam beendete Geiselnahme untersucht und dabei beim Krisenstab "keine Fehler" gefunden, sagte der stellvertretende Generalstaatsanwalt Nikolai Schepel am Dienstag im Gerichtsverfahren gegen den mutmaßlichen Geiselnehmer Nurpaschi Kulajew im südrussischen Wladikawkas. Schepel bezog sich auf einen bislang nicht näher erläuterten "Expertenausschuss", der die Geiselkrise unabhängig vom Untersuchungsausschuss des russischen Parlaments untersucht habe.

"Hauptverantwortliche entlastet"

Susanna Dudijewa vom Komitee der Mütter von Beslan sagte, ihre Gruppierung halte die Arbeit des Expertenkomitees für nicht objektiv. Die Fachleute seien vielmehr darauf bedacht, die Hauptverantwortlichen für das blutige Ende der Geiselnahme aus der Schusslinie zu nehmen. Dem Krisenstab gehörten unter anderen hohe Armeeoffiziere, die Spitzen der Geheimdienste sowie ranghohe russische Regierungsmitarbeiter an.

Das Geiseldrama in der Schule im nordossetischen Beslan ging am 3. September nach drei Tagen mit einem massiven Einsatz von Armee und Eliteeinheiten zu Ende. Tschetschenische Rebellen waren am ersten Schultag in die Schule eingedrungen und hatten mehr als tausend Menschen drei Tage lang in ihrer Gewalt gehalten. Die Kinder, Lehrer und Eltern wurden in einer Turnhalle zusammengepfercht, umrundet von Sprengstoff. Es gab kein Wasser, die Kinder tranken ihren eigenen Urin. Die meisten Männer wurden getötet. Ihre Leichen wurden aus dem Fenster geworfen. Von den 32 Geiselnehmern wurden demnach alle bis auf Kulajew getötet.

Die Einwohner von Beslan haben den Behörden stets eine große Mitschuld am Tod ihrer Angehörigen vorgeworfen. Die Sicherheitskräfte hätten den Überfall auf die Schule nicht verhindert und die Zahl der Opfer durch ein unprofessionelles Vorgehen vergrößert, kritisierten sie. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte die Einsetzung der parlamentarischen Untersuchungskommission nach einem Treffen mit Müttern der getöteten Kinder im September angeordnet. (stu)

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