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Nahost

Schwere Studienbedingungen im Irak

An der Mustansiriya Universität in Bagdad wurde kürzlich ein Professor verprügelt. Leider ist das kein Einzelfall. Gewalt an Studierenden und Lehrenden sind Teil des Alltags an vielen Universitäten im Zweistromland.

Ministerpräsident Maliki besucht Universität von Bagdad (Foto: AP)

Ministerpräsident Nuri al Maliki besucht die Universität in Bagdad

Der Weg zur Universität war lebensgefährlich. Wenn der Theologiestudent Sevan Palanjian mit seinem Auto zur Babel Hochschule in einem Stadtteil im Süden von Bagdad fuhr, dann musste er sich auf allerlei gefasst machen. Palanjian berichtet, wie die Angst sein ständiger Begleiter war: "Es ist mir mehrmals passiert, dass vor mir und hinter mir eine Explosion stattfand und die Splitter umher flogen. Aber sich zuhause einzuschließen ist auch keine Lösung. Wenn sich Anschläge in dem Viertel, in dem man lebt, ereignen, dann kann man auch zuhause sterben."

Auch wussten der Student und seine Kommilitonen nie, ob ihre Dozenten tatsächlich auch den Unterricht halten können: "Manchmal gab es Straßensperren oder das ganze Viertel war abgeriegelt. Ich musste auch miterleben, wie ein von mir geschätzter Lehrer umgebracht wurde." Sein Psychologieprofessor hatte schon seine Koffer gepackt und wollte nach Dubai auswandern, einige Tage vorher wurde er erschossen.

Alltägliche Erlebnisse

Die Erfahrungen, die der 28 jährige Palanjian von seinem

Anschlag in Bagdad (Foto: AP)

Die Lage in Bagdad bleibt gefährlich - immer wieder kommt es zu Anschlägen

studentischen Alltag erzählt, stehen für das akademische Leben an vielen der 25 Hochschulen im Zweitromland. Nach Angaben des irakischen Erziehungsministeriums sind zwischen 2003 und 2008 259 Hochschullehrer ermordet worden. Die Statistik der UNAMI, der Agentur der Vereinten Nationen für den Irak, weist eine weitere traurige Zahl auf. Zwischen 2003 und 2007 sind 100 Studenten Opfer von Anschlägen geworden. Aus Sicherheitsgründen ist die Babel Hochschule im Jahr 2006 in das kurdische Erbil verlegt worden.

Die Universitäten im Irak sind zu einem Nebenschauplatz der politischen Auseinandersetzungen im Land geworden. Und die Kontrahenten greifen zu den gleichen Mitteln: Einschüchterung, Todesdrohungen, Bomben- und Mordanschläge. Falih Abdaljabbar, Soziologe und Direktor des Zentrums für Irakische Studien in Beirut, beschreibt die Vorkommnisse an den Universitäten im Irak als systematische politische Gewalt, an der alle Seiten beteiligt seien: "Zur Zeit des früheren Regimes hatten der Studentenverband, der der Baath Partei unterstand, und andere Unterorganisationen dieser Partei die Kontrolle über Studenten und Professoren." Als diese totale Überwachung verschwand, brach das Chaos aus, sagt Abdaljabbar. "Hinzu kommt, dass ein funktionsfähiger Staat nicht existiert."

Falih Abdaljabbar (Foto: DW/Naggar)

Falih Abdaljabbar ist Soziologe und Direktor des Zentrums für Irakische Studien in Beirut

Der Machtzuwachs der islamistischen Parteien mache sich auch an den Universitäten bemerkbar. Ihre Anhänger würden sogar auf dem Campus Waffen tragen und die Herausgabe der Prüfungsfragen erzwingen: "Die Studenten organisieren auf dem Unigelände sunnitische oder schiitische religiöse Feiern. Überall hängen Bilder von religiösen und politischen Führern. Das alles verstößt gegen die Regeln auf dem Campus." Die Hochschulverwaltungen gehörten allerdings entweder einer Partei an oder seien derart eingeschüchtert, dass sie ihre Autorität nicht durchsetzen können. Die Folge dieser Situation ist eine erhöhte Emigration der Iraker.

Akademischer Abstieg

Nach einem Bericht der UNESCO ist allerdings dieser Terror nur eines der wichtigen Probleme an irakischen Hochschulen. Besorgniserregend ist auch das Niveau der akademischen Lehre. In den 1970er und 1980er Jahren galt das irakische Hochschulsystem als Vorbild für den Nahen Osten. Zu Beginn der 1990er Jahre, mit dem Embargo infolge des zweiten Golfkrieges, dem Bankrott des Staates und der massiven Auswanderung, begann der Abstieg. Der wissenschaftliche Austausch mit dem Ausland kam zum Erliegen. Der Bücherbestand der Universitätsbibliotheken ist völlig veraltet. Das gleiche gilt für die Lehrpläne.

Falih Abdaljabbar, der mit einer Grupe von Wissenschaftlern das akademische Niveau einiger universitärer Disziplinen untersucht hat, kommt zu alarmierenden Ergebnissen: "Die Philosophie hört in den 1950er Jahren auf. Für die meisten Soziologie-Studenten sind Foucault und Habermas unbekannte Namen. Die Textbücher, die den Studenten ausgehändigt werden, sind dreißig Jahre alt. Auch die Fremdsprachenkenntnisse sind katastrophal."

Die Aussichten für die Hochschulen im Zweistromland sind düster. Falih Abdaljabbar rechnet nicht damit, dass sich die politischen Zustände in naher Zukunft zum Positiven wenden werden. Um dem irakischen Hoschschulsystem dennoch so schnell wie möglich zu helfen, schlägt er vor, jedes Jahr 30.000 junge Iraker ins Ausland zum Studium zu schicken. Nach ihrer Rückkehr wären sie fachlich auf dem neuesten Stand und könnten dann die Curricula modernisieren.

Autorin: Mona Naggar
Redaktion. Diana Hodali