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Wissen & Umwelt

Schweizer stimmen über Atomausstieg ab

An diesem Sonntag entscheiden die Schweizer über das Ende der Atomkraft. Sollen die Reaktoren nach 45 Betriebsjahren abgeschaltet werden oder sollen sie noch 20 Jahre länger laufen? Es wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Die Abstimmung an diesem Sonntag in der Schweiz über die Abschaltung von Atomkraftwerken bleibt spannend. Umfragen sahen zwar in der Vergangenheit einen klaren Vorsprung für die Volksinitiative "für den geordneten Atomausstieg", doch es könnte auch ganz anders kommen. Die Gegner, die keine festgelegte Laufzeitbegrenzung wollen, hatten nach einer Umfrage des Forschungsinstituts GFS Bern in den vergangenen Wochen zugelegt.

Die Initiative, die unter anderem von Sozialdemokraten, Grünliberalen, Christlichen Parteien sowie einer breiten Allianz von Umweltschützern, Atomkraftgegnern und Friedensinitiativen getragen wird, will die Laufzeit der fünf Reaktoren auf 45 Jahre begrenzen. 

Die kleineren und ältesten zwei Reaktoren in Beznau an der deutschen Grenze und das Atomkraftwerk Mühleberg in der Nähe von Bern müssten dann bis Ende 2017 abgeschaltet werden. Die zwei großen Reaktoren aus den 70er und 80er Jahren in Gösgen und Leibstadt dürften dann noch bis 2024 und 2029 Strom produzieren.

Darüber hinaus will die Initiative eine Energiewende, die auf Einsparung, Energieeffizienz und den Ausbau von Erneuerbaren setzt. Neben der Wasserkraft (60 Prozent) deckt die Schweiz zu etwa einem Drittel ihren Strombedarf mit Kernkraft. Die Initiative will den fehlenden Strom vor allem mit Solarkraft und Bioenergie ersetzen. Als ein Vorbild gilt die Energiewende in Deutschland: Innerhalb des letzten Jahrzehnts stieg der Anteil der Erneuerbaren am Strommix um über 20 Prozent. 

Schweiz Kernkraftwerk Beznau (picture-alliance/dpa/P. Seeger)

Das AKW Beznau ist von 1969. Wegen zahlreicher und gravierender Sicherheitsprobleme ist es seit März 2015 außer Betrieb.

Weniger Risiken und Umweltkosten mit Atomausstieg

Anlass für die Initiative war die Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011. Die Initiatoren befürchten, dass es mit den alten Reaktoren auch in der Schweiz zu einem Atomunfall kommen könnte. Das Durchschnittsalter der fünf Reaktoren liegt bei 41 Jahren. Damit hat die Schweiz den ältesten Reaktorpark in der Welt. 

"Ein Unfall in einem AKW in der Schweiz würde weite Teile unseres dicht besiedelten Landes auf Jahrzehnte hinaus unbewohnbar machen und unsere vielfältigen Kulturlandschaften unwiederbringlich zerstören", sagt Rico Kessler von der Naturschutzorganisation Pro Natura. 

Mit der geregelten Abschaltung von alten Reaktoren wollen die Initiatoren die Unfallrisiken mindern und zugleich Umweltbelastungen und Kosten senken, vor allem auch im Zusammenhang mit der weiter ungelösten Entsorgung von radioaktivem Müll.

Auch die Schweizer Regierung plant im Rahmen ihrer "Energiestrategie 2050" schrittweise den Automausstieg und den Ausbau der Ausbau der erneuerbaren Energien. Wann die fünf Reaktoren abgeschaltet werden sollen, lässt die Regierung jedoch offen: Die Kraftwerke könnten so lange am Netz bleiben wie ihr Betrieb sicher erscheint.

Der Kraftwerksbetreiber Axpo spricht von einer möglichen Laufzeit von 60 Jahren. Der jüngste Reaktor von 1984 wäre dann bis 2044 am Netz.

Schweizer Kernkraftwerk Leibstadt (picture-alliance/dpa/P. Seeger)

Leibstadt (1984) ist das jüngste AKW. Im August wurden Schäden an Brennstäben entdeckt. Deshalb ist es außer Betrieb.

Kraftwerksbetreiber drohen mit Schadensersatz

Abgelehnt wird das Votum "für den geordneten Atomausstieg" von einer Allianz aus Kraftwerksbetreibern, Wirtschaftsverbänden und konservativen Parteien.

Sie bezweifeln, dass der Zubau von erneuerbaren Energien ausreichend schnell gelingt. Somit könnte es Engpässe in der Stromversorgung geben. Auch müsste dann klimaschädlicher Kohlestrom aus den Nachbarländern importiert werden.

Eine große Rolle in der Debatte spielt auch eine Drohung der Energieunternehmen. Sie wollen bei einer Begrenzung der Reaktorlaufzeit auf 45 Jahre Schadensersatz vom Staat und damit vom Steuerzahler. "Es entsteht ganz klar ein Schaden", betont Axpo Chef Andrew Walo. Die großen Stromkonzerne Axpo und Alpig beziffern ihren möglichen Schaden auf insgesamt 6,6 Milliarden Franken (6,2 Milliarden Euro).

Schweiz Atomkraftwerk Mühleberg (picture-alliance/Keystone/A. della Bella)

Das AKW Mühleberg bei Bern ist von 1972 und wegen des hohen Alters umstritten. Die Betreiber wollen es 2019 stilllegen.

Sind alte Atomkraftwerke überhaupt noch rentabel?

Nach Ansicht von Energie- und Wirtschaftsexperten sind diese Zahlen jedoch unrealistisch. Atomkraftwerke, die auf eine Betriebsdauer von 30 bis 35 Jahren ausgelegt wurden, werden durch Störfälle und Reparaturen zunehmend unrentabel: "Wenn die alten Kraftwerke weiter Strom produzieren sollen - und man das Sicherheitsniveau erhalten will - dann muss man jetzt deutlich investieren", erklärt Frank Peter vom Wirtschaftsberatungsunternehmen Prognos gegenüber der DW. "Für einen Kraftwerksblock sind das etwa 400 bis 500 Millionen Euro, und diese Investition lässt sich in dem europäischen Strommarkt in den nächsten zehn bis 15 Jahren nicht finanzieren."

Würden die Reaktoren sogar auf das Sicherheitsniveau von neuen Anlagen gebracht und zum Beispiel gegen einen Flugzeugabsturz gesichert, würde es noch wesentlich teurer, "pro Kraftwerksblock würde es drei bis vier Milliarden Euro kosten", so Peter.

Alte Kraftwerke werden zum Risiko

Wie beunruhigend die Situation von alten Atommeilern ist, zeigen Meldungen in den letzten Tagen: Wegen gravierenden Sicherheitsbedenken an den Reaktordruckbehältern stehen auf Anordnung der französischen Atomaufsicht inzwischen zwölf von 58 Reaktoren still, weitere acht wegen anderer Störfälle und gewöhnlicher Wartungsarbeiten.

Recherchen von WDR und Süddeutscher Zeitung (SZ) deckten jetzt zudem auf, dass in mindestens 18 Atomreaktoren in Tschechien, Belgien, Frankreich, Finnland und der Slowakei das Notkühlwasser auf 60 Grad Celsius vorgeheizt wird, um das Risiko eines Bruchs des Reaktorkerns im Falle eines Störfalles zu verringern.

Nach Ansicht von Atomexperten sind diese Maßnahmen äußerst bedenklich und deuten auf Materialermüdungen des Stahlreaktors durch permanente Neutronenbestrahlung hin. "Wenn man nicht mehr sicher ist, dass der Reaktordruckbehälter das normal temperierte Notkühlwasser aushält, dann ist das allein schon ein Alarmsignal", sagt Wolfgang Renneberg dem Rechercheverbund. Bis 2009 war er der oberste Atomaufseher der Bundesregierung. "Bei solch einer Maßnahme sträubt sich alles in mir, dass geht an die Substanz ", so Renneberg. 

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