1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Lebensart

Schweiz ringt mit ihrer Hymne

Abschied von Morgenrot und Strahlenmeer? Im Mai sollen die Schweizer über den Text ihrer Nationalhymne abstimmen. Drei Favoriten stehen zur Auswahl. Sie sollen ein zeitgemäßes Bild vermitteln.

In den Schweizer Alpen (Foto: © Daniel Etzold #16550935)

Die Schweiz will 2015 mit der Zeit gehen. Doch ähnliche Versuche um eine moderne Hymne scheiterten bisher.

"Trittst im Morgenrot daher, seh' ich dich im Strahlenmeer, Dich, du Hocherhabener, Herrlicher! Wenn der Alpenfirn sich rötet, betet, freie Schweizer, betet!.." Aus der Zeit gefallen und ziemlich fromm wirkt der sogenannte

Schweizerpsalm

, die offizielle Hymne des Landes seit 1981, auf viele. Oder wie ein Wetterbericht: Dem "Morgenrot" und "Alpenfirn" der ersten Strophe folgen ein "Sternenheer", "Nebelflor" und "Wolkenmeer"… Beeindruckend, diese Vielfalt! Es zieht sich bis zur vierten Strophe ganz schön zu, bis hin zum "wilden Sturm". Doch in "Gewitternacht und Grauen" übt sich der gute Schweizer in Gottvertrauen.

Wanderer über dem Nebelmeer (Foto: AP Photo/Keystone, Arno Balzarini)

Zu viel Wetter, zu viel Religion und eine Sprache, die überholt ist. Nach den ersten Textzeilen wissen die meisten Schweizer auch nicht weiter. Kurzum, die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) startete 2012 die Initiative

Chymne

, die der Schweiz zu einer neuen Hymne voll jugendlichen Charmes verhelfen soll. "Eine neue Nationalhymne soll die zentralen Werte und das Staatsverständnis der Schweiz wiedergeben.", schreibt die SGG auf ihrer Website.

Von über 200 Beiträgen wählte die Jury - bestehend aus Theologen, Dialektforschern, Musikern, Journalisten, Politikern, Vertretern aus freier Wirtschaft, Sport und Verlagswesen - sechs aus. Die Gewinner der ersten Wettbewerbsrunde sind in der Version des Schweizer Jugendchors auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch nachzuhören. Nach der Entscheidung wird der Gewinner dem Bundesrat vorgeschlagen. Fragt sich nur: Was sind eigentlich "die zentralen Werte" der Schweiz? Wer braucht sie, die neue Hymne?

Nationalhymnen repräsentieren ein Land nach außen - sie werden gespielt bei Staatsempfängen, sie werden gesungen bei Länderspielen von Tennis bis Fußball. Wo es politisch brennt, sind sie auch mal Ausdruck des Protests gegen eine Regierung, derzeit am Beispiel Brasilien zu beobachten. Mit politischer Brisanz hat das Thema Nationalhymne in der Schweiz aber wenig zu tun.

"Wie es Sprachen gibt, wie es Kulturen gibt, wie es verschiedene Parteien gibt, gibt es auch Identitäten in der Schweiz", sagt Karl Scheuber, Dirigent und Jurymitglied bei CHymne. Diesen unterschiedlichen Identitäten gerecht zu werden, sei Ziel der Initiative. "Es wurde versucht, es so zu formulieren, dass es für alle Religionen gilt oder möglich ist, dass sie das singen können." Man gibt sich offen und zugleich christlichen Werten verpflichtet : Vorgabe für die eingereichten Hymnentexte war der Bezug zur Präambel der Bundesverfassung von 1999. Sie beginnt mit den Worten "Im Namen Gottes des Allmächtigen!". Weiterhin werden freiheitliche Werte wie "Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt" und "Vielfalt in der Einheit" genannt.

Entsprechend divers fallen die eingereichten Texte des Wettbewerbs aus. Besungen werden "Schutz und Heimat im Schweizerland". Die Zeilen "Schönheit liegt in der Natur, Vielfalt herrscht in der Kultur" mögen musikalisch holpern - ihrer Beliebtheit bei Touristikverbänden, Heimatvereinen und Männergesangvereinen muss das nicht schaden. Oder auch "In den Bergeshöhen, Städten und an Seen, lieben wir alle den Reiz der schönen Schweiz". Dichtkunst vom Feinsten. In dem Beitrag, der als einziger von der musikalischen Vorlage abweicht, geht es um den "Traum: dass jeder gestalten, in Freiheit sich entfalten, Geborgenheit finden kann." Die Schweiz "strahle hinaus in die Welt".

Nicht zum ersten Mal zweifeln die Schweizer an ihrer Hymne. Im 19. Jahrhundert rangierte der "Schweizerpsalm" - eigentlich ein Kirchenlied von Alberik Zwyssik, der es 1841 zur Hymne umdichtete - noch neben "Rufst du, mein Vaterland", der Schweizer Fassung der britischen Nationalhymne. "Da sie gleich war wie die englische, gab es immer Verwechslungen", verrät Karl Scheuber, Jury-Mitglied bei CHymne. Seit 1935 versuchte man immer wieder, eine Neukomposition zu finden, die die Zustimmung der Bevölkerung fand. Keiner der Vorschläge hat es seitdem geschafft, in einer Volksabstimmung eine Mehrheit für sich zu gewinnen.

Was zeichnet also eine gute Nationalhymne aus? Das haben wir den Schweizer Flavian Graber gefragt, der als Mitglied der Band-Formation We Invented Paris in Deutschland und in der Schweiz unterwegs ist. Der lacht, gibt zu, dass er die Idee einer neuen Nationalhymne für die Schweiz "eher ein bisschen peinlich" findet. "Ich finde überhaupt den Gedanken einer Nationalhymne nicht zeitgemäß", fügt er hinzu. Da helfe auch ein neuer Text nicht. In einer Welt, die längst über Ländergrenzen hinweg funktioniert, hält der Musiker "so eine romantische Vorstellung von seinem Heimatland für "verkitscht und veraltet". "Wohl unserm Land, unserm schönen Heimatland. Wohl unsrer Schweiz, aufgehoben in Gottes Hand.", heißt es in einem der Beiträge. Flavian Graber kritisiert das Selbstverständnis, das in solchen Texten zum Ausdruck käme. Es werde fälschlicherweise so getan, "als hätten wir unseren Wohlstand in der Schweiz hart erarbeitet, erkämpft und verdient…"

Gar nicht so einfach also, die Sache mit der Schweizer Identität. In Friedrich Dürrenmatts Persiflage "Schweizerpsalm III" von 1950 heißt es: "Nur noch deine Bankgeheimnisse sind glaubhaft. Was ist aus dir geworden, mein Land?". Jury-Mitglied Karl Scheuber sieht es so: "Wie auf den Schweizer Banknoten alle vier Sprachen drauf sind, so muss auch die Hymne für alle vier Sprachen möglich sein."

Notwendigkeit hin oder her, am 12. September wird in der Fernseh-Show "Potzmusig" der Finalist unter den drei verbleibenden Beiträgen gekürt. Bei der Live-Übertragung wird per SMS abgestimmt - teilnehmen kann jeder, der eine Schweizer Handynummer besitzt. Basisdemokratie pur - jedenfalls für Schweizer Handybesitzer. Hat sich schließlich einer der Vorschläge durchgesetzt, wird er dem Bundesrat vorgelegt. Der kann seinerseits eine Volksabstimmung anberaumen - die notwendigerweise die weniger Mobilfunk-affinen Bevölkerungskreise einbezieht.

Und für den Fall, dass es mit der neuen Hymne nicht klappt, kann man die alte auch einfach neu verpacken. Das Suma Covjek Orkestar zum Beispiel lieferte 2013 eine eigene Version des Schweizerpsalms. Mit reichlich Schwung und Balkan-Beats kommt ihr

Swiss International Psalm

daher.

WWW-Links

Audio und Video zum Thema