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Welt

Schweiz legt Mindestkurs zum Euro fest

Mit einer Verzweiflungstat will die Schweiz ihre Wettbewerbsfähigkeit retten: Im Kampf gegen den Höhenflug des Franken kündigen die eidgenössischen Währungshüter unbeschränkte Devisenkäufe an. Das birgt aber auch Risiken

Aufgefächerte Geldscheine aus der Schweiz (Foto: pa)

Weltweit begehrt und entsprechend teuer: Der Schweizer Franken

Die Schweizer Nationalbank (SNB) hat am Dienstag (06.09.2011) die Notbremse gezogen und einen Mindestkurs von 1,20 Franken zum Euro festgelegt. Damit darf ein Schweizer Franken höchstens 0,833 Euro wert sein. Sie werde diesen Mindestkurs mit größter Entschlossenheit durchsetzen und sei auch bereit, unbeschränkt Devisen zu kaufen, versicherte die SNB in Zürich. Nach der Ankündigung schoss der Eurokurs schlagartig in die Höhe und notierte bei über 1,20 Franken.

Wirtschaft bricht ein, Preise sinken

Wegen der Schuldenkrise in der Euro-Zone und der Angst vor einer neuen weltweiten Rezession flüchten immer mehr Anleger in die als stabil geschätzte Schweizer Währung und legen ihr Geld statt in Euro oder Dollar lieber in Franken an. Der Kurs steigt seit Monaten. War der Franken Anfang 2010 noch für etwa 68 Euro-Cent zu haben, kostete er in diesem Jahr bis zu 99 Euro-Cent - mit enormen Folgen für die Schweizer Wirtschaft. Ihre Waren werden in der Eurozone schlagartig teurer, die Touristen machen eine großen Bogen um die Schweiz und auch die Einzelhändler im Schweizer Grenzgebiet müssen tatenlos zusehen, wie ihre Kunden in Scharen über die Grenzen strömen, um im Ausland billig einzukaufen.

Zwei Hände an einem Bankschalter, zu sehen sind Banknoten und Münzen von Euro und Franken (Foto: EPA)

Wenn sich Wechselkurse drastisch verändern, hat das schwerwiegende Folgen für die Wirtschaft

Dadurch geraten die Preise in der Schweiz unter Druck; sie sanken im August um 0,3 Prozent gegenüber dem Vormonat. Das weckte bei der SNB Deflations-Sorgen. Kontinuierlich sinkende Preise sind für eine Volkswirtschaft gefährlich, denn Verbraucher halten sich zurück, weil alles ja noch billiger wird. So wird eine Spirale nach unten in Gang gesetzt.

Teurer Franken "eine Katastrophe"

Die Währungshüter in Zürich haben nun erklärt, dass die gegenwärtige massive Überbewertung des Franken "eine akute Bedrohung für die Schweizer Wirtschaft" darstellt. Die Nationalbank strebe daher eine deutliche und dauerhafte Schwächung des Franken an. Die Schweizer Währung sei auch bei 1,20 pro Euro noch hoch bewertet und solle sich "über die Zeit weiter abschwächen", fügte das Institut hinzu. Notfalls werde die Nationalbank weitere Maßnahmen ergreifen.

Mit dem Mindestkurs reagiert die SNB auf den immer stärker werdenden Druck aus Wirtschaft und Politik. Zahlreiche Firmen hatten zuletzt die Wochenarbeitszeit ohne zusätzlichen Lohn auf bis zu 45 Stunden erhöht. Der Dachverband der Schweizer Wirtschaft warnte, Exportunternehmen könnten gezwungen sein, fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze abzubauen. Dies wären 25.000 Stellen. Nach einer Studie des Verbands fürchten 20 Prozent der Exportunternehmen um ihre Existenz. Kurse um 1,15 Franken pro Euro und darunter seien eindeutig zu tief und für viele Firmen eine Katastrophe, sagte der Präsident des Verbandes der Maschinenindustrie, Hans Hess. Auch Regierung und Parlament hatten die Nationalbank immer wieder aufgefordert, alles gegen die Frankenstärke zu unternehmen.

Den Spekulanten an den Kragen

Mit dem Mindestkurs soll vor allem Spekulanten das Geschäft verdorben werden. Sie konnten bisher damit rechnen, dass ein neuer Schub in der Euro-Schuldenkrise oder ungünstige Wirtschaftsdaten aus den USA zu einer Flucht verunsicherter Anleger in den Franken und damit zu einer Aufwertung der Schweizer Währung führen würde. Dann konnten die Spekulanten bereits erworbene Franken mit Gewinn wieder verkaufen. Das war Anfang August schon einmal so gewesen als der Franken zum Euro vorübergehend fast auf 1:1 gestiegen war.

Zuletzt hatte die SNB vor rund 30 Jahren ein Wechselkursziel eingeführt. 1978 hatte die Ölkrise zu einer Flucht in den sicheren Hafen Schweiz geführt und die SNB kaufte ebenfalls große Mengen Devisen. Vier Jahre später waren so viele Schweizer Franken im Umlauf, dass die Inflation auf mehr als sechs Prozent stieg.

Autor: Rolf Breuch (afp, dapd, dpa, rtr)
Redaktion: Martin Schrader

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