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Deutschland

Schweinerei im Altenheim

Ein Schwein im Altenheim? Im Gelsenkirchener Seniorenheim Haus Marienfried ist das ganz normal. Es gehört sogar zur Therapie!

Mann mit Schwein (Nina Wollseifer)

Physiotherapeut Daan Vermeulen mit seinem "Co-Therapeuten" Felix

Die Augen der Heimbewohner strahlen, wenn der borstige Felix grunzend den Aufenthaltsraum im Gelsenkirchener Haus Marienfried betritt. "Da ist ja unser Felix", ruft eine 90-jährige Frau mit voller Stimme. Normalerweise spricht sie nur selten. Viele der Heimbewohner leiden unter Demenz - einer Krankheit, von der in Deutschland rund 1,2 Millionen Menschen betroffen sind.

Wenn Physiotherapeut Daan Vermeulen gemeinsam mit seinem 60 Kilo schweren Mini-Schwein Felix das Seniorenheim besucht, sind die alltäglichen Sorgen und Probleme der Kranken für einen Augenblick vergessen. Felix ist ein so genanntes Therapieschwein und kennt seine Aufgaben im Seniorenheim genau: Geduldig lässt er sich füttern, bürsten und streicheln. Denn er soll helfen, die Demenzkranken und alten Senioren wieder zum Sprechen und in Bewegung zu bringen.

Was für Ärzte und Pflegepersonal oft eine unüberwindbare Hürde bleibt, ist für das Therapieschwein Felix kein Problem. Heimleiterin Cornelia Thebille hat vor zwei Jahren das erste Mal von der außergewöhnlichen Therapie gehört und weiß noch genau, wie sie aufs Schwein gekommen ist: "Der erste Besuch von Felix in unserem Altenheim sollte nur ein erstes Kennenlernen werden, doch als ich die strahlenden und erstaunten Augen der Bewohner sah, war ich fasziniert und wusste sofort, dass das Schwein nun regelmäßig kommen muss".

Aus dem Hausschwein wurde ein Co-Therapeut

Dass Felix heilende Kräfte hat, entdeckte der Physiotherapeut zufällig. Denn der borstige Felix kam zunächst als simples Hausschwein in die vierköpfige Familie des Niederländers Vermeulen. "Katzen kamen wegen einer Katzenhaarallergie für uns nicht in Frage und für das regelmäßige Gassi-Gehen mit einem Hund hatten wir keine Zeit", erklärt Vermeulen. Erst nachdem er seinen Felix mit in die eigene Praxis nahm, bemerkte er, wie positiv seine Patienten auf den grunzenden Vierbeiner reagierten. "Ein Schwein ist ein sehr sensibles und ruhiges Tier, das sich erobern lässt".

Tiere fördern das Reaktionsvermögen

Auch die Wissenschaft ist von der Tiertherapie bei Demenzpatienten überzeugt. Wolfgang Maier, Demenzforscher an der Universität Bonn, erklärt: "Tiere aktivieren Kommunikationsformen, die über das menschliche Sprechen weit hinausgehen". Gerade bei Demenzkranken, die ihre Sprache verloren haben, sei die Tiertherapie also ein wichtiger Ansatz. "Die Tiere können die Demenz zwar nicht aufhalten, aber es gelingt ihnen nachweislich negative Folgesymptome wie Aggressionen, Angstgefühle oder Selbstisolation zu mildern". Dabei werden oft vergessene oder verborgene Kräfte und Reaktionen der Patienten freigesetzt.

Minischwein (Nina Wollseifer)

Minischwein Felix bringt die Heimbewohner zum Lachen, Sprechen und Strahlen

Die Freude, die Felix den kranken Heimbewohnern schenkt, hält oft noch mehrere Tage an und bleibt ein Gesprächsthema im Altenheim. Viele erinnern sich durch die Besuche von Felix an längst vergessene Kindertage, denn die meisten Heimbewohner hatten früher auf Bauernhöfen oft Kontakt mit Schweinen.

Nach 60 Minuten Spielen und Knuddeln ist der Besuch von Felix vorbei. Satt und frisch gebürstet macht er sich mit seinem Partner Daan Vermeulen auf den Weg in den verdienten Feierabend, denn am liebsten liegt Felix zuhause vor dem Kamin. Der Abschied ist allerdings nicht für immer. Schon in sechs Wochen wird Felix zur nächsten Therapiestunde in Gelsenkirchen vorbeischauen.

Autorin: Nina Wollseifer
Redaktion: Kay-Alexander Scholz