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Spurensuche

Schweigen

Einfach einmal abschalten, nicht erreichbar sein, Stille zulassen: Dr. Ute Stenert von der katholischen Kirche über das Schweigen als Kraftquelle, um sich wieder neu an Jesus Christus auszurichten.


Sonnenuntergang Person am See
(daniel stricker/pixelio.de)

Schweigend in der Abendsonne.  

Irgendwo in der Küche klingelt mein Handy. Ich sitze auf dem Balkon in der Abendsonne. Ich will jetzt nicht mehr reden. Einfach einmal abschalten, die untergehende Sonne genießen und vor allem eines: Schweigen: Einen Moment zögere ich. Soll ich aufstehen und zumindest nachschauen, wer anruft? Es könnte ja wichtig sein… Nein. Ich bleibe sitzen. Ich bin jetzt nicht zu sprechen. Ich will jetzt nicht erreichbar sein.

Das war aber auch wieder ein Tag. Kaum bin ich heute Morgen ins Büro gekommen, steht das Telefon nicht mehr still. Parallel klingelt permanent mein Diensthandy. Ach, und diesen speziellen Klingelton meines privaten Handys erkenne ich natürlich sofort. Es ist Anne, meine Freundin aus München. Der Liebeskummer hat sie wieder einmal gepackt. Dabei haben wir doch erst letzte Nacht zweieinhalb Stunden telefoniert und versucht, ihre Männerwelt zu ordnen. Vor lauter Reden habe ich kaum Schlaf bekommen.

Unentwegt kommt auch noch die Sekretärin herein, immer mit einem Stapel voller Akten. Sie will mit mir die Termine durchgehen, noch Hinweise geben für die anstehenden Telefonkonferenzen und Details wegen der Tagungen im Herbst absprechen.

Sehnsucht nach Unerreichbarkeit

Eigentlich mag ich das ja, wenn viel zu tun ist, im guten Sinne Un-Ruhe herrscht. Gerne kann es auch einmal hektisch werden. Zuviel Müßiggang und Entspannung ist mir zu langweilig. Aber hin und wieder, da sehne ich mich nach Momenten der Unerreichbarkeit, nach Momenten des Schweigens.

Woher kommt diese gelegentliche Sehnsucht nach dem Schweigen? Und was ist das eigentlich, echtes Schweigen? Was passiert da überhaupt mit mir? Plötzlich kommt mir dieser Text in den Sinn, den ich kürzlich erst gelesen habe. Sein Titel lautet schlicht: „Schweigen“.
 

Schweigen

Nicht nur still werden und den
Lärm abschalten, der mich umgibt.
Nicht nur entspannen und die
Nerven ruhig werden lassen.
Das ist nur Ruhe.

Schweigen ist mehr.
Schweigen heißt: mich loslassen
nur einen winzigen Augenblick,
verzichten auf mich selbst,
auf meine Wünsche,
auf meine Pläne,
auf meine Sympathien
und Abneigungen,
auf meine Schmerzen
und meine Freuden,
auf alles, was ich von mir denke
und was ich von anderen denke
und was ich von anderen halte,
auf alle Verdienste,
auf alle Taten.

Nur einen Augenblick DU sagen
und Gott da sein lassen.
Nur einen Augenblick
sich lieben lassen,
ohne Vorbehalt,
ohne Zögern,
bedingungslos
und ohne auszuschließen,
dass ich nachher brenne.
Das ist Schweigen vor Gott.

Dann ist im Schweigen
Stille
und Reden
und Handeln
und Leiden
und Hoffen
und Lieben zugleich.

Dann ist Schweigen:
Empfangen.
Auf dieses Schweigen
weiß ich keine Antwort,
als: neues Schweigen,
weil Gott größer ist,
weil jede versuchte Antwort
zu klein gerät.

Und doch habe ich keine
Angst,
zu reden
und zu handeln.
Weil das Schweigen
eines Augenblicks
und mit Gott
und in Gott
die lauten Stunden erlöst.

Sich neu an Christus ausrichten

Schweigen als Kraftquelle, als Aufladestation, um zu sich zu kommen, um sich selbst neu zu ordnen, um seine Beziehungen neu zu justieren – zum Lebenspartner, zur Ehefrau, zur Familie, zu den Freunden und Kollegen. Vielleicht gelingt es auch, sich neu auf Gott einzulassen. Wer in Übereinstimmung mit sich und mit Gott leben will, der braucht Augenblicke des Rückzugs, Momente der Besinnung, des In-Sich-Ruhens und des stillen Verweilens. Wer die Mühe des lautlosen Überlegens niemals zulässt, gleicht einem toten Fisch, der mit dem Strom schwimmt. Ein stromlinienförmiges Leben strebt wohl kaum einer an. Vielmehr haben wir alle die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben im Einklang.

Wer im Einklang leben will, braucht hin und wieder Schweigezeiten, braucht immer wieder neu die Ausrichtung an haltgebenden Maßstäben. Für uns Christen ist dieser Maßstab fleischgeworden, in dem Jesus, Gottes Sohn, menschliche Natur angenommen hat. Sein Leben und Wirken geben unserem irdischen Sein nicht nur die notwendige Orientierung, sondern auch die notwendige Stärkung und Ermutigung. Dessen sollten wir uns immer wieder bewusst werden – demütig, schweigend, konzentriert. Die frohe Botschaft ist es wert.

1 Unbekannter Verfasser in: Claudia Peters: Vorräte fürs Leben. Eine Speisekammer für die Seele. Eschbach 2010, S. 64.

 

Dr. Ute Stenert, Jahrgang 1971, ist Rundfunkbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn. Seit über 20 Jahren ist sie freie Autorin für unterschiedliche Medien tätig.