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Europa

Schweigen und Angst in Istanbul

Die gewaltsame Auflösung der Proteste und die drohenden Worte Erdogans am vergangenen Wochenende versetzen die Bevölkerung in Angst. Kaum jemand will darüber sprechen.

Es ist ruhig in Istanbul. Alles nimmt seinen gewohnten Lauf. Menschen gehen zur Arbeit, Studenten in die Universitäten. Die Spuren der vergangenen Wochen werden langsam beseitigt, die mit Graffiti beschmierten Hauswände übermalt. Beleidigungen und Schimpfwörter gegen Premierminister Recep Tayyip Erdogan verschwinden damit aus dem Istanbuler Stadtbild. Im Gezi-Park, der zum Symbol der Protestbewegung wurde, befinden sich immer noch einige Polizisten, um das Betreten des Parks zu verhindern. Sie sitzen auf Parkbänken, lesen Bücher, spielen mit ihren Handys.

Auf dem anliegenden Taksim-Platz stehen mehrere hundert Demonstranten und schweigen. Der stille Stehprotest ist für sie eine alternative Art, sich auszudrücken. Ohne Gewalt, ohne Verletzte und Tote. Doch nicht nur die Demonstranten schweigen. Der Großteil der Bevölkerung redet nicht öffentlich über das, was geschehen ist, was die Menschen fühlen und was sie denken. Erdogan hat mit seinen gewaltsamen Polizeiinterventionen und den unzähligen Verhaftungen von Demonstranten, Ärzten, Anwälten und Journalisten ein Klima der Angst geschaffen. Viele trauen sich nicht, offen zu sprechen.

"Ich habe es hier satt"

Erschöpfte Polizisten in der Pause auf dem Taksim-Platz (Foto: Reuters)

Erschöpfte Polizisten in der Pause

Im Gezi-Park sind nicht mehr viele Polizisten. Die meisten drehen ihre Runden im Zweiergespann in der Istanbuler Innenstadt. Ihre Anwesenheit ist nicht zu übersehen: Sie sind überall - in Cafés, Restaurants und Supermärkten. "Wenn mir jetzt jemand sagen würde, dass ich gehen kann, dann würde ich sofort gehen", sagt ein Polizeibeamter, der anonym bleiben möchte, unter vier Augen. Er habe das hier alles satt.

Auch einige Touristen sind anzutreffen. Die meisten sind im Stadtteil Sultanahmet untergebracht, der von den Unruhen nicht betroffen war. "Wir waren unglaublich traurig, als der Park geräumt wurde. Wir haben so viele Freunde in der Zeit gefunden, weil die Atmosphäre so locker und so offen war, so dass es leicht war, Menschen kennenzulernen", sagt die 22-jährige Christiane Conrad aus Frankfurt. Sie war für ein Praktikum bei einer deutschen Stiftung in die Türkei gereist. Nachdem sie ihren Chef darum gebeten hatte, sich einen Überblick über die Proteste im Gezi-Park zu verschaffen, habe er die geplante Zusammenarbeit mit ihr beendet. Das werfe ein schlechtes Bild auf die Stiftung, habe seine Begründung gelautet, erzählt die 22-jährige Studentin der Islamwissenschaften der DW.

Spürbare Angst im Volk

Vor allem Hoteliers leiden stark unter den Unruhen. Rücksichtslos feuerte die Polizei in den vergangenen Wochen mehrmals Tränengasbomben in die Lobbies vollbesetzter Hotels. Der Gasgeruch ist bis in die Gästezimmer vorgedrungen. In Sitzungssälen behandelten Hotelärzte verletzte Demonstranten. Noch vor einer Woche waren Hotelmitarbeiter froh, ihren Frust zumindest Journalisten mitzuteilen. Jetzt sei es "verboten", darüber zu reden, so ein Mitarbeiter eines Hotels in der Nähe des Taksim-Platzes. Ein weiterer Hotelier beklagt geschäftliche Einbußen. Die Übernachtungspreise seien um rund 70 Prozent gefallen, der Gewinn liege nur noch bei 20 Prozent. Die Eingangstür des Hotels ist unübersehbar beschädigt. Das Glas ist völlig zersplittert. Auf die Frage, ob er das auch in ein Mikrofon sagen wolle, schüttelt er nur den Kopf. Danach spricht er kein Wort mehr.

Restaurant- und Ladenbesitzer zeigen sich ebenso verschlossen. Nach mehreren Anfragen räumt eine Restaurantmanagerin ein, 40 bis 50 Prozent weniger Umsatz verkraften zu müssen. Insgesamt drei Tage habe sie ihr Haus schließen müssen. Auch sie möchte anonym bleiben. Dem Besitzer eines Ladens unweit des Taksim-Platzes haben die Proteste dagegen gut gefallen: "Die Art und Weise, wie die Demonstranten nach ihrem Recht suchen. Sie sehen es ja auch jetzt, die Aktion mit dem ´Stehenden Mann´: Sie suchen jeden Weg, um ihre Freiheiten zu bewahren", sagt der Ladenbesitzer.

"Immer noch ein demokratisches Land"

Die Touristen Robert und Claire aus Kanada (Foto: DW/Sokollu)

Die Touristen Robert und Claire aus Kanada

Robert und Claire, ein Ehepaar aus Kanada, haben auf ihrer Reise durch die Türkei die Proteste von Anfang an miterlebt. "Die Menschen hier in der Türkei sind so nett. Ich hoffe, dass sie verstanden werden", sagt Claire im DW-Gespräch.

Ein französischer Erasmus-Austauschstudent aus Paris fand die Vorgehensweise der Polizei schockierend: "Sie haben viele Menschen verletzt. Das hat die Spannung in den letzten Wochen erhöht. Wie die Polizei vorging, das war die wichtigste Erklärung für das, was anschließend passierte“, so der Student. Sein Vater, ein gelernter Fotograf, ist auf dem Höhepunkt der Proteste extra aus Paris nach Istanbul geflogen und hat auch Fotos am Taksim-Platz gemacht. Der Franzose ist schon viel um die Welt gereist und zieht einen Vergleich: "Die Ausschreitungen und die Polizei waren gewalttätig. Aber dieses Land ist immer noch ein demokratisches Land, obwohl die Demokratie natürlich besser sein könnte." Er habe keine Angst, dass ihn jemand am Arm packe und frage, was er denn tue. "Ich bin ein Tourist", wendet er ein. Und das sei natürlich etwas ganz anderes.

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