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Kultur

Schweden umwirbt deutsche Ärzte

Klinikärzte in Deutschland fühlen sich überlastet und ausgebeutet. Sie protestieren - oder wandern gleich aus. In Schweden werden deutsche Mediziner mit offenen Armen aufgenommen. Weniger Stress, mehr Geld: Das lockt.

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Diagnose: Akute Überlastung

Vor allem junge Assistenzärzte wehren sich gegen die Ausweitung der Arbeitszeit. Am Freitag (5.8.2005) haben sie bei einer zentralen Kundgebung in Berlin auf sich aufmerksam gemacht. Die 150.000 Klinikärzte in Deutschland leisteten im Jahr 50 Millionen Überstunden, müssten aber gleichzeitig mit bis zu 15 Prozent weniger Lohn auskommen, wie der Verband der Klinikärzte, der "Marburger Bund", vorrechnet. Die Proteste sind umstritten, da auch die jungen Ärzte noch nicht am Hungertuch nagen.

Ärzte-Visite im Krankenhaus

Klinikärzte in Deutschland klagen über zu lange Arbeitszeiten und zu wenig Geld. Schweden lockt die frustrierten Mediziner

Doch die Arbeitsbedingungen sind im Vergleich mit anderen Ländern doch so viel schlechter, dass viele deutsche Ärzte ins Ausland abwandern - vor allem nach Schweden. Und das Land wirbt gezielt um deutsche Mediziner. Zum Beispiel beim Informationstag "Schwedische Krankenhäuser suchen deutsche Ärzte", den das EU-Jobnetz EURES zweimal im Jahr veranstaltet.

Keine Chance für die Familie

Die Hierarchien sind zu streng, der Krankenhausalltag zu stressig - schon Ärzte in der Ausbildung wollen weg aus Deutschland. Viele beklagen Krankenhausdienste von mehr als 24 Stunden am Stück. In derartig langen Schichten käme es zu Fehlern aufgrund der Übermüdung der Ärzte, sagen sie.

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Übermüdete Ärzte machen womöglich Fehler im Operationssaal

Die 31-jährige Alexandra Schönherr, Assistenzärztin für Allgemeinmedizin, vermisst in Deutschland Ausbildungsmöglichkeiten - besonders, wenn man noch eine Familie gründen wolle. In Schweden sei das anders. "Bekannt ist, dass die Arbeitsbedingungen dort einfacher und schöner sind. Geregelte Arbeitszeiten und nicht diese Hierarchie im Ärztedasein. Man arbeitet in vielen Bereichen, nicht nur auf einer Station." Hinzu kommt für Alexandra Schönherr, dass sie eine neue Sprache lernen könnte - "und dass Schweden sehr sehr schön ist. Es ist schon immer ein Traum gewesen."

Nur ein paar Formalitäten

Damit es aber nicht nur ein Traum bleibt, kümmern sich die EURES-Berater um die Auswanderer. Vieles müsse bilateral zwischen Arbeitgeber und Arzt geklärt werden, berichtet die Organisatorin des Informationstages, Doris Mohn. "Die Ärzte müssen natürlich Nachweise, also beglaubigte Kopien von der Approbation, das Facharzt-Zeugnis und - je nachdem - das Examens-Zeugnis mitbringen." Das seien zwar Formalitäten, aber in der Regel unproblematische: Eine EU-Richtlinie sehe vor, dass die Zeugnisse international anerkannt würden.

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Morgens bohren, nachmittags Kinder versorgen: Schweden gilt auch für Ärzte als familienfreundlicher

Um dann in Schweden zurechtzukommen, braucht es ein bisschen Flexibilität und Toleranz. Die schwedischen Krankenhäuser bieten Sprachkurse an und viele der interessierten Ärzte feilen schon lange vor der Abreise an ihrem Schwedisch.

Teamgeist und Teilzeit

Man gewöhne sich allerdings schnell ein, sagt Hilmar Gerber. Er ist werdender Allgemeinarzt und arbeitet seit 1999 in einem Krankenhaus im Süden Stockholms. "Im Vergleich zu Deutschland sind in Schweden Arbeitszeiten Arbeitszeiten. Und das, was man darüber hinaus macht, kann als Überstunde angerechnet werden", erklärt er. Väter wie Mütter könnten auch in Teilzeit arbeiten, um Zeit für die Familie zu haben. Die Schwestern seien anders ausgebildet, die Teamarbeit besser - "das ist schon was ganz anderes als in Deutschland", findet Gerber.

See in Schweden

Seit 2001 sind allein fast 500 deutsche Ärzte nach Schweden ausgewandert

Fast 500 deutsche Ärzte hat es seit 2001 allein nach Schweden gezogen. Auch über 100 Krankenschwestern und Zahnärzte sind bereits dort. Nicht nur wegen der besseren Arbeitsbedingungen, sondern auch wegen der Bezahlung, erklärt der Vorsitzende des Klinikärzteverbands, Frank Ulrich Montgomery. Denn die Gehälter in Deutschland seien im europäischen Vergleich um einiges niedriger, so dass sich schon jetzt für 6000 Stellen kein Anwärter finde.

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