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Amerika

Schwarzes Gold zu hohem Preis

Das schwerste Bergwerkunglück seit 25 Jahren hat ein Schlaglicht geworfen auf die Umstände, unter denen Bergarbeiter in den USA ihrer Arbeit nachgehen. Immer wieder missachtet die Industrie die Sicherheitsbestimmungen.

Symbolbild Fernschreiber

Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis die genaue Ursache der Grubenexplosion vom letzten Montag (05.04.2010) in West Virginia geklärt ist. Fest steht: Mindestens 25 Bergarbeiter sind in der "Upper Big Branch" Kohlemine südlich von Charleston ums Leben gekommen. Fest steht auch: Die Mine, in der sie starben, hat eine unrühmliche Vergangenheit. Mehr als 1.000 Mal hat es nach Angaben der zuständigen US-Sicherheitsbehörde seit 2005 Verwarnungen gegeben, weil gegen die Sicherheitsbestimmungen verstoßen wurde. Hunderttausende Dollar Strafen mussten gezahlt werden. Oft soll es dabei um ungenügende Belüftung gegangen sein: Wenn die Luft nicht ausgetauscht wird, bildet sich unter Tage ein hochexplosives Gemisch aus Methangas und Kohlestaub. Ein Funke genügt, und die Katastrophe ist nicht mehr aufzuhalten.

Christina Bergmann (Foto: DW)

DW-Korrespondentin USA

Die Betreiber der Mine verweisen darauf, dass die Sicherheitsstandards in den letzten 20 Jahren fast immer überdurchschnittlich gewesen seien. Von den Bergarbeitern widerspricht ihnen offen niemand. Die New York Times zitiert zwei Kumpel, die erzählen, dass in den letzten zwei Monaten drei Mal Bergarbeiter aus der besagten Mine evakuiert werden mussten, weil der Gasgehalt gefährlich hoch war. Ihren Namen wollten die Männer nicht nennen. Kein Wunder, denn Bergarbeiter sind ein verschworene Gemeinschaft. "Nestbeschmutzer" sind hier nicht gerne sehen. In den Bergarbeiterorten in den Appalachen kennt jeder jeden.

Eine andere Welt

Kaum jemand traut sich, den Mund aufzumachen. Francis "Scott" Howard ist eine Ausnahme. Ich habe ihn vor kurzem in Whitesburg in Kentucky getroffen, das an West Virginia grenzt. Es war eine Reise in eine andere Welt. Die Gegend in den eigentlich malerischen Bergen macht einen verarmten und verwahrlosten Eindruck. Viele größere Gebäude stehen leer. Sie verfallen, denn niemand kümmert sich darum. Autowracks säumen den Straßenrand. Fest gebaute Häuser sind die Ausnahme, meistens leben die Menschen in besseren Wohncontainern, oft in unmittelbarer Nähe der Kohleminen. Um zu den Minen zu gelangen, muss man nicht weit fahren, nur kurz von der Hauptstraße abbiegen. Der Kohlestaub liegt überall. Schwere Laster transportieren das schwarze Gold, niemand macht sich die Mühe, die Fracht abzudecken.

Der Kohlestaub macht auch Scott Howard zu schaffen. Der 50jährige arbeitet seit 30 Jahren im Kohlebergbau, seine Lunge ist schwarz, er muss oft husten. So fit wie früher sagt er, sei er längst nicht mehr. Wenn er frei hat, erholt er sich von der Arbeit, bei der er viele Jahre nicht einmal stehen, sondern nur auf allen Vieren arbeiten konnte – so niedrig sind die Schächte. Er hatte gehofft, dass seine Söhne eine andere Arbeit finden, hatte seinen Töchtern sogar verboten, mit Bergarbeitern auszugehen – aber wer in den Appalachen bleibt, kommt um den Kohlebergbau nur schwer herum. Die Kohleindustrie dominiert hier alles, gibt Geld für Schulen und Krankenhäuser, unterstützt Bürgermeister und Gemeindebüros. Und um Bergarbeiter zu werden, braucht man so gut wie keine Ausbildung. Wer einmal dabei ist, findet nur schwer den Absprung.

In ständiger Angst

Und wer unbequeme Fragen stellt, wer auf Sicherheit Wert legt, riskiert seinen Job. So halten die meisten lieber den Mund. Doch Scott Howard ist anders. Der nachdenkliche Mann mit den rotblonden Haaren unter der Baseballkappe schließt schon mal einen Schacht, wenn er nicht korrekt belüftet ist. Seine Kollegen beschimpfen ihn dafür. "Dabei geht es doch auch um ihre Sicherheit", erklärt er. Denn eigentlich gibt es mittlerweile genügend Maßnahmen, die Katastrophen unter Tage verhindern können. Aber Sicherheit kostet Geld. "Die Gesellschaften wollen möglichst viel Profit machen", sagt Howard. Gewerkschaften, die sich für die Belange der Kumpel einsetzen, gibt es oft nicht – auch nicht in der Mine in West Virginia, in der jetzt das Unglück passiert ist.

Die ganze Familie von Scott Howard habe unter seinem Kampf um Sicherheit für die Kumpel zu leiden, erzählt er. Einer seiner Söhne, sei entlassen worden, als den Verantwortlichen klar wurde, dass er sein Vater sei. "Es ist wie ein Fluch", erklärt er. Ihm selbst haben sie schon das Auto zerkratzt. Seine Frau, eine zierliche Brünette, hat Angst um ihn: "Jeden Morgen", sagt sie, "überlege ich, ob ich ihm auch gesagt habe, dass ich ihn liebe, bevor er gegangen ist". Sie lacht unsicher, denn es sind nicht nur die Gefahren im Bergwerk, die ihr Sorgen bereiten. "Prüf Deine Bremsen, bevor Du losfährst" rät sie ihrem Mann, bevor der sich auf den Weg durch die Berge macht. Und wenn sie heim kommt, sei sie jedes Mal froh, wenn sie die Ecke des Hauses hinter dem Hügel sieht. Dann denke sie immer. "Gott sei Dank hat es niemand niedergebrannt."

Doch Scott Howard gibt sich unbeeindruckt. Er will weiter auf Probleme hinweisen, wenn er sie sieht. Wenn Schächte nicht ordnungsgemäß versiegelt sind, Sicherheitsgerät fehlt oder die Messgeräte manipuliert werden. Er will Unglücke wie das jetzt in West Virginia verhindern. Denn er leidet mit. Wenn ein Kumpel verletzt wird oder gar stirbt, fühlen sich alle betroffen, auch Scott Howard. 86.000 Bergarbeiter gibt es in den USA, sie sind wie eine große Familie. Mit ihrer Arbeit erzeugen sie fast die Hälfte des Stroms im Land. Sie riskieren ihre Gesundheit und manchmal ihr Leben. Damit wir das Licht einschalten können.

Autorin: Christina Bergmann

Redaktion: Sabine Faber