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Wirtschaft

Schwarzer Montag

Die internationale Bankenkrise hat sich dramatisch zugespitzt. Und das Vertrauen in diese Branche ist am Boden, meint Karl Zawadzky in seinem Kommentar.

Themenbild Kommentar Grafik Symbolbild

DW-Experte Karl Zawadzky, Deutsches Programm, Wirtschaft

Karl Zawadzky

Vertrauen ist der Anfang von allem. Wie wahr dieser Slogan ist, erweist sich derzeit auf dramatische Weise. Denn nun gilt: Misstrauen ist das Ende von allem. Das Vertrauen in die Stabilität der großen amerikanischen Banken ist futsch; Misstrauen grassiert an der Wall Street in New York sowie in den Bankenvierteln von London, Frankfurt und Tokio. Nun hat es Lehman Brothers erwischt, bislang die viertgrößte amerikanische Investmentbank. Quartal für Quartal musste die traditionsreiche Bank, die vor 158 Jahren von deutschen Einwanderern gegründet worden war, milliardenschwere Verluste eingestehen, zuletzt einen Rekordverlust von vier Milliarden Dollar für das zweite Quartal. Die hektische Suche nach frischem Kapital war vergebens.

In der Nacht zum Montag (15.9.2008) blieb dem Management nichts anderes als Konkurs anzumelden und nach Kapitel 11 des amerikanischen Konkursrechts Schutz vor den Gläubigern zu beantragen. Damit ist Zeit gewonnen, um vielleicht doch noch an frisches Geld zu kommen oder unter die Fittiche einer anderen Großbank schlüpfen zu können. Wenn das nicht gelingt, bleibt nur die Liquidation einer einst starken und stolzen Bank. Die drittgrößte amerikanische Investmentbank Merrill Lynch hat erst einmal das rettende Ufer erreicht. Sie wird von der Bank of America übernommen.

Schluss mit verstaatlichten Verlusten

Der Schock vom amerikanischen Finanzmarkt drückt die weltweiten Aktienmärkte ins Minus. Denn ohne Zweifel: Die internationale Bankenkrise hat eine neue Gefährdungsstufe erreicht. Die amerikanische Regierung und die Notenbank sind nämlich offensichtlich nicht mehr bereit, für die Fehler der privaten Banken einzustehen. Ein halbes Jahr zuvor hatten sie noch den Notverkauf der vergleichsweise kleinen Investmentbank Bear Stearns an den Finanzkonzern J.P. Morgen Chase mit einem Großkredit ermöglicht, dann durch die Verstaatlichung der Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac Risiken im unvorstellbaren Ausmaß von 5.000 Milliarden Dollar abgesichert. Nun aber ist offensichtlich aus ordnungspolitischer Überzeugung Schluss mit der Verstaatlichung von Verlusten, oder aber der amerikanische Staat hat die Grenzen seiner finanziellen Leistungsfähigkeit erreicht. Schließlich geht es um viel Geld.

Lehman Brothers ist mit 613 Milliarden Dollar verschuldet. Bei akuter Zahlungsunfähigkeit hilft es wenig, dass diesem Schuldenberg etwa gleich hohe Vermögenswerte gegenüberstehen. Natürlich werden die Regierungen und Notenbanken einen Domino-Effekt zu verhindern versuchen. Doch jetzt ist erst einmal der private Finanzsektor gefordert – und zwar nicht mit Worten, sondern mit Geld. Das ist verstanden worden. Zehn führende internationale Banken – darunter auch die Deutsche Bank – bringen zusammen 70 Milliarden Dollar in einen Feuerwehrfonds ein, um sich gegenseitig bei möglichen Liquiditätsengpässen zu helfen.

Grenzenlose Gier und zu großzügige Bankenaufsicht

Mit Lehman Brothers ist eine renommierte Traditionsbank ins Trudeln geraten. Ohne einen großen Investor, der viele Milliarden Dollar einbringen müsste, ist das Ende absehbar. Die Bank ist erst verzockt worden, und dann dem grassierenden Misstrauen zum Opfer gefallen. Lehman ist nicht die erste Bank, die dieses Schicksal erleidet, und wird aller Voraussicht nach auch nicht das letzte Opfer sein. Die gegenwärtige Finanzkrise ist das Ergebnis von viel zu billigem Notenbank-Geld, von grenzenloser Gier und von viel zu großzügiger Bankenaufsicht. Nur so konnte es zu den Fehlern und Übertreibungen kommen, die jetzt durch die Krise der Geldbranche korrigiert werden.

Auch Deutschland ist davon betroffen, auch deutsche Banken haben auf unverantwortliche Weise mit amerikanischen Schrott-Hypotheken spekuliert. Allerdings ist in Amerika ein noch sehr viel größeres Rad gedreht worden. Das Ergebnis ist nicht nur mit Blick auf die Geldvernichtung von bislang 500 Milliarden Dollar ein Desaster, sondern auch ordnungspolitisch mehr als fragwürdig. Nachdem nämlich die Gewinne privatisiert worden sind, werden nun die Verluste sozialisiert. Denn selbst wenn Regierungen und Notenbanken gefährdeten Banken nicht mehr beistehen, lastet die von Amerika ausgehende Bankenkrise schwer auf der Weltkonjunktur. Alle zahlen einen Preis für das Fehlverhalten weniger. Insofern ist der Ruf nach einer stärkeren Regulierung des Finanzsektors nur zu verständlich. Banken haben auf leichtfertige Weise Vertrauen verspielt. Dabei ist nicht Geld, sondern das Vertrauen ihrer Anleger und Kunden das wichtigste Kapital von Banken. Dieses Kapital ist schwer missbraucht worden.

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