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Europa

Schwarze Vögel über Sarajevo

Vor 20 Jahren schossen bosnische Serben die Nationalbibliothek in Sarajevo in Brand. Etwa drei Millionen Bücher und zahlreiche alte Dokumente aus der multiethnischen Geschichte Bosniens gingen in Flammen auf.

"Ich bin zur Bibliothek geeilt und habe versucht zu helfen, diese Schätze zu retten, aber das ist uns leider nur zu einem kleinem Teil gelungen", erzählt Dubravko Lovrenović, Historiker und heute Kulturminister im Bezirk Sarajevo. "Heute, 20 Jahre später, ist Bosnien und Herzegowina nicht mehr so, wie es damals war. Durch die Zerstörung der Nationalbibliothek haben das Land und die Stadt einen wichtigen Teil ihrer kulturellen Identität verloren."

Minarett und Kirchturm in Sarajevo (Foto: DW/Mehmed Smajić)

Multiethnisch: Minarett und Kirchturm in Sarajevo

Es war in der Nacht vom 25. auf den 26. August 1992. In Bosnien und Herzegowina herrschte Krieg, die Hauptstadt Sarajevo wurde belagert durch die Armee der bosnischen Serben unter dem Kommando von Radovan Karadžić und General Ratko Mladić. Das prachtvolle Gebäude der Nationalbibliothek im Zentrum Sarajevos hatte keine militärische Bedeutung. Trotzdem beschoss die serbische Artillerie gezielt die Bibliothek. Teilweise feuerten die Geschütze, die rund um die Stadt herum in Stellung gebracht waren, sogar mit Brandgranaten. Selbst die Feuerwehrleute wurden beschossen, als sie versuchten, die Brände zu löschen.

Triumph der Barbarei

Die Nationalbibliothek brannte vollständig aus, 80 Prozent des Bestandes fiel den Flammen zum Opfer. Etwa drei Millionen Bücher wurden vernichtet, sowie Hunderte Originaldokumente aus der Zeit des Osmanischen Reiches und der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Es waren Zeugnisse der jahrhundertealten Geschichte Bosniens und der Identität einer multikulturellen Gesellschaft. Die Zerstörung der Nationalbibliothek wurde schon am Anfang des Krieges in Bosnien zum Symbol für eines seiner wichtigsten Ziele: die Zerstörung der kulturellen Identität eines Volkes. Man fand sogar ein neues Wort dafür - Kulturozid.

Protrait der Journalistin Mirela Hukovic-Hodzic (Foto: DW/Samir Huseinović)

Augenzeugin: Die Journalistin Mirela Huković-Hodžić

Der österreichische Architekt Alexander Wittek plante und baute das prachtvolle Gebäude Ende des 19. Jahrhunderts, als Bosnien-Herzegowina zu Österreich-Ungarn gehörte. Zunächst wurde es als Rathaus genutzt, und auch heute nennen es die Menschen in Bosnien Vijecnica - "das Rathaus". Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde daraus die National- und Universitätsbibliothek. Die Journalistin Mirela Huković-Hodžić studierte damals Philosophie und las in der Bibliothek die Werke von Aristoteles, Hegel und Kant. Sie erinnert sich noch genau an den Tag, an dem die Bibliothek brannte: "Schon vorher tobte der Krieg und das war furchtbar, aber als ich die Vijecnica brennen sah, verstummte ich vor Schrecken." In dem Moment habe sie verstanden, was das Ziel des Krieges war: "Die Fäden, die uns verbinden, für immer zu zerreißen, alle Spuren eines gemeinsamen Lebens verschiedener Völker und Kulturen für immer auszulöschen."

Die oberste Etage eines Hochhauses brennt am 19. Juni 1995, nachdem es von serbischen Brandbomben getroffen wurde (Foto: epa/dpa)

Terror durch Brandbomben: brennendes Hochhaus im belagerten Sarajevo im Juni 1995

Die Zerstörung der Bibliothek sieht der bosnische Theaterregisseur Gradimir Gojer als einen Triumph der Barbarei und des Todes über ein Modell des Zusammenlebens von Muslimen, Orthodoxen, Katholiken und Juden, das das Leben in Bosnien und Herzegowina geprägt hatte. "Wenn man das Zeugnis des gemeinsamen Zusammenlebens vernichtet, versucht man auch, den zivilisatorischen Code eines multiethnischen Staates zu vernichten", sagt Gojer.

"Matrix des Zusammenlebens zerstören"

Die Nationalbibliothek in Sarajevo brannte zwei Tage lang – Tage, an denen die "schwarzen Vögel" über Sarajevo kreisten, schrieb damals der Schriftsteller Valerijan Zujo: "Es sind die verbrannten Blätter aus dem großen Buch über den Aufstieg und Fall Bosniens und Sarajevos."

Aus der Asche der Nationalbibliothek entstand aber schon während des Krieges auch ein Bewusstsein dafür, dass das multikulturelle Erbe Bosniens etwas Schützenswertes ist. "Man hat versucht", so Gradimir Gojer, "die Matrix des Zusammenlebens zu zerstören. Das war aber nur vorübergehend erfolgreich, denn das Bewusstsein von unserer Geschichte war nicht nur in den Dokumenten festgehalten, sondern es ist lebendig in den Menschen, die hier leben."

Eine ewige Baustelle

Gradimir Gojer, Regisseur und Theaterkritiker aus Sarajevo (Foto: DW)

Gradimir Gojer, Regisseur und Theaterkritiker aus Sarajevo

Als Besucher des heutigen Sarajevo staunt man darüber, dass dieses nationale Denkmal auch 17 Jahre nach dem Ende des Krieges noch immer nicht wiederaufgebaut ist. Während in der bosnisch-herzegowinischen Hauptstadt nach dem Krieg, hauptsächlich dank der finanziellen Hilfe aus dem Ausland, fast über Nacht zahlreiche neue, große und moderne Gebäude entstanden, steht die Vijecnica immer noch als ewige Baustelle da.

Die einen verweisen auf bautechnische Probleme, die anderen beschuldigen die ineffiziente und hauptsächlich mit sich selbst beschäftigte Verwaltung. Gradimir Gojer beklagt, dass der Wiederaufbau der Nationalbibliothek nur in den Sonntagsreden der Politiker zum Thema wird: "Allen Regierungen der Nachkriegszeit fehlte das Bewusstsein für die Bedeutung der Bibliothek für die Zukunft des Landes." Er hofft aber, dass sich dies bald ändern wird, und so ein Gebäude entsteht, das "wieder von dem kulturellen Code Bosniens und Herzegowinas zeugen wird." Nach den Plänen der Stadtverwaltung soll der Wiederaufbau der Nationalbibliothek Vijecnica bis April 2014 abgeschlossen werden.