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Politik

Schwarze Hirten?

In den USA ist die katholische Kirche nur eine unter vielen; ihren derzeitigen Stammplatz in den Schlagzeilen verdankt sie einem Skandal, dessen Ausmaß unabsehbar ist. DW-TV-Korrespondent Konstantin Klein berichtet.

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Mit Selbsterforschung, Bereuen und Buße tun ist es nicht mehr getan für die Vertreter der katholischen Kirche in den USA: tägliche Selbstgeißelung vor laufenden Fernsehkameras und vor allem Konsequenzen fordert die öffentliche Meinung, seitdem bekannt wurde, wie viele katholische Priester Minderjährige mißbraucht hatten, wie lange Kirchenobere die Skandale vertuscht hatten.

Ganz abgesehen von der juristischen Seite - schließlich ist der Mißbrauch von Kindern ein Verbrechen - hat die katholische Kirche ein ernsthaftes Problem: schließlich bringt man in den manchmal zum Fundamentalistischen neigenden USA Männern der Kirche ganz allgemein mehr Respekt und Vertrauen entgegen, als das in den weltlichen Staaten Europas der Fall ist. Katholische Priester berichten, daß dieser Vertrauensvorschuß, was sie angeht, zum Teufel ist.

Der Skandal gewinnt an Sensationswert, wenn wir uns die Umgebung ansehen, in der er sich abspielt. In einem Land, das von Baptisten und Methodisten regiert wird, in dem es Presbyterianer, Episcopale, Mormonen, Mennoniten, Lutheraner gibt, in dem nichtchristliche Religionen eine wesentliche Rolle spielen, fällt den meisten Amerikanern als besonderes Kennzeichen eines katholischen Priesters zuerst die als exotisch empfundene Selbstverpflichtung zum Zölibat ein.

Nicht, daß alle anderen Religionen freien, ungehemmten Sex predigten; aber innerhalb einer ordentlichen, etwas langweiligen Ehe, im Rahmen geltender Gesetze (die in entlegeneren Staaten durchaus auch die erlaubten Sexualpraktiken regeln) darf es für den Durchschnittsamerikaner doch gerne zur Sache gehen.

Um so aufregender empfinden es Medienkonsumenten, sobald es um das sexuelle Verhalten anderer geht, besonders, wenn es sich als Fehl-Verhalten erweist. Beim blauen Kleid der Monica Lewinsky spielte neben der demonstrativen Empörung immer auch ein gewisses Amüsement eine Rolle; im Fall der schwarzen Soutanen sind es vor allem Erschütterung und Zorn, die die öffentliche Meinung bestimmen.

Was im Wirbel der Berichterstattung ein wenig untergeht: Während Kirchenfürsten sich - viel zu spät - um die Aufklärung des tausendfachen Kindesmißbrauchs bemühen, geht er zehntausendfach in Familien weiter.