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Ostmitteleuropa

"Schwarzbuch der sozialistischen Wirtschaft" in Ungarn erschienen

– Das Buch möchte "Ereignisse der jüngeren Jahrzehnte objektiv analysieren"

Budapest, 8.3.2002, PESTER LLOYD, deutsch

Frische Gedanken waren auf dem Forum zu vernehmen, das der Budapest Business Klub aus Anlass der Präsentation seines Studienbandes "Schwarzbuch der sozialistischen Wirtschaft – Die verlorenen Jahrzehnte" veranstaltete. Schon um diesen Titel und die "Goldenen Jahre" unter János Kádár entfaltete sich eine Polemik.

Im Eröffnungsvortrag äußerte der Berater des Ministerpräsidenten, István Krómer, dass man nicht einfach von verlorenen Jahrzehnten sprechen könne. Der Sozialismus habe gerade in den 70er und 80er Jahren für viele Menschen ein Minimum an Sicherheit und einen garantierten Lebensunterhalt bedeutet. Nicht zufällig werde János Kádár in weiten Teilen der ungarischen Öffentlichkeit bis heute als positiver Held und großer Staatsmann hingestellt.

Der Systemvergleich hinke schon deshalb, weil verschiedene Gebiete unterschiedlich bedient wurden. Würde man simpel den Wartburg mit einem VW vergleichen, ließe sich der Sozialismus glattweg abschreiben. Durch die Brille der Grünen gesehen behinderte das niedrige Lebensniveau jedoch die Verbreitung der Wohlstandsallüren und schützte somit die Umwelt.

Natürlich wollte diese verwundene Logik nur beweisen, dass man endlich daran gehen sollte, die Ereignisse der jüngeren Jahrzehnte objektiv und unter Vermeidung von Erklärungsversuchen zu analysieren. Genau das versucht das durch den Klub veröffentlichte Schwarzbuch.

Die Zwänge der Planwirtschaft schränken den Spielraum der Regierungen bis zum heutigen Tage ein, meinte der frühere Notenbankpräsident Ákos Péter Bod. Das Kádár-System ließ die Leute leben, doch scheint der immer bewahrte Geist der Privatinitiative den Ungarn nicht viel genützt zu haben. Hier stürzte das BIP nach der Wende um 17 Prozent ab, was mit einem Kriegsschock vergleichbar ist. Die Tiefe der Krise war mit der in anderen Oststaaten identisch, nur dass Ungarn eher eine U-förmige Anpassung durchlebte, während die Ex-DDR, Polen oder Tschechien die V–Form vormachten. Demnach brachten die früheren Reformen den Ungarn keinen wirklichen Vorsprung.

Ganz im Gegenteil führten die "Goldenen Jahre", in denen sich Ungarn für den Westen öffnete, zu einer schweren Verschuldung. Als die erste frei gewählte Regierung Ende 1989 bekannt gab, dass die Bilanzen von den Kommunisten verfälscht worden waren, brachte das einen neuen Schock im Kreis der Gläubiger. Das sollte keiner vergessen, der heute alte Lasten als Verdienste hinstellen will. (fp)

  • Datum 08.03.2002
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