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Europa

Schwaches Geschlecht und starke Worte

Seit Wochen gehen die Frauen in der Türkei auf die Straße. Sie fordern Gleichberechtigung und ein Ende der Gewalt gegen ihr Geschlecht. Die Rolle der Regierung bleibt widersprüchlich.

Es sei "die blutende Wunde" einer gesamten Nation. So klingt es, wenn der türkische Präsident Tayip Erdogan über Gewalt an Frauen in seinem Land spricht. Der türkische Präsident zeigt sich besorgt, seine Regierung alarmiert. Seit Wochen berichten türkische Medien beinahe täglich von Übergriffe auf Fauen. Anfang der Woche zogen tausende aufgebrachte Türkinnen und Türken durch die Istanbuler Innenstadt, um dagegen zu protestieren.

Die Soziologin Çiçek Tahaoğlu arbeitet für Bianet, eine Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Istanbul. Sie schreibt der Haltung der türkischen Regierung eine Teilschuld an der Situation zu.

Çiçek Tahaoğlu (Foto: privat)

Çiçek Tahaoğlu kritisiert die türkische Regierung

"Vor ein paar Tagen erst hat der Gesundheitsminister gesagt, dass der beste Karriereplan für eine Frau darin bestehe, Mutter zu sein". Die gesamte Regierung, so Tahaoğlu im Interview mit der DW weiter, "habe überhaupt kein Interesse daran, Frauen als Individuen wahrzunehmen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen könnten."

Gesellschaftlicher Wandel Fehlanzeige

Erdogan sprach sich mehrfach explizit gegen Gewalt an Frauen aus, auch auf internationalem Parkett. Im Jahr 2011 war es die türkische Regierung unter Ministerpräsident Erdogan, die als erstes Land ein Übereinkommen des Europarates zur "Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt" unterzeichnete. Bis heute gilt es als Handbuch zum Schutz von Opfern sexueller Gewalt und zur Prävention von Zwangsheirat.

Andererseits gelingt der Regierung offensichtlich nicht, einen gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen. Die Situation im Land ist bedrückend. Laut Bianet wurden im Jahr 2014 281 Frauen in der Türkei ermordet. Das bedeutet einen Anstieg von 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Dunkelziffer der Gewalttaten an Frauen insgesamt liege in Wahrheit sogar noch weitaus höher.

Frauen begehren auf

Diese Vermutung wird gestützt durch alltägliche Berichte von Betroffenen, vor allem auf Twitter. Über zwei Millionen Türkinnen und Türken haben unter dem Hashtag #sendeanlat (dt.: erzählauchdu) Zeugnis abgelegt über ihre persönlichen Erfahrungen. Egal ob "im Schutz der eigenen vier Wände", im überfüllten Bus, bei der Arbeit oder an öffentlichen Plätzen: Gewalt und Belästigungen im Alltag beschäftigen das ganze Land, Frauen und Männer gleichermaßen. Zwar gärt das Phänomen schon lange unter der Oberfläche, oft erzählt im Freundes-oder Familienkreis. Nun aber scheinen sich im Schutz der Anonymität des Internets immer mehr Frauen zu trauen, auch ganz offen darüber zu sprechen.

Ausgelöst hatte die

öffentliche Protestwelle der Mord an der 20-jährigen Studentin Özgezan Aslan

im Februar diesen Jahres. Ein Minibusfahrer hatte zuerst versucht, sie zu vergewaltigen. Als sie sich wehrte, schlug er sie kurzerhand mit einer Brechstange und stach dutzendfach mit einem Messer auf sie ein. Anschließend verbrannte er die Leiche und warf sie in ein Flussbett.

Die türkische Regierung verurteilte den Mord scharf und Premierminister Ahmet Davutoglu versprach, sich persönlich für die Bestrafung des Täters einzusetzen. Auch

Präsident Erdogan meldete sich zu Wort

und lieferte dabei seine Definition einer Frau gleich mit: "Eine Frau ist für mich eine Ehefrau, eine Schwester, eine Nachbarin und ein Freund", sagte er anlässlich des "Internationalen Frauentags" am 8. März.

Anständig versus Freiwild

Genau in einer solchen Definition sieht Çiçek Tahaoğlu eines der Grundprobleme. "Die Regierung hat einen Graben zwischen 'anständigen' und 'anderen' Frauen geschaffen". Nach deren Auffassung gehörten nur diejenigen Frauen zur ersten Kategorie, die "mindestens drei Kinder haben, kochen, und sich um Kinder und den Ehemann kümmern". Unterm Strich seien das alles Frauen, die ihrer Familie und nicht dem eigenen beruflichen Streben Vorzug geben. Und damit blieben sie automatisch in einer Art Opferrolle. Und der Rest sei sowieso mehr oder weniger Freiwild, so die Soziologin.

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