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Wirtschaft

Schwacher Euro: Chance oder Risiko?

Europas Exporteure und Zentralbanker freuen sich, Importeure und Urlauber haben das Nachsehen. Der schwache Euro könnte Europas Wirtschaft ankurbeln - doch er birgt auch Gefahren.

1,39 US-Dollar bekam man im März 2014 für einen Euro, 1,29 US-Dollar waren es noch im September - und jetzt sind es nur noch 1,19: Die europäische Gemeinschaftswährung hat gegenüber dem Dollar in den vergangenen Monaten immer stärker an Wert verloren. Momentan befindet sie sich gar

auf dem tiefsten Stand seit 2006

. Überraschend kam das nicht: Während die amerikanische Notenbank Fed darauf zusteuert, die Zinsen bald wieder anzuheben, setzt die Europäische Zentralbank (EZB) auf eine weitere Lockerung der Geldpolitik. Denn in den USA hat die Konjunktur stark an Fahrt gewonnen - in der Eurozone ist das Wirtschaftswachstum nach wie vor eher moderat. "Im Prinzip passiert das, was viele Analysten schon die ganze Zeit prognostiziert haben", sagt Stefan Schneider, Volkswirt bei der Deutschen Bank, im DW-Interview. Seine Kollegen sehen den Wechselkurs in den kommenden Jahren immer stärker in Richtung Parität gehen: Gut möglich, dass ein Euro demnächst nur noch einen Dollar wert sein könnte.

Sorgen machen müsse man sich wegen des fallenden Euros nicht, so Schneider. Im Gegenteil: Der billige Euro macht Einkäufe aus Europa attraktiver, Exportnationen wie Deutschland profitieren davon sehr. Europäische Unternehmen werden auch gegenüber Japan, wo es in den vergangenen Jahren eine starke Währungsabwertung gegeben hat, konkurrenzfähiger.

Eurokurs spielt Draghi in die Hände

Ein schwacher Euro ist ganz im Sinne der Europäischen Zentralbank. Im Interview mit dem Handelsblatt sagte

EZB-Präsident Mario Draghi

vergangene Woche, der Wechselkurs sei zwar keine Zielgröße der EZB-Politik, aber der Kurs sei wichtig für Preisstabilität und Wachstum. Um Preisstabilität sicher zu stellen, die Inflation also weiter anzukurbeln, liefen Vorbereitungen für "gegebenenfalls notwendige zusätzliche Maßnahmen", so Draghi. Viele Experten deuten dies als Bereitschaft der EZB, Staatsanleihen in großem Stil zu kaufen.

Alexis Tsipras, Vorsitzender der griechischen Linkspartei Syriza Foto: REUTERS/Alkis konstantinidis

Alexis Tsipras, Vorsitzender der griechischen Linkspartei Syriza

Diese Spekulationen heizen den Fall des Euro weiter an, genau wie die Angst vor einem Ende der Sparpolitik in Griechenland oder vor dem Euro-Austritts des Landes: Drei Wochen vor den Parlamentswahlen in Griechenland liegt die Linkspartei Syriza laut Umfragen deutlich in Führung. Und die will den Spar- und Reformkurs beenden und von den internationalen Gläubigern einen Schuldenerlass verlangen, was einer Aufkündigung der Vereinbarungen mit den Geldgebern gleichkäme. In einem Bericht des "Spiegel" heißt es, die deutsche Bundesregierung halte ein Ausscheiden der hoch verschuldeten Griechen aus der Währungsgemeinschaft

für nahezu unausweichlich

, falls das Land nach der Parlamentswahl seine Sparpolitik aufgebe.

"Die Griechenlanddiskussion ist hier ganz elementar - psychologisch ist das eine große Belastung und die spiegelt sich an den Finanzmärkten wider", so Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, gegenüber der DW. "Das passt natürlich auch in das Konstrukt von Herrn Draghi. Man will durchaus einen schwächeren Euro sehen und damit die Ökonomien, gerade in Südeuropa, positiv beeinflussen."

Gefahr einer neuen Krise?

Das Nachsehen haben bei dem aktuellen Wechselkurs nicht nur USA-Reisende. Auch Produkte, die aus dem Ausland nach Europa eingeführt werden, können teurer werden - etwa Computer aus Asien. Der niedrige Ölpreis könnte bei einem stärkeren Euro zu noch billigerem Benzin an den Tankstellen im Euroraum führen.

Europäische Zentralbank Frankfurt am Main Foto: Hannelore Foerster/Getty Images

Die Europäisce Zentralbank will für Preisstabilität sorgen - der schwache Euro kommt ihr da gelegen

Auch ausländische Investoren machten in der Eurozone mit ihren Anlagen zur Zeit eher Verluste, sagt der Finanzmarktanalyst Christoph Zwermann. Er fürchtet, dass der Euro noch weiter fallen könnte. "Wir werden dann erleben, dass der Euro viel schneller nach unten geht als einem das vielleicht lieb ist", so Zwermann gegenüber der DW. "Es kann schnell dazu kommen, dass das eine neue Eurokrise hervorruft - ganz einfach deshalb, weil das Vertrauen in den Euro oder in Europa sehr stark schwindet." Ein Vertrauensverlust sei wesentlich gefährlicher, als mit einem starken Euro zu leben. "Die großen deutschen Exportunternehmen kommen auch mit einem Euro von 1,40 klar und sind dann immer noch konkurrenzfähig."

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