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Global Ideas

Schwabbelige Alleskönner

Transparenter Glibber, der wehtut, wenn man ihn berührt. Das verbinden viele Menschen mit Quallen. Doch mit ihrer Anpassungsfähigkeit und außergewöhnlichen Eigenschaften sind sie viel mehr als das.

Nahaufnahme von Händen die einzelne Quallen vor der Kamera in die Luft halten (Foto: EPA/Angel Medina)

In riesigen Schwärmen treiben Quallen durchs Mittelmeer

Im Herbst 2013 näherte sich dem schwedischen Atomkraftwerk Oskarshamn eine lautlose Gefahr. Kein Erdbeben oder terroristischer Angriff legte den Reaktor lahm, sondern Quallen. Die Weichtiere wurden von den Kühlwasserpumpen angesaugt und verstopften die Anlage. So wurden sie unfreiwillig zu Atomkraftgegnern und zum Gegenstand zahlreicher Meldungen, die eine Invasion der Quallen prophezeiten. Doch sie planen weder, die Weltherrschaft an sich zu reißen, noch sind sie berechnende Störenfriede, die die Menschheit ärgern wollen. Viel mehr sind sie verkannte Wunderkinder der Meere, ausgestattet mit unglaublichen Fähigkeiten, von denen weitaus populärere Tiere wie Delfine nur träumen können. Denn obwohl die Qualle kein Gehirn hat, ist sie richtig clever. Durch ihre Anpassungsfähigkeit kann sie mit beinahe allen Widrigkeiten zurechtkommen.

Nahaufnahme einer Ohrenqualle (Foto: picture alliance/WILDLIFE)

Die Medusen der Ohrenqualle

Seit mehr als 500 Millionen Jahren schwebt sie durch nahezu alle Ozeane, egal ob nah an der Wasseroberfläche oder in Tiefen bis zu 700 Metern. Die Qualle ist das älteste Tier der Welt. Gegen sie sind Dinosaurier Babys der Evolution, denn die gab es erst rund 250 Millionen Jahre später. Und auch ihr Facettenreichtum ist beeindruckend. Rund 4000 verschiedene Arten gibt es. Die bekanntesten unter ihnen gehören zur Gruppe der Scyphozoa, den so genannten "echten Quallen". Das sind die glibberigen Gesellen mit den schirmartigen Köpfen und den bis zu 15 Meter langen Tentakeln.

Unterschiedliche Erscheinungsformen

Gelblich leuchtende Qualle (Foto: Michael Bentley)

Manche Quallen leuchten

Quallen sind wahre Formwandler. Sie durchlaufen einen beeindruckenden Lebenszyklus. Am Meeresboden fest verankert, sitzen geschlechtslose Polypen. Wenn Temperatur und Umgebung stimmen, bilden sie kleine blütenartige Scheiben (Ephyren), die abgestoßen werden. Daraus entwickeln sich männliche und weibliche Medusen, die im Erwachsenen-Alter so aussehen, wie wir sie kennen, also mit Schirm und Tentakeln. Aus den Eizellen und Spermien der erwachsenen Qualle entstehen kleine Larven, die sich wieder auf den Weg zum Meeresboden machen und zu Polypen werden.

Die Lebensspanne von Quallen variiert dabei von Art zu Art. "Die Ephyren der Ohrenqualle werden zum Beispiel zu Beginn eines Jahres gebildet und ihre Medusen sterben im Herbst schon wieder ab. Doch es gibt auch Medusen, die wesentlich älter werden können", erklärt Dr. Ilka Sötje von der Universität Hamburg. Sie hat mit Gerhard Jarms, einem der führenden deutschen Quallenexperten, zusammengearbeitet und kennt sich mit den wabbeligen Tieren gut aus. “Von Periphylla periphylla nimmt man an, dass die Tiere bis zu 25 Jahre alt werden können. Und bei der Gattung Turritopsis wurde beobachtet, dass sich die Medusen in Polypen zurückverwandeln.” Das würde der Biologin zufolge bedeuten, dass diese Quallengattung potenziell unsterblich ist.

Effektive Killer

Quallen fressen in erster Linie Plankton und Fischlarven, aber auch kleine Krustentiere und Fische verfangen sich in ihren Tentakeln. Bei Berührungen schießen diese blitzschnell winzige Giftharpunen ab. Die Nesselkapseln von Hydra attentuata etwa entladen sich innerhalb von drei Millisekunden, erklärt Sötje. Aber nicht nur für Fische können Quallen gefährlich werden. Auch Badegäste, die ihre Tentakeln streifen, werden oft von ihnen gestochen. Bei Arten wie der Seewespe kann das sehr gefährlich werden. “Das Gift von Chironex fleckerie ist eine spezielle Mixtur, die bei Fischen sehr schnell zu Lähmung und Tod führen muss, damit die Qualle sie erbeuten kann”, erklärt die Meeresbiologin. “Fische sind Wirbeltiere wie wir, also recht nah mit uns verwandt. Deshalb können die Nesselkapseln auch bei uns diese Wirkung erzielen.” Viel ungefährlicher ist da Mastigias papua. Sie frisst vor allem Plankton, aber auch Sonnenlicht steht auf ihrer Speisekarte. Im schützenden Quallengewebe siedeln sich nämlich Algen an, die dort sehr gut mit Stoffen wie CO2 versorgt werden. Wenn die Qualle nahe der Wasseroberfläche schwimmt, produzieren die Algen durch Photosynthese Zucker, von dem sich die Qualle ernährt.

Hilfe für die Medizin

Quallengericht auf dem Teller (Foto: Fotolia)

Quallen auf dem Teller? Ungewöhnlich aber schmackhaft

Aber Quallen nehmen nicht nur Licht auf. Sie können es auch produzieren. Einige Quallenarten sind lumineszent, leuchten also. Verantwortlich dafür sind spezielle Proteine, die auch als Leuchtmarker in der medizinischen Forschung eingesetzt werden, um etwa Krebszellen unter dem Mikroskop sichtbar zu machen. Auch andere Bereiche der Medizin sind auf die Qualle aufmerksam geworden. Dr. Levent Piker von Coastal Research & Management in Kiel forscht zusammen mit einem Wissenschaftsteam daran, Knorpelschäden mit Hilfe von Quallenkollagen zu reparieren. “Das Quallenkollagen ist dem menschlichen Knorpelkollagen sehr ähnlich und eignet sich bestens zur Herstellung von kleinen Schwämmchen”, erläutert der Zoologe. “Die werden dann zum Beispiel im Knie als eine Art Gerüst eingesetzt, an dem sich die menschlichen Knorpelzellen wieder ansiedeln sollen.”

Heute Qualle süß-sauer

Quallen sind aber nicht nur in der Medizin beliebt, sondern auch als Nahrungsmittel. Für ca. 150 Tierarten, unter anderem für Wale, sind sie ein willkommener und leicht zu erbeutender Snack. Und auch Menschen sind auf den Geschmack gekommen. Etwa ein Dutzend Quallenarten, wie die Spiegeleiqualle, sind essbar. In einigen Teilen Asiens gilt Qualle schon seit Jahrhunderten als Delikatesse. Auch für Küchenchefs in Europa und den USA ist sie keine unbekannte Zutat mehr. In Großbritannien versucht die TV-Köchin Ching-He Huang, ihren Zuschauern diesen Snack schmackhaft zu machen. Die gebürtige Taiwanesin erklärt, dass Quallen wegen ihres angenehmen Mundgefühls oder ‘kou-gan’ sehr geschätzt würden. Das Mundgefühl sei in der chinesischen Küche genauso wichtig wie Geschmack, Farbe und Aroma. “Sie haben eine köstlich knusprige und gleichzeitig etwas zähe Konsistenz. Menschen, die ein bisschen aufgeschlossen sind, werden es lieben.”

Gewinner des Klimawandels

Qualle mag nicht jedermanns Geschmack sein, doch wir sollten uns an sie gewöhnen. Nicht zuletzt, weil wir Menschen ihre Lebensbedingungen stets verbessern. Durch Überfischung beseitigen wir allerhand Meeresbewohner, die sich ebenso wie Quallen, vor allem von Plankton ernähren. Weniger Fische bedeuten ein reichhaltigeres Buffet für Quallen. Manche Meeresbiologen vermuten sogar, dass der Klimawandel und die einhergehende Übersäuerung der Meere sowie die Verschmutzung der Gewässer das Wachstum der Quallen begünstigen. Das könnten Gründe für die mancherorts immer häufiger auftretenden Quallenplagen sein. Die Qualle ist also nicht nur ein faszinierendes und facettenreiches Lebewesen. Sie könnte auch einer der wenigen Gewinner des Klimawandels sein und uns alle überleben.